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Nerven bewahren – das müssen Sandro Leitner (rechts) und seine Kollegen in der Integrierten Leitstelle in Weilheim bei jedem Anruf. Täglich erreichen sie mehrere hundert Notrufe, berichtet Leitstellen-Leiter Helmut Ochs (links).

Zum Tag des europäischen Notrufs

Die Lebensretter am Telefon

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Eine Nummer wird in Bayern tagtäglich viele hundert Male angerufen – immer dann, wenn jemand in Not geraten ist. Die Ersten, die helfen, wenn die 112 gewählt wird, sind die Einsatzkräfte in den Integrierten Leitstellen.

Weilheim - Sie müssen die richtigen Fragen stellen und die richtigen Entscheidungen treffen – innerhalb von Sekunden.

Sandro Leitners Beruf ist es, Ruhe zu bewahren. Er sitzt vor fünf großen Bildschirmen, spricht mit ruhiger Stimme in sein Headset und gibt Anweisungen. Manchmal geht es darum, die Anrufer zu beruhigen. Manchmal geht es um Leben und Tod. Jetzt im Moment geht es um einen Kreislaufzusammenbruch in einem Altenheim. Leitner fordert einen Krankenwagen an. Auf einer interaktiven Karte kann er dank GPS-Signal genau sehen, welche Einsatzkräfte gerade in der Nähe sind. Die Bestätigung, dass sie unterwegs sind, kommt innerhalb weniger Sekunden. Für Sandro Leitner ist die Arbeit abgeschlossen, sobald sie am Einsatzort eintreffen. Dieser Fall war leicht. So leicht ist es nicht immer, wenn in der Integrierten Leitstelle in Weilheim das Telefon klingelt.

Die Notrufnummer 112 wird in Bayern jeden Tag viele hundert Male gewählt. Alle Anrufe werden an die Disponenten in den 26 Integrierten Leitstellen in Bayern weitergeleitet. Sie alle sind Rettungssanitäter, haben eine Feuerwehrausbildung und eine spezielle Schulung hinter sich. Sie wissen, wie man anderen dabei hilft, in Krisensituationen die Nerven zu bewahren. Zum Beispiel einer Frau, die anruft, weil ihr ein Kind vor das Auto gerannt ist. Oder einem Anrufer, der seine Frau bewusstlos in der Küche gefunden hat. Oder einem Ehepaar, dessen Keller plötzlich unter Wasser steht. Die Leitstelle alarmiert Feuerwehr oder Rettungsdienst. Manchmal müssen die Disponenten per Telefon sogar die Erste-Hilfe-Maßnahmen oder eine Reanimation anleiten.

Als Helmut Ochs vor mehr als 20 Jahren seinen ersten Arbeitstag in einer Leitstelle hatte, sahen die Arbeitsplätze noch ein wenig anders aus. Statt fünf großer Bildschirme hatten sie einen gigantischen Papierbogen vor sich. „Damals ist noch alles über Formulare gelaufen“, erzählt Ochs, der seit 2008 Leiter der Weilheimer Leitstelle ist. „Es gab zwar einen Großrechner, aber der war eigentlich nur für die Protokollierung da.“ Seine jüngeren Kollegen können sich das kaum noch vorstellen.

Wenn Sandro Leitner an seinem Arbeitsplatz sitzt, hat er mit wenigen Mausklicks den Überblick über die Landkreise Weilheim-Schongau, Garmisch-Partenkirchen und Bad Tölz-Wolfratshausen und deren Einsatzkräfte vor sich. Eine riesige Arbeitserleichterung – vor allem bei Großeinsätzen wie dem Jochberg-Brand vor einigen Wochen oder Sturm Niklas im Jahr 2015.

Es sind aber nicht unbedingt die Großeinsätze, die Leitner und seinen Kollegen besonders in Erinnerung bleiben. Nie vergessen wird er die abgestürzte Bergsteigerin, die den Notruf wählte, ihm aber nicht genau sagen konnte, wo sie sich befindet. Irgendwo im Estergebirge auf dem Weg zum Krottenkopf war sie verunglückt. Während der 29-Jährige und seine Kollegen versuchten, ihre Position zu bestimmen, stürzte die Frau noch einmal ab und verlor dabei ihr Handy. „Es war zum Glück noch angeschaltet“, erzählt Leitner. „Wir hörten die Hilfeschreie der Frau noch.“ Fast vier Stunden hat es gedauert, bis die Einsatzkräfte bei ihr waren. „Die Handyortung war damals noch nicht so gut wie heute“, sagt Sandro Leitner. Die Frau konnte gerettet werden.

Nicht jeder Anruf ist so dramatisch. Immer wieder gibt es auch Fehlalarme. Einmal hatte Leitner einen Sturzbetrunkenen am Telefon, der Hilfe für den Heimweg anforderte. „Er wollte über die 112 ein Taxi bestellen.“ Damals konnte der 29-Jährige nicht helfen. Aber ein bisschen schmunzeln musste er schon. Nur einen kurzen Moment lang – bis er den nächsten Notfall in der Leitung hatte.

112 – die europaweite Notrufnummer

Die 112 ist nicht nur in Deutschland, sondern in allen EU-Ländern eine kostenlose Notrufnummer. Sie ist vorwahlfrei und wird im Funk- und Festnetz mit Vorrang behandelt. Die Verbindung mit den örtlichen Notrufzentralen funktioniert selbst dann, wenn gerade kein Mobilfunknetz verfügbar ist. Laut BRK weiß jedoch nicht einmal jeder fünfte Bürger, dass mit der 112 europaweit Notrufzentralen erreicht werden können. Um das bekannter zu machen, wurde der Tag des europäischen Notrufs eingeführt.

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