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Das Radiostudio ist die Heimat von Thorsten Otto („Mensch, Otto!“). Doch jetzt talkt er auch auf der Bühne. 

aktuelles interview  mit Thorsten Otto

„Raus aus der Komfortzone!“

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Landkreis – Er ist der Fachmann für Gespräche: An die 2000 „Talks“ hat Thorsten Otto bereits für seine Bayern 3- Sendungen „Mensch, Otto!“ und „Stars & Hits“ geführt, er bekam den „Deutschen Radiopreis“ und hat einen Ratgeber über Gesprächsführung geschrieben („Die richtigen Worte finden“). Jetzt talkt er auch auf der Bühne. Vor dem Auftritt am 31. März mit Micky Beisenherz in Oberhausen traf sich Magnus Reitinger mit Otto in dessen Wohnort Tutzing – an Ottos 53. Geburtstag.

Wer hat Ihnen denn heute schon gratuliert?

Die erste war meine Frau, kurz nach Mitternacht. Wir saßen vor dem Fernseher, haben – ich darf’s ja gar nicht sagen... – die wunderbare Serie „Lethal Weapon“ geguckt, und als wir mal auf die Uhr geschaut haben, war’s kurz nach zwölf. Da ging es dann auch schon los mit Gratulationen via „Facebook“. Und heute morgen hab’ ich zwei Rosen bekommen – von meinen Kindern.

Wird sich auch der ein oder andere Prominente melden?

Mein Freund Hans Sigl. Aber sonst, glaube ich, keiner.

Welche Ihrer Interviewpartner aus den letzten zehn Jahren sind heute echte Freunde von Ihnen?

Wirkliche Freundschaft? Da ist Hans der einzige, würde ich sagen. Gute Bekanntschaften – ja, die gibt’s. Aber echte Freundschaften aufzubauen, das ist schwierig. Zum Beispiel bei Politikern möchte ich das auch gar nicht. Mit unbekannteren Gästen haben sich ein paar sehr gute Bekanntschaften ergeben. Aber bei Prominenten würde ich mir auch blöd vorkommen, wenn ich hinterher frage, ob wir noch auf ein Bier gehen. Und echte Freunde hat man ja eh nicht so viele, oder?

Sie schrieben ein Buch über Gesprächsführung und sagen, dass Sie heute mit jedem auf Augenhöhe sprechen können. Aber das war nicht immer so, oder?

Ich war extrem schüchtern – ein guter Sportler, mittendrin, auch beliebt, aber nie ein großer Redner. Ich hatte immer das Gefühl, dass mir der richtige Satz zehn Sekunden zu spät eingefallen ist, gerade

bei Mädels. Irgendwann hab’ ich mir gedacht: Das muss anders werden. Und daran hab’ ich wirklich hart gearbeitet. Ich war sicherlich nicht sprachlich unbegabt, aber einfach zu schüchtern, zu wenig selbstbewusst. Auch journalistisch war es lange nicht mein Plan, eine Unterhaltungssendung zu moderieren.

Und heute macht Sie selbst ein Termin mit der Kanzlerin nicht nervös?

2013 waren wir ja für ein Interview im Kanzleramt. Was mich nervös gemacht hat, war das Drumherum, die vielen Referenten und Sicherheitsleute. Angela Merkel selbst ist nicht furchteinflößend.

Wie würden Sie Ihr Rezept, Ihre Interviewtechnik beschreiben?

Es entscheidet sich viel in den ersten Sekunden, man merkt schnell, wie ein Gespräch laufen kann: ob jemand gern erzählt, oder ob du ihn erst auftauen musst. Von daher gibt’s nicht das eine Rezept. Wichtig ist, dass sich ein Gast wohlfühlt. Es hat wenig Sinn, beim Politiker mit der härtesten aller Fragen anzufangen. Und es kommt nicht auf die Fragen an, sondern auf die Antworten.

Gibt’s eine Frage, die Sie bei Angela Merkel nicht zu stellen wagten?

Was mich bei ihr tatsächlich interessiert hätte, ist, ob es die Momente gibt, in denen sie verzweifelt ist und im stillen Kämmerlein mal Tränen verdrückt. Aber darauf wirst du keine Antwort kriegen.

Akzeptieren Sie das, wenn sich ein Interviewpartner private Fragen verbittet?

Was heißt „privat“? Das heißt alles und nichts. Ich stelle die Fragen, die mich interessieren. Es kommt ja auch darauf an, wie du fragst. Wenn das Timing und die Atmosphäre stimmen, kannst du fast alles fragen.

Ist Ihnen auch mal ein Interview so richtig misslungen?

