+
Alle für einen : ( v.l.) Max Wohlfahrt, Jessica Rollert mit Kind, Patrick Reinartz, Jessica Franke, Daniela Delasbe und Marc Schmidt vor ihrem Haus in Hohenpeißenberg.

Viele Fragen bleiben offen

Nach Brand in Hohenpeißenberg: Im Zweifel für den Angeklagten

Es war ein Schock für Hohenpeißenberg, als Mitte November ein Stadel in einem Wohngebiet abbrannte. Dieser Tage hat sich das Gericht mit damit beschäftigt. Auch nach dem Prozess bleiben Fragen offen.

Hohenpeißenberg – Wegen Brandstiftung und versuchter schwerer Brandstiftung musste sich Patrick Reinartz kürzlich vor dem Schöffengericht am Weilheimer Amtsgericht verantworten. Der 25-jährige Hohenpeißenberger bestritt die Tat vehement. Er habe den Brand in dem Stadel in Hohenpeißenberg nicht gelegt, sagte er im Gespräch mit der Heimatzeitung. Ein Geständnis hatte er nie abgelegt. Vor dem Verhandlungstermin hat sich die Hausgemeinschaft für den 25-Jährigen stark gemacht. Die Mitmieter hatten Sorge, dass einer, der unter ihnen lebt oder lebte, für etwas verurteilt und be-straft wird, was er ihrer Meinung nach nicht getan haben kann. Sie hatten die Heimatzeitung zu sich nach Hause eingeladen, um zu schildern, wie sie die Nacht des Brandes erlebten und warum der Angeklagte ihrer Ansicht nach das Feuer nicht gelegt haben konnte. Die Sorge war umsonst, das Schöffengericht unter dem Vorsitz von der Direktorin des Weilheimer Amtsgerichtes, Regina Sieh, sprach den Angeklagten frei – wegen des Grundsatzes „im Zweifel für den Angeklagten“.

Der Brand

Es ist die Nacht auf den 16. November 2017. In Hohenpeißenberg kehrt gegen 23.30 Uhr langsam die nächtliche Ruhe ein. Dieter A. (Name von der Redaktion geändert) tritt vor sein Haus, er will noch den Müll in die Tonne werfen. Da hört er, wie es in dem gegenüberliegenden Stadel knistert. Er realisiert sofort: Der Schuppen brennt. A. rennt ins Haus, setzt einen Notruf ab und eilt zu dem Mehrfamilienhaus, das direkt neben dem brennenden Stadel steht. Er vermutet, dass die meisten Bewohner den Brand noch nicht bemerkt haben und will sie warnen. Der Stadel steht so nahe an dem Wohnhaus, dass die Flammen das Gebäude jederzeit erfassen können. Dieter A. klingelt Sturm.

Jessica Franke lebt damals in einer Erdgeschoss-Wohnung in dem Mehrfamilienhaus. In jener Nacht wird sie aus dem Schlaf gerissen, weil es an die Tür wummert. Im Hausgang erfährt sie von dem Feuer und rennt die Treppen hinauf in den ersten Stock. Dort lebt eine Familie mit einem Säugling. Jessica Franke hämmert an die Wohnungstür. Patrick Reinartz und Jessica Rollert öffnen ihr. In dem Moment schlägt Reinartz‘ Feuerwehr-Piepser Alarm. Seit ein paar Wochen ist er Mitglied der Hohenpeißenberger Feuerwehr. Er rennt aus dem Haus und läuft seinem Feuerwehrkommandanten Matthias Steiner in die Arme.

Feuerprobe für das neue Löschfahrzeug der Hohenpeißenberger Feuerwehr: Mit aller Kraft verhinderten die Einsatzkräfte, dass der Brand auf das Wohnhaus übergriff.

