Führen ein Leben in Ungewissheit: Miriam ( 3.v.l.), Wasiu (r.), Toheeb (2.v.l.), Fatimoh und Wasilat (beide nicht im Bild) Jimoh, die von Norbert Reutter-Arnthof (l.) und Linda Arnthof (2.v.r.) betreut werden. F: Ruder Entscheidung könnte laut Gesetz anders ausfallen

Peißenberg: Familie bangt um gemeinsame  Zukunft

Seit Mai 2019 lebt die nigerianische Familie Jimoh in Peißenberg. Doch nun haben die Eltern und ihre drei Kinder Angst, dass sie getrennt werden. Die Mutter und der kleine Sohn sind aufenthaltsberechtigt, während der Vater und die beiden Töchter seit fast zwei Jahren ausreisepflichtig sind.

Peißenberg – Als sich Miriam und Wasiu Jimoh entschlossen haben, ihr Heimatland Nigeria mitsamt ihren beiden kleinen Töchtern zu verlassen, wussten sie, dass sie nicht mehr allzuviel Zeit haben. Sie wussten, wenn sie noch länger warten würden, würde ihren beiden Mädchen das drohen, was Miriam Jimoh als Kind angetan wurde: die Genitalverstümmelung – verharmlost auch „Beschneidung“ genannt.

Deswegen sind sie mit ihrem Säugling und ihrer Dreijährigen aufgebrochen – Richtung Europa. „Sie wollten ihren beiden Mädchen das ersparen“, erzählt Norbert Reutter-Arnthof, der gemeinsam mit seiner Frau Linda Arnthof im Unterstützerkreis „Asyl“ in Peißenberg tätig ist. Das Peißenberger Ehepaar betreut die Familie Jimoh, hilft bei Behördengängen und übersetzt, wenn es Sprachprobleme gibt. Auf der Flucht wurde Miriam Jimoh noch in Afrika von einem Lastwagen angefahren und schwer verletzt. Unter den Folgen des Unfalls leidet sie heute noch. Sie hinkt, hat Schmerzen und muss sich immer wieder Operationen unterziehen.

Wegen ihrer Gehbehinderung hat die 33-Jährige nun eine Aufenthaltsberechtigung, wie Lisa Hogger vom Unterstützerkreis „Asyl“ in Peißenberg berichtet. Auch der einjährige Sohn Toheeb, der im Krankenhaus in Schongau zu Welt kam, darf mit seiner Mutter in Deutschland bleiben – zumindest ist das der derzeitige Stand.

Das gilt nicht für Vater Wasiu Jimoh und die beiden Töchter Fatimoh (7 Jahre) und Wasilat (4 Jahre). Diese sind seit dem Jahr 2018 ausreisepflichtig. Zwar wurde die Abschiebung bislang jedesmal wieder für ein paar Wochen oder sogar Monate ausgesetzt, wenn er oder der Anwalt der Familie entsprechende Anträge gestellt haben, aber Jimohs leiden extrem unter dieser Unsicherheit. „Er schläft sehr schlecht und hat ständig Angst, dass etwas passiert“, sagt Norbert Reutter-Arnthof über Wasiu Jimoh: „Auch die Mädchen haben Angst.“

Um die Situation der Familie zu verbessern, hat ihr Anwalt im Juli einen Antrag auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis für den Vater und die beiden Mädchen gestellt. Diesen hat das Landratsamt kurz vor Weihnachten abgelehnt. Laut Hogger lautete die Begründung in dem Brief des Landratsamtes: „Es ist zwar zutreffend, dass die zwangsweise Abschiebung aktuell aus rechtlichen Gründen nicht möglich ist. Jedoch ist Herrn Jimoh und seinen Kindern die freiwillige Ausreise möglich.“

Dabei könnte laut Paragraph 25 Abs. 5 des Aufenthaltsgesetzes anders entschieden werden. Das Gesetz sagt, dass einem Ausländer, der vollziehbar ausreisepflichtig ist, eine Aufenthaltsgenehmigung erteilt werden kann, wenn seine Ausreise aus rechtlichen oder tatsächlichen Gründen unmöglich ist und mit dem Wegfall der Ausreisehindernisse in absehbarer Zeit nicht zu rechnen ist. Alles Voraussetzungen, die bei Wasiu Jimoh erfüllt sind.

Dass das Landratsamt das nicht tut, versteht Hogger nicht: „Das finde ich ungeheuerlich“, sagt sie. Der Sachbearbeiter, der für Wasiu Jimoh zuständig ist, kann auch nicht wirklich sagen, warum die Familie nicht als Gesamtheit beurteilt wird. Er kennt auch nicht den ganzen Fall, weil die Mutter und der Einjährige einen anderen Sachbearbeiter haben. Er kann aber, was die Abschiebung angeht, beruhigen: „Sie brauchen sich keine Sorgen machen.“ In nächster Zeit würde seine Behörde in diesem Fall nichts in Richtung Abschiebung unternehmen.

Dass sie ohne ihre beiden Töchter und ihren Mann weiterleben soll, diese Vorstellung ist der „Horror“ für Miriam Jimoh. „Meine Kinder und mein Mann sind meine Freude“, sagt sie auf Englisch. Abgesehen davon ist sie wegen ihrer Gehbehinderung auf die Hilfe ihres Mannes angewiesen. Und sobald die Mädchen zurück in Nigeria wären, würden ihre Genitalien verstümmelt werden, davon ist ihre Mutter überzeugt. Sie selber hat die schlimmste Form der Beschneidung erlitten.

Die Familie lebt zu Fünft in einer rund 50 Quadratmeter großen Wohnung in der Marktgemeinde. In der kleinen Küche hängen Vorhänge am Fenster. Diese seien ein großer Wunsch der Eltern gewesen, wie Linda Arnthof erzählt, weil sie gesehen hätten, dass das hier so üblich ist: „Sie wollen sich wirklich hier integrieren.“ Deswegen besucht Wasiu Jimoh, der gelernter Automechaniker ist, derzeit auch einen Deutschkurs. Deswegen gehen die beiden Mädchen in Schule und Kindergarten und sprechen inzwischen fließend Deutsch.

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