Weilheim

Unbekannte namens Zirkel und Geodreieck

Weilheim - Manfred Pfund, der Gründer der „Schüler-Coaches“ in Weilheim, gibt nun Mathe-Unterricht für Asylbewerber. Er äußert sich im Interview.

Die Asylbewerber in Weilheim erhalten Deutschkurse, aber nicht nur: Manfred Pfund, ehemaliger Leiter des „Weilheimer Schülercoachings“ bot im vergangenen Sommer in einem Pilotprojekt auch ein Mathematik-Training an. Dieses startet nun in die nächste Runde.

Wer hatte das Trainings-Projekt im Sommer initiiert?

Das Projekt wurde vom Weilheimer „Unterstützerkreis Asyl“ ins Leben gerufen. Nach einiger Zeit kam der Unterstützerkreis auf mich zu und fragte, ob ich dort Mathematik-Unterricht geben könnte.

Wie viele Asylbewerber haben Sie im Sommer unterrichtet?

Ich habe zweimal pro Woche 14 Asylbewerbern aus Eritrea Mathematik-Unterricht gegeben. Sie sollten damit auf die Schule vorbereitet werden.

Wie sind Sie mit der Sprachbarriere umgegangen?

Manfred Pfund ist seit Jahren ehrenamtlich aktiv.    

Der Mathematik-Unterricht bestand zu zwei Dritteln aus Deutsch-Übungen. Am Anfang jeder Aufgabe haben wir sprachliche Begriffe geklärt. Die Bezeichnungen für Addition und Subtraktion, also für Plus und Minus, mussten sitzen. Außerdem war jede Rechenaufgabe auch in Worten ausformuliert, damit die Asylbewerber die deutschen Begrifflichkeiten schneller lernen.

Gab es auch Dolmetscher?

Nein, zumindest nicht im klassischen Sinne. Den Trainern standen jedoch gebildete Asylbewerber zur Verfügung. Deren Übersetzungen waren sehr hilfreich. Der Lerneffekt ist nämlich dann am größten, wenn die Flüchtlinge in ihrer Muttersprache kommunizieren.

Wie motiviert waren die Flüchtlinge?

Es war unglaublich, mit welcher Begeisterung die Neuankömmlinge das Wissen aufgesogen haben. Diejenigen, die nach Deutschland kommen, wollen lernen und sich entwickeln.

Sind Probleme aufgetreten?

Es gab überhaupt keine. Ganz im Gegenteil, ich habe viele Vorurteile gegenüber Asylbewerbern verloren.

Warum wird es eine Fortsetzung des Mathe-Trainings geben?

Weil meiner Meinung nach dringender Bedarf besteht. Besonders für die weniger gebildeten Flüchtlinge ist die Anbahnung mathematischer Kompetenzen sehr wichtig.

Was bedeutet „Anbahnung mathematischer Kompetenzen“?

Es ist wichtig, den Kontext zur Wirklichkeit nicht zu verlieren. Wir wollen keine akademischen Fähigkeiten vermitteln, sondern mathematisches Grundverständnis. Diese Basis ist wichtig für eine erfolgreiche Integration.

Wann ist der Startschuss für das Training?

Ende November haben sich Interessierte und der „Unterstützerkreis Asyl“ getroffen, um die Einzelheiten zu besprechen. In den folgenden Tagen wurden Asylbewerber aus Weilheim über das Angebot informiert. Dazu wurden Rundschreiben in den jeweiligen Muttersprachen der Flüchtlinge verteilt. Anschließend trafen sich Trainer und interessierte Asylbewerber. Dabei gab es einen Einstufungstest, um einen Überblick über das Bildungsniveau der Asylsuchenden zu bekommen.

Wie wird der Unterricht aussehen?

Der Mathe-Unterricht findet in kleinen Gruppen von fünf bis sechs Teilnehmern statt. Uns stehen dafür sieben ehrenamtliche Trainer zur Verfügung. Treffpunkt ist das Schulungszentrum des Unterstützerkreises in der Oberen Stadt. Die gebildeteren Asylbewerber, die bereits eine Schule besuchen oder einen Arbeitsplatz in Aussicht haben, bekommen Zusatz- oder Vorbereitungskurse. Flüchtlingen mit einem niedrigeren Bildungsstand, wollen wir erst einmal Unterrichtsinhalte aus der Grund- und Mittelschule vermitteln. Oft müssen wir aber auch bei viel grundlegenderen Dingen helfen.

Wie zum Beispiel?

Viele Asylbewerber unterstützen wir zuerst einmal bei ihrer Arbeitsorganisation. Nicht wenige haben noch nie in ihrem Leben einen Zirkel oder ein Geodreieck in der Hand gehalten. Das Lernen mit Arbeitsblättern ist für einige auch völlig neu.

Fragen: Regina Mittermeier

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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