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Schlauer Texter, großartiger Gitarrist: Der „Blonde Engel“ aus Linz in der Tiefstollenhalle. 

Tiefstollenhalle Peißenberg  

Himmlischer Schmäh mit dem „Blonden Engel“

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Der „Blonde Engel“ bezauberte in der Tiefstollenhalle in Peißenberg jenseits von Klischees und Schenkelklopfern. 

Peißenberg – Er ist mindestens so witzig wie die Komiker, die in Bayern die größten Hallen füllen. Dazu beherrscht er Pop in allen Variationen, lässt als Gitarrist die Kollegen Musikkabarettisten meilenweit hinter sich. Und dann sieht er auch noch so aus, dass nicht mal seine oberkörperfreie Zugabe mit Engelsflügeln und hauteng-goldener Leggings peinlich ist... Aber der ganz große Erfolg blieb ihm bislang verwehrt, dem „Blonden Engel“ aus Öberösterreich, der am Freitagabend nach Peißenberg geschwebt kam: Rund 80 Besucher beim Auftritt auf Einladung des Kulturvereins in der Tiefstollenhalle – da ist noch reichlich Luft nach oben.

Vielleicht hat Kulturmanager Wolfgang Ramadan recht, wenn er die Anwesenden als eine Art Geschmacks-Elite bauchpinselt, die in ein paar Jahren stolz erklären könnten, den dann überall ausverkauften Engel schon „damals“ erlebt zu haben, als ihn nur wenige kannten. Vielleicht ist dieser Engel aber auch schlichtweg zu gescheit für den ganz großen Erfolg: Der Ritt auf den sattsam bekannten Klischees – der immer noch am sichersten ins Fernsehen und folglich zum Publikumsansturm führt – würde ihn wohl selbst anöden. Und die Schenkelklopfer-Pointe ist nicht sein Haupttalent. Lieber packt er die komplette Menschheitsgeschichte in einen fast achtminütigen Ragtime, dessen Text angehende Historiker im Proseminar an der Uni ein Semester lang beschäftigen könnte.

Man muss aber nicht studiert haben, um die angenehm unaufgeregte Show des Engels genießen zu können: Wenn der 29-jährige Linzer, der vergangenen Sommer schon sein zehnjähriges Bühnenjubiläum feierte, einen „Hosentürlreiber“ übers Älterwerden in den Saal schmachtet oder den alten Schlager „Mendocino“ zelebriert und zugleich dessen Text zerlegt, dann ist allerbeste, stets geschmackvolle Unterhaltung. Das alles übrigens in breitestem Dialekt – und mit einer Riesenportion Schmäh. Natürlich hat er auch „etwas Morbides“ im Programm, „das verlangen deutsche Veranstalter von österreichischen Künstlern per Vertrag“. Also macht sein Lied „Der Hypochonder“ Kollegen wie Ludwig Hirsch oder auch Georg Kreisler alle Ehre. Der Hypochonder „stirbt jeden Tag aufs Neue“, heißt es darin, und auf seinem Grabstein steht dereinst: „Glaabt’s ma’s jetzt?“.

Am allerbesten aber ist der „Blonde Engel“, wenn er improvisiert – und das tut er reichlich, in der Musik wie in den Moderationen. Die Tiefstollenhalle inspiriert ihn zu einem spontanen „Coalminer“-Countrysong, für den er sich sechs Begriffe aus dem Publikum zurufen lässt. Wie Felix Schobesberger – so der bürgerliche Name des Engels – aus „Trump“, „Mass Bier“, „pinkes Stimmgerät“, „Stachelschwein“, „Uriel“ und „Wiedergeburt“ ein stimmiges Lied machte, das war in jeder Hinsicht einmalig, das wird kein zweites Mal zu erleben sein. Der Engel selbst aber wird hoffentlich wiederkommen.
Magnus Reitinger

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