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Sitzen die Dialoge? Bei der Probe lesen (v.l.) Regisseur Josef Niedermaier, Josef Scharnagl und Cordula Wild (r.) im Textbuch mit. Im Hintergrund: Peter Wild.

Wirtshaustheater Marnbach

Ein Dorf im Theaterfieber

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Am kommenden Samstag feiert das neue Stück des Marnbacher Theaters Premiere: „Hollerküacherl “. Die Theatergruppe bereitet sich darauf seit Monaten vor. „Tagblatt“-Mitarbeiterin Veronika Mahnkopf hat das Ensemble bei einer Probe im alten Schulhaus besucht. Und gefragt: Wie hat das eigentlich alles angefangen mit dem kleinen – und inzwischen kultigen – Dorf-Theater?

Marnbach - Es ist einige Jahre her, da steht Georg Maier, Besitzer des legendären Münchener Wirtshaustheaters „Iberl Bühne“, vor dem alten Schulhaus in Marnbach und sinniert. Gerade hat er dort ein Stück des Marnbacher Theaters gesehen, es war eines seiner Stücke, die er als Autor verfasst hat. Nach ein paar Minuten Schweigen sagt er, an seine Frau gewandt: „Raphaela, des kaff’ ma.“ Gekauft hat Maier das alte Schulhaus damals nicht – die Marnbacher Theaterer haben gleich abgewunken. War wohl gut so. Sonst säßen am kommenden Samstag, bei der Premiere des neuen Stücks, wahrscheinlich lauter Münchener im Publikum. Nicht auszudenken.

Ein Glück, dass Georg Maier die alte Schule nicht gekauft hat...

In einer der kältesten Nächte dieses Winters, wenige Tage vor der Premiere, sitzt noch kein einziger Zuschauer im Theatersaal – oder eher Theaterzimmer – im ersten Stock des alten Schulhauses direkt am Friedhof. Noch sind nicht einmal die Stuhlreihen in dem kleinen Raum, der von der Größe her eher ein Wohnzimmer ist, aufgebaut. Stattdessen liegen und stehen kreuz und quer Schuhe, Blusen, Hosenträger, Textbücher, Taschen und Kisten. Ganz vorn vor der Bühne sitzt Regisseur Josef Niedermaier (57) – Schnauzer, Lesebrille auf der Nase und in Fleecejacke – an einem kleinen Tisch, knabbert einen „Manner“-Keks und studiert das Textbuch. Ab und zu klebt er einen orangefarbenen Zettel an eine Textstelle. Hier muss noch gefeilt werden.

Auf der Bühne hakelt Josef Lutz, ein hochgewachsener, glatt rasierter 48-Jähriger, der den Pfarrer spielt, gerade mit seiner Haushälterin Felicitas. Susanne Albrecht (35), eine sportliche Brünette, spielt diesen durch und durch bigotten, durchsetzungsstarken „Zölibatsverstärker“. Nein, sie wird dem Pfarrer seine „grattlerhaften“ Hollerküacherl nicht backen. Das ist kein standesgemäßes Essen für einen Kirchenmann, erklärt sie und stellt mit Nachdruck Stockwürscht fürs Mittagessen auf den Herd. Lutz schaut immer wieder in Richtung Himmel, während sie so zetert, und betont mit friedfertiger Stimme: „Man wird sich schon zammaraffen.“

Die Kostüme sitzen inzwischen, die Theatergruppe hat sie am Wochenende zuvor in Niederbayern bei einem Verleih abgeholt. Das Durcheinander drumherum, Susanne Albrechts schnell zusammengebundener Pferdeschwanz und die Würschtl aus Stoff im Topf verraten aber: Hier wird noch geprobt.

Hollerküacherl und die „Sünderin“ Magda (Cordula Wild, 2.v.l.) sorgen für ordentlich Trubel bei (v.l.) Josef Lutz als Pfarrer, Georg Nied ermaier (Zachai), Susanne Albrecht (Felicitas) und Josef Scharnagl (Detektiv Schleicher).

