+
In Schongau fand die Kundgebung für den ersten ganztägigen Warnstreik in der aktuellen Tarifrunde statt. 

„verdi“-streik im landkreis

„Angebot ist eine Unverschämtheit“

  • schließen

Landkreis - „Dreist! Gierig! Unerhört!“ Mit diesen Adjektiven bedachte gestern die Gewerkschaft „Verdi“ bei einer Kundgebung in Schongau die Arbeitgeber im öffentlichen Dienst. Beim ersten ganztägigen Warnstreik legten auch Beschäftigte in Peißenberg und Penzberg die Arbeit nieder.

Pfeifkonzert vor der ehemaligen Polizei in Schongau. Unter den Bannern „Pfaffenwinkel-Power – uns stinkt’s a“ und „Garmisch-Partenkirchen-Power – uns langt’s a“ formierten sich die Streikenden am Münzgebäude in der Altstadt. „Verdi“-Gewerkschaftssekretär Manuel Mayr nannte das aktuelle Angebot der Arbeitgeber im öffentlichen Dienst „eine Unverschämtheit“. Für das Jahr 2016 seien dies rechnerisch nicht einmal 0,6 Prozent Einkommenszuwachs. Dabei habe der öffentliche Dienst einen großen Nachholbedarf im Personalbereich. „Das kriegen wir aber nicht hin, wenn die Verdienstspannen zum allgemeinen Arbeitsmarkt immer größer werden“, befürchtet Mayr. Als „dreist“ nannte der Gewerkschaftssekretär die Angebote der Arbeitgeber für die Azubis, die bei gerade einmal 10 Euro Erhöhung liegen statt der geforderten 100. „Dabei haben sie nur 28 Tage Urlaub statt 30“, was sich auch ändern müsse. Verbesserungen im Tarifvertrag fordert „Verdi“ auch für die Bereiche „betriebliche Altersvorsorge“ und „Altersteilzeit“.

Ein Punkt, der auch für Erzieherinnen aus der Kita Penzberg wichtig war: „Ich will nicht mit 67 im Rollator hinter den Kindern hersausen müssen, das schaffe ich weder physisch noch psychisch“, so Erzieherin Silvia Burger. Aus jeder der fünf Gruppen der städtischen Einrichtung am Daserweg war eine Erzieherin nach Schongau gekommen, um gegen die von den öffentlichen Arbeitgebern angebotene Mini-Entgelterhöhung zu streiken. In Penzberg herrschte derweil normaler Gruppenbetrieb. Einige wenige Eltern hatten ihre Kinder zum Beispiel zu Großeltern gegeben. „Wir haben die Eltern vorab informiert“, sagte die neue Kindergartenleiterin Dagmar Köhler. Viele Eltern hätten auch Verständnis gezeigt.

Zwei junge Kolleginnen demonstrierten für die Wertschätzung ihrer Arbeit und verdeutlichten, dass sie bei den angestrebten Absenkungen der gesetzlichen Rentenauszahlungen ab 2030 auf 43 Prozent selbst mit einer betrieblichen Rente Angst um ihr Auskommen hätten. Schon heute sei der Verdienst mager: Zwischen 1100 und 1500 Euro bleiben bei den beiden Angestellten netto im Monat übrig, und dies nach 26 bzw. 36 Wochenstunden.

„Verdi“-Bezirksgeschäftsführer Werner Röll zeigte sich erfreut, wie exklusiv der Streikauftakt in Schongau gelungen sei, auch das Bayerische Fernsehen und der Privatsender Sat1 waren vor Ort. Röll griff ebenfalls das Thema „betriebliche Renteneinzahlungen“ auf. „Das Angebot der Arbeitnehmer ist nicht seriös.“ Jeder nehme für selbstverständlich, dass der öffentliche Dienst laufe, aber „vernünftige Leute brauchen eine vernünftige Bezahlung und sollten Unterstützung erfahren“. Mit 25 Mann waren Bauhof und Gemeindewerke Peißenberg nach Schongau gekommen – „in Peißenberg bleibt den ganzen Tag über alles liegen, vor allem bei den Grünanlagen ist das sehr viel“, meinten sie.

Auch aus Garmisch waren Angestellte in die Lechstadt gekommen. Die Beteiligung aus Schongau war nicht so groß. Vom Landratsamt war nur die Straßenmeisterei vertreten. Mit aufgerufen war in Schongau auch die Kita „Regenbogen“, für die Kindergartenleiter Ludwig Hahn in den Streik getreten war. Er zeigte sich etwas enttäuscht über die geringe Resonanz – insgesamt kamen nur rund 60 Streikende zusammen: „Wenn man überlegt, wie viele sich einsetzen und wie viele dann vom Abschluss profitieren – und am Ende wird man noch angefeindet, weil man sich gewerkschaftlich organisiert; das sind immer Sachen, die man mit mehreren Augen sehen muss.“

Bereits am morgigen Donnerstag könnte der Streik die Arbeitgeber wieder treffen, denn „Verdi“ ruft zum Krankenhaus-Streiktag auf. Speziell die Azubis in den Kliniken sollen auf die Straße gehen. Kommende Woche ist für Dienstag eine Kundgebung mit großer Beteiligung in Kempten geplant. Die dritte und vorläufig letzte Verhandlungsrunde zwischen Arbeitgeber und Gewerkschaft ist für Donnerstag/Freitag, 28./29. April, angesetzt.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Das wird nicht mehr lange gut gehen“
Oberhausen/Landkeis - Dr. Heiner Flassbeck äußerte bei einer Versammlung von BDM und AbLin Oberhausen Kritik am Wirtschaftssystem. 100 Besucher waren zur Versammlung …
„Das wird nicht mehr lange gut gehen“
„Es gibt so viele heimliche Erzieher“
Landkreis – Die Mutter, die nach der Trennung von ihrem Mann zunehmend Probleme mit den Kindern hat oder  das Ehepaar, dessen Sohn im Kindergarten  handgreiflich wird: …
„Es gibt so viele heimliche Erzieher“

Kommentare