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Unfassbare Szenen ereigneten sich im Januar 2018 auf der A95 - hier ein Symbolbild.

Endlose Verfolgungsjagd bei Höchstgeschwindigkeit

Junge Raser missbrauchen A95 als Kriegsschauplatz - jetzt stehen sie kleinlaut vor dem Richter

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Unfassbare Geschehnisse ereigneten sich im Januar 2018 auf der Autobahn A95. Die drei Beteiligten - zwei Münchner und ein Weilheimer - standen jetzt vor Gericht. 

Weilheim – Dass die beiden Brüder aus München und ein Weilheimer am 29. Januar 2018 auf der A 95 sich gegenseitig wild überholt haben, war zu Beginn des Prozesses am Amtsgericht Weilheim unstrittig. Die Frage war nur, wer welchen Anteil an dem als „verbotenes Autorennen“ angeklagten Geschehen hatte. Die Geschichten, die die Angeklagten Jugendrichterin Claudia von Hirschfeld bei der Verhandlung vor dem Jugendschöffengericht am Amtsgericht Weilheim erzählten, waren sich irgendwie ziemlich ähnlich – nur dass sich jeweils der Erzähler als Opfer der wilden Jagd auf der Autobahn sah und das auch so schilderte.

Bis es so weit war, dass die Staatsanwältin die Anklage verlas, in der den jungen Männern vorgeworfen wurde, am 29. Januar 2018 gegen 18 Uhr ein „verbotenes Autorennen“ auf der A 95 gemacht zu haben, war fast eine Stunde vergangen.

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Zu Beginn hatte einer der beiden angeklagten Brüder, ein 28-jähriger Münchener, Bedenken bezüglich seiner Verhandlungsfähigkeit geäußert. Er sei Diabetiker und befinde sich im Unterzucker, weil er nichts zu Mittag gegessen hatte. Diesem sei er jetzt mit Unmengen an Schokolade und Cola begegnet, weswegen sein Anwalt befürchtete, dass er nun bald Hypoglycämie bekomme.

Sein Blutzuckermessgerät habe er leider nicht dabei. Die Verhandlung könne schon beginnen, zur Not müsse eben ein Notarzt alarmiert werden. Darauf wollte de die Jugendrichterin nicht ankommen lassen. Sie unterbrach die Verhandlung, um den Angeklagten von einem Amtsarzt untersuchen zu lassen.

Anwalt bezweifelt Kompetenz des Amtsarztes

Nach etwa einer Dreiviertelstunde gab Stefan Günther, der Leiter des Weilheimer Gesundheitsamtes, der zur Untersuchung ins Gericht geeilt war, Entwarnung: „Er kann der Verhandlung folgen und es besteht keine Gefahr von einem Zuckerschock“, sagte er.

Nach anfänglichem Murren des Verteidigers des Diabetikers – er sprach Günther die Kompetenz, ab, einen Zuckerschock oder Unterzucker erkennen zu können – akzeptierte der Anwalt dessen Einschätzung zähneknirschend.

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Laut Anklage fuhr der damals 20-jährige Weilheimer im Berufsverkehr mit „maximaler Geschwindigkeit“ auf der A 95 Richtung München, als er kurz nach der Autobahnauffahrt Starnberg auf den damals 23-jährigen Münchener traf.

Dieser hat nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft auf dem Seitenstreifen überholt, was den Weilheimer dazu veranlasste, den Münchener wenig später zu überholen, dann auf seine Spur zu wechseln und zu bremsen, sodass dieser wiederum bremsen musste.

Das hat sich der 24-jährige Münchener laut Anklage nicht bieten lassen und überholte den Weilheimer rechts auf dem Seitenstreifen. Anschließend drückte auch er auf die Bremse, um den Weilheimer auszubremsen. Das ging noch eine Weile so weiter, bis der Münchener, der im Luise-Kieselbach-Tunnel vor dem Weilheimer fuhr, dort eine Vollbremsung machte und stehen blieb.

Mitten im Luise-Kieselbach-Tunnel: Schlägerei auf der Fahrspur

Der Weilheimer stieg aus seinem Auto aus, ging zu Fuß zum Fahrzeug des Münchners, es gab einen kurzen Wortwechsel und der Weilheimer schlug dem Münchener mit der flachen Hand ins Gesicht.

Doch damit endete die wilde Jagd noch nicht. Der Weilheimer fuhr nach einem kurzen Umweg wieder zurück auf die A95 Richtung Weilheim, der Münchener folgte ihm, überholte wieder auf dem Seitenstreifen und wechselte anschließend so rücksichtslos die Fahrstreifen, dass mindestens ein Fahrer abrupt abbremsen musste, um einen Zusammenstoß zu verhindern.

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Gegen 18.30 Uhr, in der Nähe des Autobahn-Dreiecks Starnberg, gesellte sich laut Anklage noch der Bruder des Müncheners, ein 28-Jähriger, der ebenfalls in München wohnt, zu den beiden. Er habe Lichthupe gegeben und sei neben dem Weilheimer hergefahren, sodass dieser die Spur nicht wechseln und sein Bruder aufschließen konnte. 

Anschließend hätten die beiden den Weilheimer ausgebremst. Als dieser die Autobahn bei Seeshaupt verlassen hatte, seien ihm die Brüder gefolgt. Der 23-Jährige habe kurz nach der Autobahnausfahrt auf der Landstraße die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren und sei ins Schleudern geraten.

Richter kennt keine Gnade: Bis zu ein Jahr Fahrverbot

Alle drei seien nicht geeignet, ein Fahrzeug zu führen, so die Anklage. Offensichtlich waren die Richter davon überzeugt, dass jeder der drei Angeklagten seinen Anteil an dem Geschehen hatte – wenn sie die Tat auch nicht als verbotenes Autorennen einstuften. Nach drei Prozessterminen wurde der 20-jährige Weilheimer unter Anwendung von Jugendstrafrecht wegen Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 1200 Euro verurteilt. Zudem bekam er ein Fahrverbot von drei Monaten und die Teilnahme an einem Verkehrskurs auferlegt.

Der 24-jährige Münchner wurde wegen Nötigung und Gefährdung des Straßenverkehrs zu einer Geldstrafe von 3000 Euro verurteilt. Sein Führerschein wurde für ein Jahr eingezogen. Das Verfahren gegen seinen Bruder wurde gegen die Zahlung einer Geldauflage in Höhe von 1500 Euro eingestellt.

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Kommentare

muc-MortAntwort
(1)(0)

Hoffentlich sind die Kosten für den Amtsarzt Bestandteil der auferlegten Prozesskosten ...

anno2015
(4)(0)

...was wollte denn der angeklagte 28-jährige ´Münchener´ bzw. dessen Rechtsbeisteher bezwecken ?
Die Verhandlung - nach 1 1/2 Jahren - noch um ein paar Tage od. Wochen hinauszögern ?!?
>kopfschüttel<
Bei diesem Gesundheitlichen Zustand ist im Übrigen nicht nur eine Psychologische Untersuchung zwecks "Reife"
sondern speziell der erste Teil der MPU wohl dringendst angeraten.

Hans
(3)(0)

Die Strafen sind viel zu mild. Ich würde statt Fahrverbot den Knast vorsehen. Wer mit dem Leben anderer spielt hat einen derben Denkzettel verdient.