Seit Monaten geht das so. Im Herbst hat Regisseur Niedermaier das Stück „Hollerküacherl – eine bayerische Delikatesse von Georg Maier“ ausgewählt, im November haben die Proben begonnen. Jetzt – die Premiere rückt immer näher – üben die Theaterer mindestens dreimal in der Woche. Zwischendurch haben sie noch selbst das Bühnenbild gebaut: eine Pfarrhaus-Stube mit Herrgottswinkel, Küche und vielen kleinen Details. Überhaupt kümmern sich die Marnbacher Theaterer um alles selbst: Flyer, Maske, Kostüme. Den Kartenvorverkauf bewerkstelligt Georg Niedermaiers Frau Gabi. Ihr System: ein DinA3-Blatt mit der Sitzanordnung darauf, in die jeder Zuschauer namentlich eingetragen wird. So wissen die Theaterer: Der Großteil der Zuschauer kommt aus der Umgebung, nur etwa 40 Prozent der Zuschauer sind Marnbacher.

Ausverkauft sind die Vorstellungen immer. Besonders seit 2010, als die Theatergruppe mit eigenem Logo und einer Prise Marketing richtig bekannt im Umland wurde. 2011 gab’s sogar den Kulturpreis der Stadt Weilheim. Viele haben seitdem gefragt: Warum geht ihr mit euren Vorstellungen nicht in den Saal des wesentlich größeren Gemeindehauses nebenan? Das alte Schulhaus aufgeben? Undenkbar für die Theaterer. „Da samma dahoam“, haben sie dazu nur gesagt. Die Stadt, Besitzerin des alten Schulhauses, ist seit jeher einverstanden. Die Theatergruppe weißelt dafür immer mal wieder oder baut ein neues WC ein. Und: Sie spendet einen Teil der Einnahmen aus den Vorstellungen. Heuer werden es insgesamt 18 sein, die Theaterer erwarten jeweils über 100 Zuschauer.

1983 fing alles ganz klein an

1983, als es anfing mit dem Marnbacher Theater, hat sich wohl noch keiner vorstellen können, dass die kleine Dorfbühne mal solche Dimensionen erreicht. Josef Niedermaiers Vater, der den gleichen Namen trägt, wählte in den 1980ern die Stücke aus – alles Einakter, die bei Veteranenfeiern aufgeführt wurden. Der Star dieser Vorstellungen war aber seine Frau: Katharina Niedermaier, die Kathi. Im Januar dieses Jahres ist die „Mutter des Marnbacher Theaters“, wie sie vom Ensemble liebevoll genannt wird, im Alter von 91 Jahren gestorben. Sie war Zeit ihres Lebens ein Bühnenmensch. Bei jeder Gelegenheit sang und schauspielerte die gebürtige Marnbacherin, studierte mit den Dorfkindern Krippenspiele ein. Dass sie mit Josef Niedermaier sen. ausgerechnet einen theaternarrischen Aschauer heiratete, und dass auch ihre Schwestern so gern Theater spielten, war und ist das große Glück fürs ganze Dorf: Bald sang, musizierte und schauspielerte der halbe Ort im damaligen Wirtshaus „Porer“ – allen voran die Familie Niedermaier.

Die ist auch jetzt, bei der Probe im alten Schulhaus, gleich mit zwei Mitgliedern vertreten: Josef Niedermaier, der Regisseur, und sein Bruder Georg Niedermaier, der heuer den Mesner Zachai spielt. Letzter steht gerade auf der Bühne, ein Trumm von einem Mann mit einer gewissen Ähnlichkeit zum Schauspieler Josef Bierbichler, ganz in Schwarz, weil der Mesner nach dem Tod des Totengräbers auch dessen Arbeit übernehmen musste. Manchmal fällt Niedermaier der Text nicht mehr ein, was er mit einem ärgerlichen „Zefünferl“ kommentiert. Josef Niedermaier brummelt ihm dann leise die Stelle zu, den Blick immer aufs Textbuch gerichtet.

Papa als größter Fan und schärfster Kritiker

In Georg Niedermaiers Arm eingehakt und mit verführerischem Blick: Magda, „eine Sünderin aus der Stadt“, wie es im Programmheft heißt. Eine Ex-Prostituierte, gespielt von Cordula Wild (33). Die Jüngste im Ensemble, schlank und mit blonden Locken, hat ihren wahrscheinlich größten Fan – und vielleicht auch schärfsten Kritiker – quasi im Nacken sitzen. Hinter dem Regie-Tischchen sitzt ihr Vater Peter Wild (70) mit Brille und in blauer Daunenjacke auf einem Stuhl und verfolgt das Geschehen auf der Bühne. Er ist gewissermaßen das historische Gedächtnis des Ensembles, hat sich viel mit der Geschichte des Marnbacher Theaters beschäftigt und kümmert sich mit 30 anderen hinter den Kulissen um den Theaterbetrieb. Jetzt gerade schaut er sich genau an, wie seine Tochter als Magda den treuherzigen und ein bisserl einfach gestrickten Zachai umgarnt.