So werden die Vorkommnisse jener Novembernacht, als in Hohenpeißenberg ein Stadel an der Rigistraße komplett abgebrannt ist, ein paar Monate später in der Anklageschrift für die Verhandlung des Schöffengerichts am Amtsgericht Weilheim geschildert. Das Wohnhaus unmittelbar daneben konnte nur gerettet werden, weil die Feuerwehr so schnell am Brandort war und weil sie kurz zuvor ein neues, effektiveres Feuerwehrfahrzeug mit Frontwerfer bekommen hat, das bei diesem Brand das erste Mal zum Einsatz kommt.

„Zwei Minuten später, und das Haus wäre nicht mehr zu retten gewesen“, sagt der Eigentümer des Hauses, Klaus Schott. Das hätten ihm die Feuerwehrleute nach dem Brand gesagt. Die Fensterrahmen seien geschmolzen, die Fenster gesprungen, und auch die Holzverkleidung an der Fassade war bereits angegriffen.

Die Feuerwehr Peißenberg wird zu Hilfe geholt, insgesamt arbeiteten damals 80 Feuerwehrleute mit vier Fahrzeugen daran, zu verhindern, dass die Flammen auf das Wohnhaus übergreifen. Das gelingt. Der Stadel aber, in dem Brennholz, Reifen und Reisig gelagert sind, brennt komplett ab. In dieser Nacht müssen die Bewohner sich zwar eine andere Unterkunft suchen, aber am nächsten Tag können sie in ihre Wohnungen zurück.

Die Ermittlungen

Wenig später nimmt ein Gutachter die Arbeit auf. Er soll die Brandursache ermitteln. Die Kriminalpolizei Weilheim beginnt mit Zeugenbefragungen. Auch alle Hausbewohner schildern den Verlauf des Abends, an dem der Stadel brannte. Nachdem alle ausgesagt hatten, und festgestellt wurde, dass das Feuer in dem Stadelabteil ausgebrochen ist, das der Familienvater und der Hauseigentümer gemeinsam nutzten, wird Patrick Reinartz noch einmal auf die Wache bestellt. Gegen ihn richtet sich nun der Verdacht, dass er den Brand selbst gelegt hat. Die Polizei sei bei ihren Ermittlungen zu dem Ergebnis gekommen, dass sich der Familienvater dazu entschlossen habe, das Feuer zu entfachen, weil er sich bei dem anschließenden Einsatz bewähren und sich damit die Anerkennung seiner Feuerwehrkameraden und seiner Verlobten verdienen wollte, steht in der Anklageschrift.

Aus dem Familienvater, der zunächst ein Zeuge war, wurde erst der Tatverdächtige und dann der Angeklagte. Ihm wurde vorsätzliche Brandstiftung in Tateinheit mit versuchter schwerer Brandstiftung vorgeworfen. Seinen Dienst bei der Hohenpeißenberger Feuerwehr musste er deswegen inzwischen einstellen.

Wie die Flammen entfacht wurden, dazu haben die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft kein Ergebnis erbracht. Der Angeklagte habe „auf nicht mehr ermittelbare Art und Weise ein Feuer“ entzündet, hieß es in der Anklageschrift. Und dass sich der Familienvater vor und nach dem Brand auffällig verhalten habe.

Belastend für den jungen Mann wurde auch die Aussage einer Familienhelferin gewertet, die laut Anklage schilderte, was ihr der Familienvater kurz vor dem Brand erzählt haben soll: Es habe einen Brand gegeben mit einem toten Kind im Alter seiner Tochter. An diesem Tag hatte die Hohenpeißenberger Feuerwehr aber keinen Einsatz. Hat Patrick Reinartz das Feuer gelegt, um dann als Feuerwehrmann als der große Retter auftreten zu können?

Der Prozess

Eine Antwort darauf kann auch der Indizienprozess, der sich über zwei lange Verhandlungstage hinzieht, nicht liefern. Der Gutachter kommt aber zu dem Ergebnis, dass der Brand nicht, wie von den Feuerwehrleuten zunächst vermutet, in den Mülltonnen ausgebrochen ist. Man hatte angenommen, dass noch glühende Asche aus dem Holzofen eines Mieters dort entsorgt worden war. Der zuständige Brandbeauftragte der Kriminalpolizei stellt vor Gericht aber eindeutig klar, dass das Feuer in dem Abteil des Schuppens ausbrach, das sich der Angeklagte und der Vermieter teilten.

