+
Da geht’s zur „Bambi-Rettungsstation“: Birgit Albert mit ihrem aktuellen Schützling „Basti“. 

Birgit Albert im Porträt

„Rehmutter“ aus Leidenschaft

Die Peißenbergerin Birgit Albert betreibt seit Jahren eine Auffangsstation für verwaiste Rehe. Das gefällt allerdings nicht jedem.

Peißenberg – Ja, der kleine „Basti“ ist wirklich niedlich. Das knapp vier Wochen alte Rehkitz lässt sogar abgehärtete Männer-, respektive Reporterherzen weich werden. Richtig süß, wie das Tierchen durch seinen Laufstall tapst und immer wieder mit großen Augen zu seiner „Mama“ blickt. Die hat übrigens zwei Beine: Es ist Birgit Albert, die in Peißenberg auf ihrem Grundstück am Fuße des Hohen Peißenberg die Auffangstation „Bambi-Rescue“ betreibt.

Von ihren Bekannten wird die 50-Jährige liebevoll die „Rehmutter“ genannt – und derzeit kommt „Basti“ in den vollen Genuss der Fürsorge. Weil er noch zu klein ist für das Außengehege, hat Albert kurzerhand ihr Bürozimmer in einen Laufstall umfunktioniert. Wer Rehkitzen das Leben retten will – „Basti“ wurde verlassen auf einem Feldweg bei Schrobenhausen gefunden –, der braucht laut Albert „Ausdauer und volle Disziplin“. Konkret heißt das, alle zwei Stunden füttern – auch in der Nacht: „Wenn man nach zwei Tagen meint, man lässt es jetzt schleifen, dann hat man schon verloren“, erklärt Albert. Doch die Tiere, die in der Albertschen Auffangstation landen, haben laut Statistik eigentlich schon gewonnen. Die Erfolgsquote liegt bei 100 Prozent, soll heißen: alle sieben Tiere, die Albert seit Gründung von „Bambi-Rescue“ im Jahr 2013 betreut hat (Auslöser war ein Mähunfall mit einem verstümmelten Kitz auf der Bergehalde), hat sie auch durchgebracht. „Die Kitze sind total lieb, so hilflos und empfindlich. Da ist es eine Herausforderung, sie am Leben zu halten“, sagt die „Rehmutter“. Wenn sie „Basti“ in den Arm nimmt und streichelt, dann merkt man, wie viel Leidenschaft Albert aufbringt. Das Schicksaal der Tiere liegt ihr am Herzen – auch wenn sie sich dadurch nicht nur Freunde macht.

Ihre ausgeprägte Tierliebe bezeichnet Albert scherzhaft als „Virusinfektion“: „Ich bin ein Mädel vom Land und hatte immer schon einen Bezug zur Natur – sehr zum Leidwesen meiner Eltern“, erzählt sie schmunzelnd. Aufgewachsen ist die gebürtige Fürstenfeldbruckerin in Wielenbach – und dort im Keller des elterlichen Hauses tummelten sich mitunter bis zu 15 Igel: „Ich habe sämtliches Getier angeschleppt. Das hat oft ziemlich gestunken, aber mein Vater und meine Mutter haben es akzeptiert“, erinnert sich Albert. Was blieb den Eltern auch anderes übrig.

Wenn es um Tier- und Umweltschutz geht, dann macht die Peißenbergerin keine Kompromisse: „Da bin ich sofort dabei. Es muss ja nicht alles in der Natur kaputtgemacht werden“, sagt sie. Auch ihre eigene Familie mit Ehemann Christian, Sohn, Tochter und Enkelkind, hat sich mit dem „Hobby“, wie Albert ihr Engagement um die Rehkitze nennt, arrangiert. „Unser Leben hat sich durch die Bambi-Station total umgekrempelt. Zwischen April und November in den Urlaub fahren, das geht nicht mehr“, erklärt Albert. Ob der Ehemann eine Chance hätte, wenn er gegen die Station rebellieren würde? „Nein“, antwortet Albert lächelnd, aber mit energischem Unterton: „Er hat sich daran gewöhnt – und er würde auch nix sagen.“ Die Rehkitze lassen eben auch Männerherzen nicht kalt.