Darauf, dass solche Szenen nicht zu freizügig werden, hat früher die Niedermaier Kathi mit strengem Blick geachtet. „Dreckad spuin, des duad ma ned“, hat sie einmal gesagt, erzählt Peter Wild. Das Schauspiel musste immer im züchtigen Rahmen bleiben, das war der gottesfürchtigen Kathi wichtig. Auch außerhalb des Theaters wachte sie mit Adleraugen über die Ordnung im Dorf. Wild erinnert sich an einen Vorfall im Sommer, lange ist’s noch nicht her: Niedermaier fuhr – wie immer – mit ihrem Bulldog zum Blaslweiher, um zu schwimmen, und ertappte Nacktbader am Ufer. Da gab’s einen Anpfiff, der sich gewaschen hatte.

Gerade bei ihrem letzten Stück, „A Kufern“ (2002), musste sie auch immer wieder schimpfen – spielte es doch in einem Bordell. Kathi Niedermaier übernahm damals die Rolle der Nonne, danach war für sie Schluss. „Besser geht’s nimmer“, hat sie gesagt. Sechs Rollen hatte sie da seit 1995, als es mit dem Theater so richtig anfing und das Ensemble Dreiakter spielte, hinter sich. Bei den Vorstellungen war sie auch danach immer dabei, saß jedes Mal in der ersten Reihe.

Heuer wird ihr Platz zum ersten Mal leer bleiben. Dabei ist sie bei der Probe an diesem eiskalten Februarabend aber irgendwie trotzdem. Wie ein wohlwollender Schatten, der über der Bühne wacht. Bis zuletzt hatte sie auch bei den Proben immer wieder vorbeigeschaut, Tipps gegeben. Wichtig war ihr immer der Dialekt. Den hat sie fürs Krippenspiel Kindern, die kein Bairisch konnten, regelrecht „eingepflanzt“, wie Peter Wild erzählt. Mit dem heurigen Ensemble – es wechselt von Jahr zu Jahr – wäre sie, was das angeht, wohl sehr zufrieden. Alle fünf Schauspieler sprechen ein feines Bairisch, ein „Iberl-Bühnen“- Münchenerisch, das wunderbar in den Ohren klingt.

Auf den Husten- folgt ein Lachanfall

Gerade debattiert in eben jenem Dialekt der im Pfarrhaus aufgetauchte Detektiv Schleicher, gespielt von Josef Scharnagl (56), mit Magda und versucht sie zu erpressen. Scharnagl, groß, schlaksig, in karierter Kniebundhose, hat kurz zuvor abseits der Bühne mit viel Mühe einen uralten Bunsenbrenner in Gang gebracht, der im Stück noch eine wichtige Rolle spielen soll. Auf Details legen Marnbachs Theaterer überhaupt sehr viel wert. Susanne Albrecht muss als Haushälterin Felicitas in einer Szene rauchen. Am Probenabend steckt sie die Zigarette zum ersten Mal wirklich an – und bekommt erst einmal einen Hustenanfall, auf den ein Lachanfall folgt. Albrecht ist konsequente Nichtraucherin. Hilft ja nichts, die Rolle verlangt’s. Am kommenden Samstag muss alles sitzen.

Nur noch ein paar Mal proben die Marnbacher Theaterer bis dahin. Dann wird der Saal im alten Schulhaus wieder voll sein. Vielleicht sitzt Georg Maier von der „Iberl Bühne“ auch wieder im Publikum. Diesmal kann er den direkten Vergleich wagen, aktuell wird „Hollerküacherl“ auch auf seiner „Iberl Bühne“ gespielt. Und vielleicht kommt ihm nach der Aufführung wieder die Idee, die Bühne in der alten Schule zu kaufen. Die Theaterer sagen dann hoffentlich einmal mehr „nein“ und behalten ihr kleines Dorftheater mit Wohnzimmerflair, direkt neben dem Marnbacher Friedhof.

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