Die Spurenuntersuchungen einen Tag nach dem Brand hatte das ergeben. „Die Brandverzehrungen von innen nach außen zeigen das deutlich“, sagt der Beamte. Als Brandursache ausschließen kann er zudem einen technischen Defekt, das Abteil hatte keine Elektrik. Ein Blitzeinschlag kommt nach bekannter Wetterlage an diesem Tag nicht in Frage. „Es war eindeutug Brandstiftung, entweder durch Fahrlässigkeit oder Vorsatz“, erklärt der Beamte. Hinweise auf einen Brandbeschleuniger entdeckte er nicht.

Merkwürdig fand er das Verhalten des Angeklagten. Dieser war bei den kriminaltechnischen Untersuchungen am Brandherd die ganze Zeit vor Ort. „Er war richtig lästig“, erinnert sich der Brandbeauftragte. Aber ist diese Art von Neugier ein Indiz für eine Täterschaft?

Es beginnt schlecht für Patrick Reinartz. Bei seiner Aussage zu Beginn der Verhandlung verwickelt er sich in viele Widersprüche und erzählt kuriose Geschichten. So erklärt er, seine damalige Behauptung gegenüber der Sozialarbeiterin einen Tag vor dem tatsächlichen Brand – er habe gerade einen schweren Brandeinsatz mit einem toten Kind hinter sich – vor Gericht anders. Das sei seinem Onkel in Nürnberg passiert, der habe ihm diese furchtbare Geschichte erzählt. Als Richterin Sieh ihn darauf hinweist, dass man den Onkel ausfindig machen und befragen werde, wünscht der 25 Jährige dazu viel Glück. „Den werden Sie nicht finden, der ist vor ein paar Monaten gestorben“, behauptet er.

Am zweiten Verhandlungstag wird dann das Protokoll der Vernehmung des Onkels verlesen, der quicklebendig in Nürnberg angetroffen worden war. Dieser bezeugte, niemals bei der Freiwilligen Feuerwehr gewesen zu sein. Daraufhin benötigt Patrick Reinartz eine Pause. Er weint, zittert. Es scheint so, als habe er nicht damit gerechnet, dass sein Onkel ausfindig gemacht wird.

Insgesamt 16 anstrengende Stunden dauert der Prozess im brütend heißen Gerichtssaal. Die Hitze setzt allen Beteiligten mächtig zu. Die 14 Monate alte Tochter des Angeklagten wird bei der Zeugenaussage ihrer Mutter quengelig und darf mit Erlaubnis der Richterin durch den Saal krabbeln.

Die Sozialarbeiterin hatte an dem Abend, als sie von der Geschichte mit dem Brand und dem toten Kind erfuhr, aus Sorge um den Angeklagten ihren Kollegen benachrichtigt, der auch bei der Krisenintervention tätig ist. „Ich habe ihm zunächst geglaubt“, sagt er vor Gericht. Ganz professionell habe er ein Gespräch mit Reinartz geführt. Aber auf dem Weg nach Hause seien ihm Bedenken gekommen. „Ich hatte gar nichts von diesem angeblichen Brand mit einem toten Kind gehört – dabei bin ich im Kriseninterventions-Team“, berichtet er. Zuhause habe er recherchiert und nichts gefunden. Als dann tatsächlich ein Brand ausbrach und auch noch in unmittelbarem Umfeld von Patrick Reinartz, benachrichtigte er die Polizei.

Was vor Gericht auch für Verwunderung sorgte, waren die übereinstimmenden Aussagen sowohl des Angeklagten als auch die seiner Verlobten und mehrerer Freunde. Alle bezeugten, am Tatort einen fremden Mann mit einem Kapuzenshirt gesehen zu haben.

