Axel Piperleitet das Dekanat Weilheim, dem derzeit rund 55 000 Gläubige angehören.

Aktuelles Interview mit Dekan Axel Pieper

„Wir werben mittlerweile bei Abiturienten“

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Landkreis - Diese Probleme kannte man bisher nur von der katholischen Kirche: Pfarrermangel, Kirchenaustritte, Gemeinde-Zusammenlegungen. Jetzt trifft es auch die Protestanten.

 Allein in Bayern fehlen ihnen derzeit mindestens 250 Pfarrer. Noch ist das Dekanat Weilheim eine kleine Oase und nicht direkt betroffen – aber das ändert sich. Im Interview mit unserer Zeitung sagt Dekan Axel Piper (55), wie Kirche künftig aussieht. Außerdem spricht er über Probleme in der Pfarrerausbildung – und über seinen Traumberuf.

-Die ersten Gemeinden und Dekanate in Bayern klagen über akuten Pfarrermangel – auch Weilheim?

Nein, aktuell haben wir noch keinen Mangel. Aber der ist absehbar. In sechs bis acht Jahren gehen starke Theologen-Jahrgänge in Ruhestand. Ende der 1970er und Anfang der 1980er gab es viele Studenten und vier Predigerseminare, in denen sie ausgebildet wurden. Die waren alle voll. Heute ist noch eins in Nürnberg übrig.

-Ist der Pfarrer-Beruf mittlerweile so unpopulär?

Naja, zuerst muss man sagen, dass der Pfarrermangel bei uns nicht so groß ist wie in der katholischen Kirche. Aber klar ist der Beruf für wenige Zeitgenossen attraktiv. Als Gemeindepfarrer arbeitet man gegenläufig zum Rest: am Wochenende, an Feiertagen, in den Ferien. Eben wie ein Arzt. Wenn jemand anruft und etwas von dir will oder einer stirbt, kannst du nicht sagen: „Ach, die Beerdigung verschiebe ich auf übermorgen.“ Der Beruf ist einfach grenzenlos. Darunter leiden die Familien. Viele angehende Pfarrerinnen und Pfarrer, die vor dem Vikariat stehen, gehen gar nicht erst in die Gemeinden. Deshalb werden wir nur noch viel Phantasie brauchen, um die Pfarrer-Zahlen auf einem – niedrigen – Niveau zu halten.

-Welche phantasievollen Pläne haben Sie?

Wir versuchen, die Verwaltung so weit zu vereinfachen, dass Pfarrerinnen und Pfarrer viel weniger Zeit mit Bürokratie verbringen und ihrem Seelsorgeauftrag nachkommen können. Dazu werben wir mittlerweile in der Schule, gerade bei Abiturienten. Und wir bereiten Theologie-Studenten gezielt auf die Gemeindearbeit vor. Nicht, dass sie (nachdem sie das erste Mal in der Gemeinde waren) sagen, „das habe ich mir ganz anders vorgestellt“. Kurz: weniger Bürokratie, mehr Zeit für die Menschen.

-Stoppen lässt sich der Pfarrermangel damit aber wohl nicht. Wie sieht das Dekanat Weilheim dann in acht Jahren aus?

Vorweg: Wir haben Glück, weil das Dekanat wegen seiner Lage und Natur höchst attraktiv auch für Pfarrer ist. Gerade die nordbayerischen Dekanate trifft es schon jetzt. Was wir bereits merken: Es gibt immer weniger Bewerber für Pfarrstellen bei uns. In den besten Zeiten waren es bis zu 17 Bewerber pro Stelle, heute sind wir froh, wenn sich drei, vier oder fünf bewerben.

-Und die Konsequenzen für die Gläubigen in naher Zukunft?

Die Gemeinden werden nicht mehr frei ihre Pfarrer wählen können. Außerdem sind wir jetzt schon dran, regionale Zusammenarbeiten zu bilden. In Garmisch-Partenkirchen legen wir gerade die Gemeinden Garmisch und Partenkirchen zusammen. Es wird dort nur noch ein Büro geben, die Pfarrer teilen sich die Arbeit und entlasten sich gegenseitig. Was es nicht geben wird, sind Zwangsfusionen. Wer alleine bleiben will, bleibt alleine.

-Wie sieht es mit Kirchenaustritten aus?

Ja, auch wir haben viele Austritte. Aber ich sehe das auch als Herausforderung. Das ist ein Zeichen, dass wir nicht die Augen zumachen dürfen. Wir müssen die Kirche umbauen. Wir dürfen keine Ghettos bilden. Wir müssen ran an die Menschen, ihre Bedürfnisse, raus und aktiv sein. Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt: Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. Und wir müssen weniger über die Institution „Kirche“, sondern vor allem über unsere Inhalte sprechen.

-Damit dürfte aber auch die Belastung der Pfarrer weiter steigen, oder?

Die Pfarrer dürfen sich nicht aufarbeiten, das ist klar. Aber ich sehe das als Prozess.

-Wie stark beansprucht sind Sie – oder anders gefragt: Wie viele Stunden hat ihre Woche?

Meine Wochenstunden zähle ich nicht. Nominell habe ich einen freien Tag pro Woche, in der Praxis fällt der aber auch oft weg. Ich fange jeden Tag – wie viele – in der Früh im Büro an, habe aber natürlich auch noch Abendtermine. Aber ich mag das, weil ich so viele unterschiedliche Menschen treffe. Jetzt rede ich mit Ihnen, gleich habe ich eine Sitzung mit den Kollegen, und dann kommt der Leiter eines Posaunenchors. Wo hat man es schon mit so vielen unterschiedlichen Menschen zu tun?-

-Wenn Sie ihren Job tauschen könnten: In welches Berufsfeld würden sie wechseln?

Ich würde niemals tauschen wollen. Okay, Arzt hätte mir gut gefallen, gerade Kinderarzt, oder Journalist. Aber nein, ich möchte nicht tauschen.

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