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Eines der letzten Fotos des im April 1945 durch die SS ermordeten Geographen und Dichters Albrecht Haushofer. 

Norbert Göttler über das Vermächtnis von Albrecht Haushofer

„Man muss rechtzeitig das Wort ergreifen gegen totalitäres Gedankengut“

  • Magnus Reitinger
    vonMagnus Reitinger
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Landkreis – Am 23. April jährte sich zum 75. Mal die Ermordung des Geographen und Schriftstellers Albrecht Haushofer (1903-1945) durch die Nationalsozialisten. Haushofer, der in der NS-Zeit auf dem Hartschimmelhof bei Fischen lebte, prophezeite früh den Krieg und den Untergang Deutschlands. In der Hoffnung, mäßigenden Einfluss auf das System nehmen zu können, übernahm er politische Positionen und arbeitete als Dolmetscher für Hitler – ehe er aus dem Außenministerium entlassen, zeitweise inhaftiert und schließlich von der Gestapo überwacht wurde. Ab 1933 hatte er seine regimekritischen Gedanken in Dramen, Gedichten und Briefen niedergeschrieben, 1939 Kontakt zum Widerstand aufgenommen, er war in die Attentatspläne zum 20. Juli 1944 eingeweiht. Nach dem gescheiterten Attentat landete er im Berliner Gefängnis an der Lehrter Straße, wo er seine bekannten „Moabiter Sonnette“ schrieb – und in der Nacht vom 22. zum 23. April 1945 ohne Prozess durch die SS erschossen wurde. In Form einer literarischen Collage erinnert nun der Schriftsteller und oberbayerische Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler an Albrecht Haushofer. Im „Tagblatt“-Interview berichtet Göttler (60) von seinem neuen Buch, für das er neben intensiven Quellenstudien auch Gespräche mit Nachkommen der Familie Haushofer führte.

Genau 75 Jahre ist es her, dass Albrecht Haushofer und zwölf weitere Widerstandskämpfer durch die SS ermordet wurden – wenige Tage vor Kriegsende. Was, würden Sie sagen, ist für uns heute Haushofers Vermächtnis?

Norbert Göttler: Albrecht Haushofer hat sich in den „Moabiter Sonetten“ selbst die bittersten Vorwürfe gemacht, nicht rechtzeitig und klar genug gegen den Totalitarismus des Dritten Reiches das Wort ergriffen zu haben. Sein Vermächtnis ist, rechtzeitig all denen entgegen zu treten, die auch heute Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit in Frage stellen und neue Formen von totalitärem Gedankengut verbreiten. Man muss dies tun, solange eine freiheitliche Verfassung uns die Chance dazu bietet. Danach ist es zu spät. Das ist auch die bittere Lehre aus dem Schicksal Haushofers.

Wann haben Sie selbst erstmals von Albrecht Haushofer gehört?

Wie im Buch beschrieben, waren einige der „Moabiter Sonette“ in den 50er und 60er Jahren Pflichtlektüre in bayerischen Lesebüchern. Dort habe ich sie kennen gelernt, natürlich ohne die Tragweite der Texte und die Bedeutung ihres Autors ganz zu erfassen. Aber irgendwas hat mich damals schon berührt. Später bin ich als Regisseur des Bayerischen Fernsehens wieder auf den Hartschimmelhof gekommen und habe mich eingehender mit seiner Geschichte befasst. Und zu der gehört ganz zentral auch Albrecht Haushofer.

Was fasziniert Sie an Haushofer?

Wir alle bewundern Menschen, die von Beginn an klar das Teuflische an Hitlers SS-Staat erkannten, wie etwa Georg Elser oder einige Mitglieder der Weißen Rose. Die allermeisten aber, vermutlich auch wir selbst, mussten und müssen dazu erst viele Lernprozesse mitmachen, über die Hürden ihrer Erziehung und familiären Prägung springen. Zu diesen Menschen gehörte Albrecht Haushofer, der zuerst ja dem übermächtigen, autoritären Vater Karl Haushofer nacheifern wollte, den man „Das Gehirn des Führers“ nannte. Es war ein langer und schmerzhafter Weg der Abnabelung, den der junge Albrecht zu gehen hatte. Er ist ihn aber gegangen, dafür bewundere ich ihn.

Sie beschreiben die Familie Haushofer im Buch als „intellektuell wie künstlerisch sehr begabt“ – und fragen sich: „Wann kam das Dunkle und Harte in diese so begabte Familie?“. Was ist Ihre Antwort?

Viele Generationen lang hat sich die Familie Haushofer zwar auch mit den nüchternen Realitäten des Wirtschaftslebens beschäftigt, hat aber auch Künstler, Schriftsteller und Frauenrechtlerinnen hervorgebracht. Erst Albrechts Vater Karl Haushofer entwickelte die Dimension des Militärischen und Machtpolitischen. Mit seinem Engagement für die Nationalsozialisten begann das Unglück der Familie.

Sie haben Ihr Buch als „Begegnung mit Albrecht Haushofer“ angelegt, verbinden darin Dokumente mit fiktiven Dialogen sowie mit Erinnerungen an Ihre eigene Kindheit am Rande des ehemaligen KZ Dachau. Warum dieser Ansatz?

Biographische Aufsätze über Albrecht Haushofer liegen bereits vor, einen gänzlich fiktiven Roman wollte ich nicht schreiben. Also wählte ich die Form der literarischen Collage, um als Historiker nah an den Quellen zu bleiben, aber als Schriftsteller doch die Zeit lebendig und auch für junge Generationen erlebbar machen zu können. Dazu gehört auch die Schilderung meines Herkunftsmilieus. Ich bin 1959 auf dem Gutshof „Walpertshof“ in unmittelbarer Nähe des Konzentrationslagers Dachau geboren.

Auch Haushofers „Moabiter Sonette“ ziehen sich durch Ihr Buch. Würden Sie diese Gedichte auch Jugendlichen heute zur Lektüre empfehlen?

Die „Moabiter Sonette“ gehören für mich zum Eindringlichsten, was Häftlings- und Gefangenenliteratur hervorgebracht haben. Sie sind zeitlos und auf jedes Unrechtsregime übertragbar. Deshalb sollen sie wieder Pflichtlektüre an den Schulen werden. Sie zeigen außerdem, dass Literatur, speziell Lyrik, nicht dekadenter Zeitvertreib ist, sondern zu den Existentialen des Menschseins gehört, für die Autorinnen und Autoren immer schon ihr Leben riskiert haben.

Eine Frage auch an den Bezirksheimatpfleger: Ist Albrecht Haushofers Leben und Wirken 75 Jahre nach seinem Tod ausreichend gewürdigt – insbesondere in seiner oberbayerischen Heimat?

Für einige Spezialisten ist Albrecht Haushofer präsent, der breiten Masse nicht. Allerdings erlebe ich bereits eine erfreulich breite Rückmeldung auf mein Buch, vielleicht ist die Zeit wieder reif dafür. Die Heimatpflege des Bezirks Oberbayern tut ihr Bestes, im Herbst wollen wir in Benediktbeuern eine Ausstellung zur Geschichte der Familie Haushofer anbieten – soweit uns Corona die Chance dazu lässt!

Das Buch „Dachau, Moabit und zurück – Eine Begegnung mit Albrecht Haushofer“ von Norbert Göttler ist erschienen im Allitera Verlag (126 Seiten, 18 Euro).

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