Aber auch zwei Feuerwehrmänner bemerkten diesen Unbekannten und – vollkommen überraschend – beobachtete die Frau eines Feuerwehrlermannes diese merkwürdige Gestalt auch noch am nächsten Tag in der Früh am Brandort, als sie zur Arbeit ging.

Hat vielleicht ein völlig Unbekannter das Feuer gelegt? Zugang zu dem Abteil in dem Schuppen hätte er gehabt. Denn nachweislich war das ansonsten immer zugesperrte Abteil an jedem Abend nicht verschlossen. Es wurde nicht von der Feuerwehr aufgebrochen, auch das konnte der Kriminalbeamte eindeutig beweisen.

Seltsam hatte sich auch der Vermieter selbst verhalten. Nachdem er den Brand bemerkte, parkte er zunächst sein Auto um. Warum benachrichtigte er nicht zuerst die Feuerwehr?

Das Urteil

All diese offenen Fragen und Ungereimtheiten sind Grund genug für Verteidigerin Nicole Kuhn, am Ende des Prozesses auf Freispruch zu plädieren. „Fasst man das alles zusammen, kann es nur Freispruch heißen. Es gilt immer noch ,in dubio pro reo’ – ,im Zweifel für den Angeklagten’“.

Der Staatsanwalt sieht das anders: Er stützt sich in seinem Plädoyer gerade auf die Lügengeschichte. Es sei kurios und äußerst schuldbehaftet, dass genau einen Tag, nachdem der Angeklagte ein Lügenmärchen über einen Brandeinsatz erzählte, am folgenden Tag tatsächlich einer stattfindet.

Er wundere sich auch darüber, dass sich der Familienvater nicht vorrangig um die Evakuierung seiner Verlobten und seiner Tochter gekümmert habe, sondern eiligst zu den Kollegen der Freiwilligen Feuerwehr geeilt war, um an den Löscharbeiten teilzunehmen. Er fordert eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten – ohne Bewährung.

„Wir sind nicht von Ihrer Unschuld überzeugt“, sagt die Vorsitzende Richterin Regina Sieh bei der Urteilsverkündung. Dennoch sprach das Gericht den Angeklagten schließlich frei. Dem Schöffengericht reichten die Indizien nicht, um Reinartz wegen Brandstiftung zu verurteilen. Auch in dem stärksten Argument für eine Täterschaft – die Geschichte, die der Familienvater am Abend vor dem Brand in Hohenpeißenberg erzählt hatte – sah das Gericht kein ausreichendes Motiv.

Patrick Reinartz weinte nach der Urteilsverkündung. Es waren Tränen der Erleichterung.

Von Regina Wahl-Geiger und Kathrin Hauser

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Ein Bürgerbegehren in Sachen „Umfahrung“?
2019 wird es in Weilheim womöglich ein Bürger- oder Ratsbegehren in Sachen „Umfahrung“ geben. Bürgermeister Loth sagte beim „Jour Fixe“ am Montag im Rathaus, diese …
Ein Bürgerbegehren in Sachen „Umfahrung“?
Renaturierung: Wie die Ammer wieder wurde, wie sie einmal war
Die Ammer ist eines der letzten Wildflussjuwele des bayerischen Alpenvorlandes. Dies ist tatkräftigen Menschen zu verdanken, die sich vehement für eine Renaturierung …
Renaturierung: Wie die Ammer wieder wurde, wie sie einmal war
Oberhausen: Grünes Licht für Baugebiet „Berger Au“
Oberhausen kann sein neues Baugebiet „Berger Au“ angehen: Der Gemeinderat segnete den Bebauungsplan ab. Elf neue Häuser sollen im Ortsteil Platz finden. Doch nicht jeder …
Oberhausen: Grünes Licht für Baugebiet „Berger Au“
Eine Jungbürgerversammlung – nur cooler
Was wünscht sich die Peißenberger Jugend? Um diese Frage ging es bei der Veranstaltung „Jugend diskutiert“, die im Rahmen des Projektes „Whats Up?!“ im Foyer der …
Eine Jungbürgerversammlung – nur cooler

Kommentare