Und wie! Ich hab mal eins per Leitung nach Berlin geführt. Das ist eh schwierig, wenn du dich nicht siehst. In diesem Fall war’s eine junge Moderatorin, die offensichtlich keine Lust auf ein Gespräch hatte und mich mit jeder Frage ins Leere laufen ließ. Da hab’ ich nach zehn Minuten gesagt: Tut mir leid, ich glaube, das klappt heute nicht, wir müssen aufhören... Das geht mir bis heute nach, warum das nicht geklappt hat, und ich hab’ sie seitdem auch nicht mehr gesehen. Das war aber das einzige unter knapp 2000 Gesprächen, das wir abgebrochen haben. Ansonsten gibt’s fünf bis zehn Prozent, auf die ich nicht stolz bin – aber auf der anderen Seite ein paar, die richtig toll liefen.

Wenn Sie drei Menschen nennen dürften, von denen Sie beim Interview so richtig beeindruckt waren – welche wären das?

Auf jeden Fall die „Krankentrösterin“ Gaby Sonnenberg, für die Sendung mit ihr haben wir ja auch den Deutschen Radiopreis 2014 gewonnen. Oder Nicole Staudinger, die mit 32 als zweifache Mutter ihren Tumor besiegte und heute Schlagfertigkeitstrainerin ist. Und neulich hatte ich – eher zufällig – den Startup-Unternehmer und Abenteurer Martin Reents zu Gast. Da saß ich hinterher einfach staunend da und dachte: Wow, was gibt es für Leute!

Sie haben jetzt keinen einzigen „Promi“ genannt. Prominente scheinen nicht immer die spannendsten Interviewpartner zu sein...

Die meisten Prominenten sind Profis, die nicht mehr rauslassen, als sie rauslassen wollen. Der beste Gast ist der, der noch nie in einer Talkshow war, an den Nordpol und in die Sahara gereist ist und zehn Herausforderungen in seinem Leben gemeistert hat... Oder aber Micky Beisenherz, mit dem ich in Oberhausen auftrete: Er ist der witzigste, schnellste Typ, den ich kenne. Und total lässig – keiner dieser typischen „Promis“.

Ich würde gern ein paar Prominente nennen – und Sie sagen bitte zu jedem dieser Gesprächspartner einen Satz, was Sie an ihm überrascht hat... Beginnen wir mit Veronica Ferres:

Mich hat überrascht, dass sie sehr gut vorbereitet in jedes Gespräch kam und sich wirklich für mich interessiert hat. Das fand ich überraschend, weil sie doch sehr viele Interviews gibt.

Boris Becker:

Da hat mich überrascht, wie sehr einen ein Idol der Kindheit und Jugend enttäuschen kann. Das war echt ein Desaster.

Margot Käßmann:

Eine unglaublich wache, schnelle, intelligente, tolle Frau. Überrascht hat mich, wie offen sie über all ihre Schattenseiten spricht. Diese Frau ist wirklich mit sich im Reinen.

Andreas Gabalier:

Ich bin mit vielen Vorurteilen ins Gespräch mit ihm gegangen – was ich gar nicht mag an mir. Und ich war positiv überrascht, wie zugewandt er ist. Er ist total höflich und sympathisch, und ich bewundere an ihm, wie früh er es schon geschafft hat, dass ihm völlig egal ist, was andere von ihm halten.

Eine fast tägliche Gesprächssendung könnte einen ja durchaus auslasten – warum gehen Sie jetzt auch noch live auf die Bühne?

Raus aus der Komfortzone! In meinem kleinen Studio zu sitzen, das hab’ ich jetzt doch sehr oft gemacht. Jetzt möchte ich sehen, ob ich das auch auf der Bühne kann. Und ich freue mich auf die Interaktion mit dem Publikum, auf die direkte Rückmeldung.

Was wird auf der Bühne anders sein als im Radio?

Wir werden das Publikum extrem einbeziehen. Und wir haben auf der Bühne zwei verschiedene „Locations“: die klassische „Latenight“-Situation mit Schreibtisch – und eine Barsituation, wo’s ans Eingemachte geht. Bei diesen Auftritten müssen die Gäste tatsächlich „Promis“, Bühnenprofis sein. Das ist das Schöne nach diesen vielen Jahren und den Kontakten, die sich in dieser Zeit ergaben: Leute wie Monika Gruber oder Günter Grünwald haben gleich „ja“ gesagt zu diesen Bühnenshows. Aber der witzigste Abend von allen wird der mit Micky Beisenherz.

Wie prominent sind Sie eigentlich selbst? Werden Sie um Autogramme gebeten, wenn Sie in Tutzing unterwegs sind?

Hier kennen mich die Leute zwar, aber das interessiert die meisten gar nicht, und sie lassen mich komplett in Ruhe. Was wunderbar ist! Aus Gesprächen und Erlebnissen mit „A-Promis“ weiß ich, wie extrem anstrengend echte Prominenz ist. Das ist Wahnsinn. Die Kohle, die die kriegen, ist für viele Schmerzensgeld.

Sie würden sich also nicht mehr Prominenz wünschen – zum Beispiel durch eine Fernseh-Talkshow?

Nein, das muss nicht sein. Wenn ich so eine Sendung total frei gestalten könnte, wäre das schon eine Verlockung. Aber ich muss es nicht haben.

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