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Kein Kindergeburtstag, sondern ein ganz normales Abendessen: Daniela Flinspach (31) und ihr Mann Andreas (39) mit den Kindern Katharina (9), Alexandra (4), Elisabeth (7), Christina (3), Korbinian (8) und Moritz (1). Teresa (7 Monate) lugt ums Eck.

ZU BESUCH BEI EINER NEUNKÖPFIGEN FAMILIE IN PÄHL 

Brote schmieren im Akkord

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Teresa liegt rücklings auf dem Fußboden, strampelt mit den Beinen und strahlt über das ganze Gesicht. Fast möchte man meinen, sie weiß, welch große Ehre ihr zuteilgeworden ist. Kein anderer als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Ehrenpatenschaft für das sieben Monate alte Mädchen übernommen. Es ist das siebte Kind der Familie Flinspach aus Pähl.

Pähl – „Es war einfach wunderbar“, sagt Daniela Flinspach. Am 31. Dezember 2018 erblickte ihre Tochter Teresa das Licht der Welt. Und das bei einer Hausgeburt in den eigenen vier Wänden in Pähl. Die Geburtshilfe in Weilheim ist seit bald zwei Jahren Geschichte, woanders wollte die Mutter mit ihren Wehen nicht hin. So kam die Hebamme eben ins Haus.

Teresa war so von der ersten Minute ihre Lebens an von der Familie umgeben. Und sie liebt es auch sieben Monate später noch, wenn die Geschwister um sie herumwirbeln. So wie jetzt, kurz vor dem Abendessen: Katharina (9), Alexandra (4), Elisabeth (7), Christina (3), und Korbinian (8) decken gerade den Tisch, als darunter plötzlich ein Schrei zu hören ist. 

Genügsam: Die sieben Monate alte Teresa liegt rücklings am Boden, kaut auf einer Spielkarte und genießt das Leben.

Moritz (1) krabbelt hervor und weint herzzerreißend. Irgend etwas passt ihm nicht. „Das ist ganz normal“, sagt Papa Andreas Flinspach mit ruhiger Stimme und nimmt seinen Jüngsten auf den Arm. Der Einjährige beruhigt sich sofort.

Mama Daniela (31) bereitet währenddessen in der engen Küche das Abendessen vor. Sie schmiert Brote im Akkord und belegt eines nach dem anderen mit kaltem Leberkäse. Nebenbei erzählt sie von dem straffen Zeitplan einer neunköpfigen Familie.

Mann wollte zunächst gar keine Kinder haben, hat aber seine Meinung geändert

Ihren Mann Andreas (39) heiratete die gebürtige Lechbruckerin am 10.10.10 in Pähl. Kennengelernt hatten sich die Krankenschwester und der Schreiner zuvor bei einem der vielen Feste rund um Pähl. „Dorthin war ich früher mit meinen Freundinnen gefahren“, erinnert sich die 31-Jährige. 

Neun Jahre später geht die Pählerin auf keine Feste mehr. Ihr Leben hat sich grundlegend geändert. Ein Kind nach dem anderen brachte sie auf die Welt. „Sie sind einfach gekommen“, wundert sich die siebenfache Mutter selbst über den reichen Kindersegen. Das vor allem, weil ihr Mann zunächst gar keine Kinder haben wollte. „Er hat selbst vier Geschwister.“ Das habe ihn abgeschreckt.

Andreas Flinspach hat seine Meinung geändert. Er kümmert sich ebenfalls rührend um den Nachwuchs. Zur Abwechslung blieb ihm immerhin der örtliche Trommlerzug, in dem er jeden Mittwoch spielt. „Hobbys sind wichtig, Männer brauchen so etwas“, sagt seine Frau. 

Die Familie ist der Lebensmittelpunkt 

Die 31-Jährige hat keine Zeit für Hobbys: Ihr einziger Lebensmittelpunkt ist die Familie. Für die Kinder hat die noch junge Frau alles andere zurückgestellt. Sie nimmt es gelassen: „Ich habe nie Zeit für mich alleine, aber man gewöhnt sich an alles.“

Ein Wochentag beginnt für die ehemalige Krankenschwester um 5.45 Uhr mit dem Pausenbroteschmieren. Das für den Ehemann belegt sie gleich mit, „ich bin ja eh dabei“, sagt sie. Um 6.20 Uhr weckt die Mutter ihre sieben Kinder. 

Der Mann räumt in der Zeit die Spülmaschine aus, sie läuft vier- bis fünfmal am Tag. Bis 6.45 Uhr wird gefrühstückt, anschließend geht es zum Waschen und zum Zähneputzen. Die größeren Kinder füttern noch schnell ihre Hasen im Garten, bevor sie zu Fuß in die Schule gehen. Die Kleinen bringt die Mutter in den Kindergarten, die zwei Kleinsten bleiben bei ihr.

Einziger Luxus ist eine Haushaltshilfe einmal pro Woche 

Während Andreas Flinspach zur Arbeit in die Schreinerei nach Weilheim muss, widmet sich seine Frau dem Haushalt. Berge von Wäsche gilt es für sie zu waschen und zu trocknen. Das Haus muss aufgeräumt und geputzt werden. Der einzige Luxus, den Daniela Flinspach sich gönnt, ist eine Haushaltshilfe, die einmal pro

Woche kommt. „Sie macht das, was ich nicht mehr schaffe“, sagt die 31-Jährige.

