Die Auerochsen flüchteten auf die Marieninsel im großen Ostersee.
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Die Auerochsen flüchteten auf die Marieninsel im großen Ostersee.

Große Rettungsaktion

Nach Flucht von der Weide: Auerochsen durchschwimmen See und stranden auf kleiner Insel

  • Franziska Seliger
    vonFranziska Seliger
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  • Wolfgang Schörner
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Es war ein ungewöhnliches Bild: Fünf Auerochsen schwammen durch den großen Ostersee bei Iffeldorf. Die Tiere waren vergangene Woche von einer Weide ausgebüxt.

Iffeldorf – An so einen Einsatz kann sich keiner der Beteiligten erinnern. 34 Personen waren dabei – Polizisten, Feuerwehrleute, Wasserwachtler, der Eigentümer samt Helfer und andere mehr. Dabei begann es am vergangenen Freitag recht unspektakulär. Die Polizei erhielt am Vormittag Anrufe, Kühe würden in den Osterseen schwimmen. Auch nahe der Lauterbacher Mühle wurden sie gesichtet. Allerdings – und da begann es bereits, ungewöhnlich zu werden – hätten sie sehr lange Hörner.

Die Polizei suchte die Gegend ab, an Land und mit der Wasserwacht per Boot. Gegen Mittag entdeckten sie Spuren im Schilf der kleinen Steigerinsel – und dann die fünf Tiere auf der Marieninsel im Großen Ostersee. Sie waren vom Westufer herübergeschwommen.

Auerochsen schwimmen durch Iffeldorfer See - und lösen Großeinsatz aus

Was sich zu dem Zeitpunkt schon herausgestellt hatte: Es waren die fünf Auerochsen, die von einer Weide bei Gut Schwaig stammen. Gut 600 bis 700 Kilogramm schwere Tiere: vier Mutterkühe, zwischen sechs und acht Jahre alt, sowie ein junger Stier, alles in allem aber sehr scheue Tiere. „Wie Rehe, wenn sie Menschen sehen“, sagt Axel Baufeld, seit 27 Jahren Besitzer von Gut Schwaig. „Wenn man sich mehr als 200 Meter nähert, bekommen sie Angst“, sagt er. „Sie sind sehr viel sensibler als Hausrinder.“ Weil die Tiere auf der unwegsamen Insel jedoch „sichtlich zufrieden waren“, wie Penzbergs Polizeichef Jan Pfeil erklärt, habe man sie erst einmal dort gelassen und über das Wochenende den „Inselabtrieb“ geplant: auf dem gleichen Weg schwimmend zurück zum Westufer.

Diesen Weg nahmen die geflüchteten Auerochsen in Iffeldorf.

Start war am Dienstag gegen 8.30 Uhr. Zunächst sperrten Polizei, Iffeldorfer Feuerwehr und Bauhof die Wanderwege am Ost- und Westufer ab. Dann fuhren Fischer mit ihren leisen Elektrobooten zur Westseite der Marieninsel – um die Tiere notfalls, vom Boot aus mit orangefarbener Warnkleidung, davor abzuschrecken, in die falsche Richtung, also ans Ostufer, zu schwimmen. Zugleich landeten Besitzer Baufeld und drei seiner Mitarbeiter auf der Insel, um die Tiere ins Wasser zu treiben.

Auerochsen in Iffeldorf ausgebüxt - sie strandeten auf einer Insel

Und es klappte: Mit einem kurzen Zwischenstopp auf der Steigerinsel schwammen die Auerochsen zum Westufer. Sechs Boote von Fischern, Feuerwehr, Wasserwacht und Limnologen bildeten einen Korridor. Nach etwa einer Viertelstunde waren die Tiere am Ufer. „Es war begeisternd zu sehen, wie sie schwimmen können“, erzählt Baufeld. Wichtig sei dabei gewesen, dass die Tiere nicht mehrmals die Richtung ändern, erklärt Jens Lewitzki, Leiter des Veterinäramts, der ebenfalls hinzugezogen wurde. Denn dann wären sie ertrunken.

Am Ufer gesellten sich die Auerochsen zu Kühen auf zwei Weiden in der Umgebung, ganz von alleine. Sie sollen dort – nach Absprache mit den Bauern – ein paar Tage lang zur Ruhe kommen. „Ihr Adrenalinspiegel muss runter“, sagt Baufeld. Dann, so seine Strategie, würden sie sich selbstständig auf den Weg zu ihrer Heimatweide machen, wahrscheinlich nachts, da sie „Nachtwanderer“ sind. Die flexiblen Zäune der Kuhweide stellten kein Hindernis dar. Andernfalls besteht ihm zufolge die Möglichkeit, die Tiere per Blasrohr zu sedieren und sie am Seil zurückzubringen.

Rettungsaktion von Iffeldorfer Auerochsen - Großeinsatz am See

Die Auerochsen selbst würden keine Menschen angreifen, erklärt der Besitzer, sie hätten Angst. Auf der Flucht in Panik könnten sie aber gefährlich werden. Deshalb, so Jan Pfeil, habe man den „Inselabtrieb“ morgens angesetzt und die Wege gesperrt. Es seien Tierwohl und öffentliche Sicherheit abgewogen worden, sagt Veterinär Lewitzki. „Das A und O war die Planung“, fügt Feuerwehrkommandant Matthias Ott hinzu. Alle hätten Hand in Hand gearbeitet, so Kreiswasserwachtleiter Marcus Sägmüller („Normalerweise haben wir andere Schwimmer), der mit Elisabeth Seiderer, Leiterin der Wasserwacht Penzberg-Iffeldorf, in einem Boot saß. Bürgermeister Hans Lang („Ich war nur Zuschauer“) lobt ausdrücklich Polizeichef Pfeil für diese Vorbereitung. Und dieser freut sich, dass die Taktik „voll aufgegangen“ ist und viele Fachleute halfen. Beeindruckt hat ihn die Wucht der Tiere – „wie das Wasser spritzt, ein elementares Erlebnis“.

Axel Baufeld hält auf Gut Schwaig nahe dem Großen Ostersee, eigentlich ein Pferdehof, seit 26 Jahren Auerochsen, mittlerweile in der zehnten Generation, Sie stammen vom ausgestorbenen europäischen Urrind ab. Er besitzt sie eigenen Worten nach quasi als Rasenmäher. Für den moorigen Untergrund an den Osterseen seien die Spalthufer ideal, auch wenn zum Beispiel in Flussauen eine Verbuschung gestoppt werden soll. Deshalb verkauft er sie an Menschen, die Ausgleichsflächen schaffen müssen.

Wieso die Tiere ausbüxten, erklärt Baufeld so: Vor ein paar Wochen nahm ein Tierarzt Blut ab – eine Auflage bei der Haltung dieser Tiere. Das versetzte sie in Stress. Als vergangene Woche zwei Mitarbeiter Baufelds auf die Weide kamen, um einen Zaun zu reparieren, der einen Baum schützt, war es den Tieren zu viel. Sie nahmen Reißaus.

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