Astrazeneca sollen im Freistaat bald nur noch Hausärzte verimpfen – an Personen über 60 Jahre.
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Viele wollen sich mit Astrazeneca impfen lassen, kommen aber nicht zum Zuge.

Kommentar

Zum Umgang mit dem Astrazeneca-Impfstoff: Egoismus trifft auf Inkonsequenz

  • Sebastian Tauchnitz
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Unser Redakteur Sebastian Tauchnitz dazu, wie in dieser Woche im Impfzentrum in Peißenberg mit den Astrazeneca-Impfterminen umgegangen wurde. Diskutieren Sie mit!

Ab kommenden Montag sollen in den bayerischen Impfzentren keine Erstimpfungen mehr mit Astrazeneca vorgenommen werden. Das hat die Regierung des Freistaats so beschlossen. Im Impfzentrum in Peißenberg hatte man aber noch etliche hundert Dosen des Impfstoffs im Kühlschrank liegen. Also wurde beschlossen, dass am Mittwoch, Donnerstag und Freitag ausschließlich Termine für Impfungen mit Astrazeneca angeboten werden sollen.

Soweit, so gut. Dann aber ergab es sich, dass fast niemand, der in dieser Woche eine Einladung zur Erstimpfung erhielt, einen Termin für Mittwoch, Donnerstag oder Freitag auswählte. Über die Gründe muss man nicht lange spekulieren – Astrazeneca ist, ob nun zurecht oder nicht, rasend unpopulär, und wer die Wahl hat, nimmt natürlich lieber einen Termin, an dem es Biontech oder Moderna gibt. Hunderte Impftermine drohten zu verfallen. Deswegen beschloss der Leiter des Impfzentrums, Christian Achmüller, dass an diesen Tagen nun doch auch Biontech verimpft werden soll.

Corona: Zum Umgang mit dem Astrazeneca-Impfstoff: Egoismus trifft auf Inkonsequenz

Wenige Beiträge in der Heimatzeitung sind unter unseren Lesern so kontrovers diskutiert worden wie dieser. Zurecht, wenn man darüber nachdenkt.

Da ist auf der einen Seite das Verhalten derjenigen, die keinen Impftermin mit Astrazeneca wollen. Abertausende Menschen warten gerade händeringend darauf, geimpft zu werden. Nach aktueller Rechtslage darf Astrazeneca nicht an Menschen verabreicht werden, die jünger als 60 Jahre sind. Das bedeutet, dass es sich bei Astrazeneca um einen Impfstoff handelt, der exklusiv für die Älteren da ist. Weigern die sich, sich mit Astrazeneca impfen zu lassen, nehmen sie den Jüngeren, die diese Option erst gar nicht haben, den Impfstoff weg. Ja, es ist genau so einfach. Und das ist egoistisch. Bevor Sie jetzt sagen ,der hat gut reden, der ist jünger als 60 und fein raus’: Ich würde auch Astrazeneca nehmen, wenn es möglich wäre. Hauptsache, ich schütze mich und meine Mitmenschen.

Der Leiter des Impfzentrums, Christian Achmüller, hat eine pragmatische Entscheidung getroffen, um zu verhindern, dass die Termine verfallen. Sie war dennoch falsch. Bislang galt der Grundsatz: Man kann sich nicht aussuchen, womit man geimpft wird. Wer ohne gesundheitliche Gründe ein bestimmtes Vakzin bei seinem Termin ablehnt, hat Pech gehabt und stellt sich wieder hinten an.

Corona: Kommentar zu AstraZeneca - Gefahr, dass Impfstoff verdirbt, hat nie bestanden

Das war eine harte, aber klare Regelung. Mit seinem Umschwenken auf Biontech an den Astrazeneca-Tagen öffnet Achmüller aber nun den zehrenden Debatten im Impfzimmer, die er zurecht beklagt, Tür und Tor. Denn macht man einmal eine Ausnahme, macht man immer Ausnahmen. Und derlei „Wünsch-Dir-Was“ können wir uns mitten in der dritten Welle nicht erlauben.

Die Gefahr, dass der Astrazeneca-Impfstoff verderben könnte, weil ihn keiner will, hat nie bestanden. Allein mit all den Lesern, die in der Prioritätsgruppe 2 sind und die sich erst bei der Hotline des Impfzentrums und dann bei der Redaktion der Heimatzeitung meldeten, hätte man die Termine locker besetzen können. Was man aber nicht tat. Nun hat man stattdessen einen fatalen Präzedenzfall geschaffen und nebenbei auch noch eine Menge Zeit verloren. Denn dadurch, dass der Astrazeneca-Impfstoff erst kommende Woche an die niedergelassenen Ärzte abgegeben wird, hat man die Gelegenheit verstreichen lassen, in dieser Woche hunderte Menschen zu schützen.

Dieser Zeitverlust kann in Zeiten voller Intensivstationen Menschenleben kosten.

*Kommentare sind journalistische Meinungsäußerungen und als solche gekennzeichnet

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