Lässt sich nur beim Klettern hängen: Florian Hacker beim Bouldern in der Weilheimer Kletterhalle. 

Florian Hacker aus Prem

Lebenslust pur 

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Landkreis - Elegant steigt Florian Hacker die Kletterwand hinauf. Souverän hält er die kleinen Griffe der Tour im Schwierigkeitsgrad 6+ in der Weilheimer Kletterhalle. Nur wenn der 30-Jährige den Tritt wechselt, wird der Fluss kurz unterbrochen. Hacker springt zum Tritt – er muss, denn er hat nur ein Bein.

 Der gebürtige Kaufbeurener, der mit seiner Freundin in Prem lebt, war bis zu seinem Unfall 2009 Forstwirt. Er war gerade dabei, einen Stamm zu vermessen, als ein 600 Kilogramm schwerer Baumstamm beim Verladen aus dem Greifer rutschte und auf ihn fiel. „Ich bin trotz Zurufen nicht mehr weggekommen“, sagt Hacker. Er spürte keine Schmerzen, war bis zum Eintreffen des Rettungshubschraubers bei Bewusstsein.

Vier Wochen später wurde Hacker aus dem künstlichen Koma geholt. Erst die Woche darauf habe er gemerkt, dass etwas nicht stimmte. „Ich war so zugedröhnt“, erzählt er. Bis zu seinem Aufwachen schwebte der 30-Jährige in Lebensgefahr. Sein Oberschenkel war völlig zerquetscht, das Becken zertrümmert. Die Blase musste rekonstruiert und der Harnleiter verlegt werden. Eineinhalb Jahre hat sich Hacker ins Leben zurückgekämpft. Er erzählt nüchtern und unbekümmert von dieser schweren Zeit, in der sich manch anderer aufgegeben und dem Selbstmitleid ergeben hätte. Nicht so Hacker: „Ich habe den Verlust meines Beines ziemlich gelassen aufgenommen und ziemlich schnell Witze über mich selbst gerissen“, sagt er. Zum Beispiel, ob er jetzt im Schuhgeschäft Rabatt bekomme.

Es ist Freude am Leben, die der Premer ausstrahlt. Er ist ruhig, zurückhaltend; wenn er erzählt, macht er das leidenschaftlich. Mit seinem Schicksal hadern? Nicht Hacker, im Gegenteil, er kann ihm sogar etwas Positives abgewinnen: „Dieser Pechtag war eigentlich nur ein kurzer Moment in meinem Leben. Eigentlich habe ich eine pure Glückssträhne, die bis heute anhält“, sagt er. Glück findet der 30-Jährige auch im Sport. Vor dem Unfall war er aktiv, und er ist es heute wieder. Draußen sein, im Wald und den Bergen, das war ihm seit der Kindheit wichtig.

Der Wunsch, wieder in die Berge zu gehen, war übermächtig: „Wenn sie in der Klinik gesagt hätten, ich kann das nicht mehr, hätten sie die Maschinen gleich abstellen können“, sagt Hacker. Doch dank seines unbändigen Willens blieben die Berge kein Traum. „Ich habe mich auf Krücken ins Leben zurückgekämpft“, sagt Hacker. Als er in die Reha kam, war er schon so fit, dass sie ihn bald heimschickten. Bereits in der Unfallklinik Murnau hatte er mit Rollstuhlbasketball begonnen, das er immer noch ausübt; er trainiert sogar eine Mannschaft.

Zunächst mit kleinen Touren legte der Premer den Grundstein für seine alpinen Unternehmungen. Mittlerweile stehen Gipfel wie die Alpspitze und die Geiersteine in seinem Tourenbuch. Vor der Arbeit – Hacker sitzt an der Kasse des Walderlebniszentrums Füssen, wo er dem Wald wieder näher ist – geht er eine Stunde spazieren. „Meine Tagestour brauche ich immer“, so Hacker, der für ungläubiges Staunen sorgt, wenn er durch die Berge streift.

Wer gesehen hat, wie sicher und flott sich der Premer auf felsigen Steigen bewegt, zieht den Hut vor ihm. Die Reaktionen sind meist – aber nicht immer – positiv. Das Unbekannte, das Fremde verunsichert manchen, der Hacker begegnet. Doch der geht offen mit seiner Behinderung um. „Die Leute schauen, und daran gewöhnt man sich“, sagt er lapidar. Doch es gibt auch lustige Begebenheiten wie die mit einem kleinen Mädchen, das fast in sein Hosenbein gekrochen war, um zu schauen, wo denn das Bein ist.

Am Felsen klettert der sympathische Premer, wenn es sich ergibt. In der Halle ist er regelmäßig. Ein Freund hatte Hacker vor Jahren dorthin mitgenommen, dann hat er bei einem Bergführer einen Kurs gemacht, um trotz seines Handicaps vorsteigen zu können, also als Seilerster zu klettern. Mit nur einem Bein zu klettern steigert natürlich die Schwierigkeit enorm. Es fehlt nicht nur an Stabilität, es erfordert immens viel Kraft. Dennoch ist Hacker sicher im oberen sechsten Grad unterwegs. „Das Niveau möchte ich halten“, hat er sich vorgenommen. Und noch einiges mehr.

Priorität hat aber die Familie. Demnächst möchte Hacker mit seiner Freundin ein Haus bauen und in nicht allzu weiter Zukunft eine Familie gründen. Eine Alpenüberquerung steht auch auf der Agenda des Premers, doch wann, überlässt er der Zeit. Und vielleicht kann er auch wieder in seinem geliebten Wald arbeiten, zum Beispiel als Maschinenführer. Hacker setzt sich bei seinen Plänen aber nicht unter Druck. „Ich war früher ungeduldig ohne Ende“, charakterisiert er sich selbst. „Man lernt Gelassenheit und Geduld.“

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