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„Rechtzeitig zu uns zu kommen lohnt sich“, sagt Beratungstellen-Leiterin Mechthild Gödde (l., hier im Gespräch mit Redakteurin Stephanie Uehlein). 

Aktuelles Interview mit Mechthild Gödde 

„Es gibt so viele heimliche Erzieher“

Landkreis – Die Mutter, die nach der Trennung von ihrem Mann zunehmend Probleme mit den Kindern hat oder  das Ehepaar, dessen Sohn im Kindergarten  handgreiflich wird: Sie alle haben im Landkreis Anlaufstellen, bei denen sie sich Rat holen können – die drei psychologischen Beratungsstellen des Erziehungs- und Jugendhilfeverbundes Oberland in Weilheim, Penzberg und Schongau. Mit Blick auf aktuelle Entwicklungen gab deren Leiterin, Mechthild Gödde, Auskunft.

In etwa der Hälfte der Fälle, die Ihre Beratungsstellen 2015 bearbeitet haben, ging es um Kinder, deren Eltern sich getrennt haben. Welche Probleme stehen da im Vordergrund?

Es ist so, dass wir es zunehmend mit Familien zu tun haben, bei denen sich Mutter und Vater getrennt haben. Die Kinder haben dann meistens das Problem, dass sich die Eltern streiten. Und oft sehen beide Eltern den Grund dafür, dass die Kinder leiden, im Verhalten des anderen. Sie können den Kindern oft nicht die nötige Sicherheit geben, damit es ihnen gut geht.


Wie können die Berater den Betroffenen helfen?

Wichtig ist, dass wir bei den Ursachen angreifen, also mit den Eltern arbeiten. Diese sollen wieder lernen, ihre Kinder in den Blick zu nehmen, die sich manchmal gar nicht mehr auf das Spielen konzentrieren können. Gerade bei Elternteilen aus sehr zerstrittenen Familien richtet sich der erste Blick oft auf den Ex-Partner und darauf, was dieser alles falsch macht. Eltern, die freiwillig zu uns kommen, setzten aber schon oft bei sich selbst an. Sie wollen dann Rat, wie sie etwas besser machen können.

Welche Probleme stehen allgemein bei der Beratung im Vordergrund?

Es stehen tatsächlich Themen mit Bezug auf Trennung und Scheidung im Vordergrund, auch Probleme, die sich schon im Vorfeld einer Trennung ergeben, spielen eine Rolle. Von 2014 auf 2015 deutlich zugenommen haben Beratungen wegen Verhaltensauffälligkeiten, etwa aufgrund von Ängsten oder Aggressionen. Gut ist, dass viele Eltern rechtzeitig und von selbst zu uns kommen. Wir hatten 2015 fast 70 Prozent sogenannte Selbstmelder. Sich Rat zu holen, ist ja auch etwas Kluges. Viele kommen auf Empfehlung ehemaliger Klienten zu uns.

Wie lange muss man auf einen Beratungstermin warten?

Über 50 Prozent der Klienten bekommen innerhalb von zwei Wochen den ersten Termin. Wenn man länger warten muss, liegt das in der Regel daran, dass die Familie ein komplexes Problem hat und dass die Motivation nicht bei allen Beteiligten gleich groß ist. Manchmal wollen sogar beide Elternteile nicht wirklich zu uns kommen. Unsere wichtigste Aufgabe ist es, Eltern bei der Erziehung Mut zu machen, damit sie auch bei Schwierigkeiten dran bleiben.

Stellt die Hilfe für Flüchtlingsfamilien eine besondere Herausforderung für Ihre Beratungsstellen dar?

Zahlenmäßig ist der Anteil der Flüchtlingsfamilien noch nicht so groß. 2015 hatten wir etwa zehn Fälle, heuer gab es einen leichten Anstieg. Probleme haben wir aber mit der Verständigung und auch damit, dass bei Flüchtlingskindern hinter vermeintlich „normalen“ Problemen – etwa bei auffälligem Verhalten im Kindergarten – sehr viel mehr steckt als bei unseren üblichen Fällen.

Und welche Tendenzen zeichnen sich in der Beratung sonst noch ab?

Zunehmend beschäftigt uns das Thema „Medienkonsum bei Schülern“, der zu Abhängigkeiten führt und den Eltern nicht mehr regulieren können. In der Einzelfallarbeit ermuntern wir Eltern, etwa genau hinzuschauen, welche Spiele ihre Kinder nutzen. Und wir vermitteln Eltern, dass sie ganz lange ganz wichtig sind für ihre Kinder. Nicht alle sind mit 18 Jahren wirklich „groß“. Die Welt ist heute so komplex und so kompliziert, es gibt so viele heimliche Erzieher, wie eben auch den Medienmarkt. Wir ermuntern Eltern auch sich Hilfe zu holen, beim Partner oder Ex-Partner, bei Verwandten, Lehrern... und bei den Erziehungsberatungsstellen.

Kontakt zu den Beratungsstellen:

 in Weilheim: Telefon 0881/ 40470,

in Penzberg: Telefon 08856/1674,

in Schongau: Telefon 08861/9693.

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