Zwei Mal pro Woche geht es zum Großeinkauf. Auf dem Wochenmarkt und im Supermarkt wird die Großfamilie natürlich gern empfangen; sie steigert den Umsatz an. Das Kassenband biegt sich förmlich, wenn die Flinspachs ihre Einkäufe auflegen. Die Zeit, bis alles erfasst ist, zieht sich allerdings. 

„Die hinter uns finden das dann nicht so witzig“, weiß der Familienvater, der hin und wieder mit zum Einkaufen kommt. Dass in der Warteschlange dann auch mal geflüstert wird, entgeht dem Paar nicht: „Geredet wird über uns mit Sicherheit, aber was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“, sagt der Vater.

Auch der Vater ist glücklich: Nur auf den Bürgermeister ist er nicht gut zu sprechen.

Unfreundliche Begegnungen sind aber die absolute Ausnahme, versichert der 39-Jährige. Meist werde die Großfamilie sehr freundlich begrüßt. Zuletzt etwa beim Schuhekaufen. Alle Kinder bekamen neue, zehn Prozent Mengenrabatt bekamen die Flinspachs. Letztlich wurden aber immer noch 700 Euro fällig. „Das war echt hart.“

Das Geld ist ein ständiger Durchlaufposten in dem Pähler Haushalt. 1500 Euro Kindergeld gibt es pro Monat vom Staat. „Das hört sich schön an, ist aber schnell weg“, sagt die Mutter.

Einen ordentlichen Batzen Geld braucht die Familie auch für den Urlaub. In Bibione (Italien) war sie schon einmal, zuletzt ging es in einen Familienpark am Bostalsee im Saarland. Einmal im Jahr wird die Familienkutsche für den Urlaub beladen, dann wird es eng. 

Der Ford Tourneo sei der einzige mit vier Sitzreihen, erklärt der Familienvater. Doch auch er habe „nur“ neun Sitzplätze. Die Folge: Mit der Familienplanung sei jetzt Schluss, versichert Flinspach.

Terasa liegt noch immer auf dem Boden, schaut verträumt an die Decke und lächelt. Ihre sechs Geschwister sitzen mit den Eltern am Tisch und essen. Nur Moritz findet heute keinen Gefallen am Leberkäse und lässt ihn liegen.

Ihr größter Wunsch ist mehr Platz

Wie im Auto ist es auch am Tisch eng über die Jahre geworden. Die drei Kinderzimmer im Obergeschoss des Hauses sind ebenfalls alles andere als üppig ausgelegt für fünf Mädchen und zwei Buben. In der winzigen Garderobe am Eingang herrscht im Winter ein heilloses Durcheinander mit Stiefeln, Jacken und Schneehosen. Die Küche erinnert von der Größe her an einen Single-Haushalt.

Die Familie wünscht sich sehnlichst mehr Platz im Haus, bekommt ihn aber nicht. Andreas Flinspach hegt deshalb einigen Groll auf den Pähler Bürgermeister, der ihm einen 39 Quadratmeter großen Anbau nicht zugestehen wollte. 

Im Frühjahr 2019 ging es heiß her im Pähler Gemeinderat. Letztlich überstimmte der Gemeinderat den Rathauschef und stimmte der beantragten Bebauungsplanänderung zu – vorausgesetzt, alle Betroffenen sind einverstanden. Letztlich scheiterte der Anbau dann an einem Nachbarn, der seine Zustimmung verweigerte.

Viel Zeit, sich darüber aufzuregen, haben die Eheleute nicht. Es ist 19 Uhr, der Tisch wird aufgeräumt, die ersten Kinder müssen ins Bett. Bis 21 Uhr wird Daniela Flinsbach heute wieder auf den Beinen sein. Dann sind alle Mädchen und Buben in ihren Betten, und das Haus ist aufgeräumt. Anschließend setzen sich die Eheleute noch kurz auf die Couch und lesen oder schauen ein bisschen fern. 

„Ich vermisse nichts“

Bis auch sie müde ins Bett fallen, bevor am Morgen alles wieder von vorne beginnt. Und trotzdem: „Ich vermisse nichts“, sagt Daniela Flinspach. „Ich habe auch gar nicht so viel Zeit, darüber nachzudenken.“ Sie habe auch schöne Momente, versichert die siebenfache Mutter. „Ich kann mich draußen im Garten mit einem Kaffee hinsetzen und den Kindern beim Spielen zusehen.“

Man glaubt es ihr, denn sie hat die Rasselbande im Griff. Auf die Frage, ob sie streng sei, zögert die 31-Jährige. „Ich weiß nicht, aber ich glaube, schon ein bisschen“, sagt sie schließlich. Hören die Kinder nicht, müssen sie mit den Konsequenzen leben: „Wenn einer drei Tage sein Zimmer nicht aufräumt, dann kann er auch nicht spielen gehen“, erklärt sie. „Und wenn die Kinder sich nicht um die Hasen kümmern, dann kommen sie eben weg.“

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