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Interview mit Bestatterin zur Corona-Pandemie: „Die psychischen Folgen für Hinterbliebene sind nicht absehbar“

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Von: Boris Forstner

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Ingrid Booch vom Bestattungsinstitut Rose.
Ingrid Booch vom Bestattungsinstitut Rose. © Inga Hummig

Es gab viele Einschränkungen in Zeiten von Corona, auch für Bestatter. Wir sprachen mit Ingrid Booch vom Bestattungsinstitut Rose, das Filialen in Schongau, Peiting und Peißenberg hat, über ihre Erfahrungen.

Frau Booch, wie haben Sie die Corona-Zeit empfunden, vor allem während der Ausgangsbeschränkung?

Es ist oder war fast nichts mehr normal. Viele klagten über Ausgangsbeschränkungen oder den ausgefallenen Jahresurlaub im Süden, doch Angehörige von Verstorbenen und Trauernde traf es richtig hart. Denn wenn ein Mensch verstorben ist, mit dem man eng verbunden war, fällt man aus seiner gewohnten Welt heraus. Der Verlust eines wichtigen Menschen hinterlässt immer eine Leere und stürzt die Hinterbliebenen meist in einen schockähnlichen Zustand.

Und dann konnte man nicht einmal richtig von dem Verstorbenen Abschied nehmen?

Richtig. Das hat die eigene Trauer immens erschwert. Abschied und Trauer sind wichtig, um die Trennung von einem geliebten Menschen zu verarbeiten. Normalerweise sind in dieser Situation Freunde und Familie die wichtigste Stütze. Sie helfen bei all den Dingen, die für allein Gebliebene plötzlich so schwierig erscheinen, wie Einkaufen und Kochen. Oder sie sind einfach nur da. Doch wer durfte da sein für die Trauernden?

Freunde konnten wegen der Beschränkungen oft nicht einmal auf die Beerdigungen gehen.

Offiziell durften nur noch die engsten Familienmitglieder teilnehmen. Die Trauergäste mussten den Mindestabstand zueinander einhalten und durften sich nicht umarmen oder die Hände schütteln. Wie können sich die Trauernden so beistehen? In unserem Raum der Stille konnten zumindest die engsten Familienangehörigen sich am offenen Sarg vom Verstorbenen verabschieden und selbst kleine Trauerfeiern konnten per Webcam übertragen werden. Auch half vielen Betroffenen unser Trauervideo, bei dem mit einigen privaten Fotos des Verstorbenen und mit passender Musik unterlegt denjenigen Trost gespendet werden konnte, denen ein Besuch bei der Beerdigung verwehrt blieb.

Glauben Sie, dass die mangelnde Trauerarbeit während Corona für Angehörige auch psychische Folgen haben kann?

Ja, durchaus. Viele Menschen durften weder ins Krankenhaus oder Altenheim, um sich ein letztes Mal zu sehen und zu verabschieden. Somit wurde der Trauerprozess unter- oder gar abgebrochen und es können psychische Folgen für die Hinterbliebenen entstehen, die bislang nicht absehbar sind. Wir müssen uns bewusst sein, dass hier auch ein gesellschaftliches Trauma auslöst wurde, dass diejenigen, die sich mit dem Tod eines geliebten Angehörigen auseinandersetzen mussten, kein respektvoller Umgang mit den Toten und ihrer Trauer ermöglicht wurde. Auch die Begrenzung der Teilnehmer pro Trauerfeier auf maximal 15 Menschen war so eine Sache: Schließlich gibt es Verstorbene, bei denen schon der engste Familienkreis weit mehr Personen umfasst, Geschwister, Kinder, Enkel. Wer darf da kommen und wer nicht? Auch dass Covid-19-Verstorbene nicht mehr in ihrer gewünschter Kleidung beigesetzt werden durften, halten wir vom unabhängigen Bestatterverband für unmöglich. Denn wir professionellen Bestatter wissen genau, wie wir uns schützen müssen. Wir gehen schließlich das ganze Jahr über mit potenziellen Infektionen um, ob die nun mit Corona zu tun haben oder nicht.

Das klingt alles relativ drastisch und negativ. Sind Sie nicht froh, dass durch die Maßnahmen Szenen wie in Bergamo oder New York mit überfüllten Leichenhäusern vermieden wurden?

Natürlich. Wir waren von den Bildern geschockt, aber zum Glück blieb bei uns dieser Supergau aus. Dank unserer hervorragenden medizinischen Infrastruktur beruhigte sich die Lage relativ schnell. Auch wenn in diesen Wochen dort von einer Übersterblichkeit gesprochen wurde, so galt dies nicht für Deutschland generell. Zwar gab es im April signifikant mehr Sterbefälle im Regierungsbezirk Oberbayern und zwar in den Hotspots München, Dachau, Fürstenfeldbruck, Traunstein und Rosenheim, nicht aber bei uns im Landkreis Weilheim-Schongau.

Haben Sie durch Corona Änderungen in der Bestattungspraxis festgestellt?

Viele Angehörige haben sich tatsächlich für eine Feuerbestattung entschieden, weil so die Beisetzung der Urne zeitlich verschoben werden konnte. Anders als bei der Erdbestattung, die in Bayern 96 Stunden oder vier Werktage nach dem Ableben durchzuführen ist, gibt es keine vorgeschriebene Frist für Urnenbeisetzungen. Angehörige konnten also auf die Zeit warten, in der wieder mehr Menschen an einer Beisetzung teilnehmen durften.

Erinnern Sie sich an einige besondere Härtefälle in dieser Zeit?

Da war eine Familie mit mehreren Kindern, die sich im Februar beim Skifahren komplett mit Corona infiziert hatte. Bei allen bis auf den Vater war der Verlauf harmlos, er musste ins Krankenhaus auf die Intensivstation. Wochenlang wurde Ehefrau und Kindern der Besuch verweigert, bis der Ehemann und Vater nach fünf Wochen im Krankenhaus ohne seine Liebsten verstarb. Ich denke, keiner von uns kann sich wirklich vorstellen, was diese Familie durchmachen musste.

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