Natürlich dreht sich bei Birgit Albert nicht alles um die Auffangstation. Für den Reha-Sportverein gibt sie unter anderem Wassergymnastikkurse, und hauptberuflich ist sie als Heilpraktikerin mit eigenen Praxisräumen im ehemaligen Peißenberger Krankenhaus tätig. Dort war die gelernte Arzthelferin früher Chefarzt-Sekretärin. „Ich weiß also, wie man Spritzen geben muss. Das kommt mir jetzt bei der Versorgung der Tiere zugute“, sagt Albert, die sich ihr „Rehfachwissen“ ansonsten über Recherchen im Internet und „Learning by doing“ angeeignet hat.

Die Kosten für ihre „Bambi-Rescue“-Station finanziert Albert übrigens aus eigener Tasche. Für Wildfutter und speziell behandelter Milch können im Jahr bis zu 800 Euro anfallen. Sponsoren hat sie keine, dafür aber Kritiker – unter anderem in Teilen der Jägerschaft und Försterei. Albert will zum Beispiel ihren genauen Wohnort nicht in der Zeitung lesen. Zum einen, weil sie zum Wohle der Tiere keinen „Zoo-Tourismus“ in der Auffangstation haben will, zum anderen aus Angst vor Vandalismus. Die inzwischen mit Überwachungskameras ausgestatteten Gehege wurden schon mutwillig beschädigt. Auch bekommt Albert mitunter anonyme Beschimpfungen auf den Anrufbeantworter gesprochen – zum Beispiel dann, wenn sie sich in Leserbriefen zur Wild-Thematik äußert. Die „Rehmutter“ versucht hingegen, mit offenem Visier zu kämpfen: „Ich bin authentisch, und ich habe Rückgrat“, lautet ihre Selbstbeschreibung: „Ich bin ein offener Typ. Wenn ich privat oder beruflich etwas gefragt werde, dann sage ich ehrlich meine Meinung.“ Albert weiß aus Erfahrung aber auch, dass man mit dieser offenen Art „gerade in Peißenberg oft aneckt. Doch das ist mir egal“.

Bezüglich der „Bambi“-Station bedauert Albert, dass der ein oder andere Jäger respektive Förster die Rehe als „Schädlinge“ betrachte. „Die sagen, ,was nicht tot ist, muss geschossen werden‘. Irgendwann wird es in den Wäldern kein Wild mehr geben“, sagt Albert: „Das geht mir sehr nahe. Das kann es doch nicht sein“, schüttelt sie den Kopf. Es ist ein Moment, in dem die „Rehmutter“ sehr nachdenklich und traurig wirkt.

Bernhard Jepsen

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Sozialstation zieht ins Peißenberger Rathaus
In manchen Fällen können sich die Bürger künftig Wege sparen: Denn die Peißenberger Verwaltung und die der Ökumenischen Sozialstation Oberland sind ab kommendem Jahr …
Sozialstation zieht ins Peißenberger Rathaus
Stadtrat beschließt: Straßensperren kosten jetzt
Immer wieder stand sie in den vergangen Monaten im Penzberger Stadtrat zur Diskussion: die Sondernutzungssatzung. Nun wurde sie beschlossen - in abgespeckter Form.
Stadtrat beschließt: Straßensperren kosten jetzt
Roche als nachhaltig ausgezeichnet
Großer Erfolg für den Biotech-Konzern, der auch in Penzberg ein Werk mit fast 6000 Mitarbeitern besitzt. Es wurde als nachhaltigstes Gesundheits-Unternehmen …
Roche als nachhaltig ausgezeichnet
Autoverkauf: Auf den richtigen Zeitpunkt kommt es an
Jedes Jahr wechseln in Deutschland zehn Millionen Pkw den Besitzer. Doch wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen, sich von seinem Wagen zu trennen?
Autoverkauf: Auf den richtigen Zeitpunkt kommt es an

Kommentare