Um den Biber entbrennt immer wieder Streit. Unter anderem in Obersöchering.
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Um den Biber entbrennt immer wieder Streit. Unter anderem in Obersöchering.

Riesige Population im Gemeindegebiet

Illegal oder nicht? Biber-Abschuss in Obersöchering sorgt für Streit

  • Bernhard Jepsen
    vonBernhard Jepsen
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Auf Obersöcheringer Flur wurde vor rund zwei Monaten ein, wie es in der Behördensprache heißt, Biber „entnommen“. Der Abschuss des streng geschützten Wildtiers stößt bei Naturschützern auf Kritik. Das Landratsamt beteuert jedoch, dass die „Entnahmegenehmigung“ rechtskonform ist.

Obersöchering – Viele Weiher, Seen, Bachläufe und kartierte Biotopflächen – das Obersöcheringer Gemeindegebiet ist ein Hotspot für Umwelt- und Naturschützer. Auch der Biber scheint sich auf den Fluren recht wohl zu fühlen. „Wir haben eine riesige Population“, so Bürgermeister Reinald Huber. Er betont ausdrücklich, dass er persönlich nichts gegen die possierlichen Nager hat: „Ich bin Tierfreund und mag die Biber.“ Aber in Obersöchering gebe es davon einfach zu viele. Huber spricht von einer „Biberplage“. Konflikte mit den Interessen von Landwirten und Waldbauern lassen sich oft nicht vermeiden. Und dann gibt es in Obersöchering laut Gemeinde und Landratsamt noch ein spezielles Problem – nämlich eines mit der Verkehrssicherheit.

Durch Biber besteht Gefahr von Überschwemmungen

Konkret geht es um einen Bachdurchlass an der Kreisstraße Richtung Egenried. Dort haben sich wohl mehrere Biber ausgebreitet und für Verstopfungen an der Verrohrung gesorgt. Über das Ausmaß der Schäden gibt es unterschiedliche Darstellungen. Nachdem die Grundeigentümer vorstellig geworden waren, stellte die Gemeinde jedenfalls einen Antrag auf „Biberentnahme“. Die Begründung: Durch die Aktivitäten der Biber bestehe die Gefahr von Überschwemmungen auf der Kreisstraße. Wie Hubert Wagner von der Unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt bestätigt, sei der Abschuss eines Bibers „präventiv“ erfolgt: „Wir wollten nicht warten, bis die Straße überflutet wird.“ Und durch die „Entnahme“ habe sich die Situation am Durchlass bereits entspannt.

In Reihen der Naturschützer bewertet man den Biber-Abschuss freilich anders. An die Tagblatt-Redaktion wurden in mehrfacher Ausführung von unterschiedlichen Absendern textgleiche Beschwerde-E-Mails gesandt. Im Dezember kam es zu einem Ortstermin mit Vertretern der Gemeinde, der Jägerschaft, des Landratsamts und einem für Südbayern zuständigen Bibermanager. „Das war ein riesiger Auflauf“, berichtet Rathauschef Huber. Auch Helmut Hermann war beim Ortstermin anwesend. Der Vorsitzende der Kreisgruppe des Bund-Naturschutz bezeichnet die Abschussgenehmigung durch das Landratsamt als „illegal“. Die Anordnung sei zwar von der Behörde nicht zurückgenommen worden, werde inzwischen aber nicht mehr vollzogen.

Vor Abschüssen müssen Versuche unternommen werden, den Biber zu vergrämen

Ein Gefährdungspotenzial an der Kreisstraße würde jedenfalls nicht vorliegen – und damit auch nicht die Voraussetzung für einen Abschuss. Das vom Biber angeschleppte Material am Durchlass sei marginal: „Ich habe gerade einmal einen angenagten Ast gesehen“, so Hermann. Die Senke in dem Bereich sei zwei Meter tief. Um die Straße zu überfluten, müssten sich mehrere tausend Kubikmeter Wasser anstauen. Beim artgeschützten Biber, so Hermann, dürften die Behörden „nicht nach Gusto“ verfahren. Unter anderem müsse im Rahmen eines Stufenmodells vorgegangen werden – soll heißen: Vor Abschüssen müssen Versuche unternommen werden, den Biber zu vergrämen – beispielsweise durch Ultraschallgeräte, Absperrgitter oder auch farbige Kanister. Laut Hermann ist der in Obersöchering abgeschossene Biber Teil einer neunköpfigen Biberfamilie gewesen. Die sei nach der „Entnahme“ ihres Artgenossen aus dem Revier an der nahe gelegenen „Lache“ komplett abgewandert. „Es ist keiner mehr da – und das ist ungewöhnlich“, erklärt Hermann.

Der Rückzug der Biber lässt freilich Raum für Spekulationen. Wurde etwa die gesamte Biber-Familie „entnommen“? Laut Hubert Wagner ist die Abschussgenehmigung nach wie vor rechtlich gültig und kann auch entgegen Hermanns Informationen weiterhin vollzogen werden. Die Erlaubnis sei aber räumlich auf den Umkreis am Straßendurchlass und zeitlich bis Mitte März befristet. Die Abschussgenehmigung würde sich grundsätzlich nicht nur auf den bereits geschossenen Biber beziehen. „Die Stückzahl ist bei entsprechender Gefährdungslage nicht begrenzt“, erläutert der Sachgebietsleiter. Im konkreten Fall sei aber definitiv nur ein Exemplar entnommen worden. „Der Jäger hat da keinerlei weitere Ambitionen“, versichert Wagner. Allerdings: „Der Biber wird uns weiter begleiten. Der Populationsdruck ist hoch.“

„Wir wollen den Biber“

Am Biber scheiden sich die Geister. Die einen halten ihn für einen Zerstörer der Kulturlandschaft, die anderen für einen natürlichen Baumeister von Biotopverbünden. Zur letztgenannten Gruppe gehört eindeutig Helmut Hermann. „Wir wollen den Biber haben – und das in hoher Bestandsstärke“, betont der Vorsitzende der BUND-Naturschutz-Kreisgruppe. In Bayern sei als „Staatsziel“ ausgegeben worden, die Biotopverbundflächen bis 2027 von neun auf 13 Prozent zu steigern. Der Biber können einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, um Gewässerbiotope miteinander zu verbinden. „Aber das will man nicht sehen“, bedauert Hermann – auch im Landkreis nicht.

Die Kreis-Politik müsse sich „grundsätzliche Gedanken“ machen und „den Biber überall dort leben lassen, wo es geht“. An Stellen, an denen es zu Konflikten komme, könne man die Probleme in der Regel durch technische Vorkehrungen lösen. Mehr Transparenz in die „Biberpolitik“ würde ein Einsichtsrecht in sämtliche Abschussgenehmigungen bringen. Auch müsse dafür gesorgt werden, dass die Grundeigentümer nicht auf den Kosten sitzen bleiben. Zwar gebe es einen Entschädigungsfonds in Bayern, der sei aber „völlig überzeichnet“.

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