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Spielzeug findet man im Kindergarten derzeit vergebens. 

Drei Monate ohne Spielzeug  in Peißenberger Kindergarten

  • Kathrin Hauser
    vonKathrin Hauser
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Nein, es waren keine Diebe, die alle Spielsachen aus der Kindertagesstätte „St. Johann“ in Peißenberg geräumt haben - es waren die Erzieherinnen. Warum erklärt Leiterin Ingrid Gast im Interview. 

Peißenberg– Kahl und leer mögen die Räume in der Kindertagesstätte „St. Johann“ in Peißenberg den Besuchern derzeit erscheinen, denn es finden sich weder Spiel- noch Bastelsachen darin. „St Johann“ ist für drei Monate „Spielzeugfreier Kindergarten“ mit erstaunlichen Effekten, wie die Leiterin Ingrid Gast im Interview erzählt.

Eine Kindertagesstätte komplett ohne Spielzeug, was ist die Idee hinter diesem Projekt?

Der „Spielzeugfreie Kindergarten“ ist im Grunde ein Projekt, das der Suchtprävention dient. Es richtet sich nicht gegen die Spielsachen, sondern soll den Kindern den Raum geben, wieder mehr Erfahrungen zu machen, mehr Zeit zu haben und sich auf sich selber zu besinnen. Hinter einem Puzzle kann man sich gut verstecken – überhaupt hinter allen Spielsachen.

Wenn keine Spielsachen zur Verfügung stehen, müssen Sie dann mehr anbieten?

Nein, denn zu dem Projekt gehört, dass wir keine Angebote machen. Für uns ist es immer eine gute Gelegenheit zu beobachten. Die Kinder können alles selber entscheiden und müssen dann Mitstreiter finden. Wenn zum Beispiel ein Mädchen draußen spielen will, dann muss es einen Erwachsenen fragen, ob er bereit ist, mitzugehen. Dazu muss das Kind seine Bedürfnisse wahrnehmen, diese äußern und dann noch jemanden überzeugen. Es muss sich auf sich selber und seine Stärken besinnen – und Frustration aushalten.

Ist es nicht furchtbar laut in einer Kinderbetreuungseinrichtung ohne Spielzeug und Angebote?

In den drei Projektmonaten ist das ganze Haus geöffnet, und es ist schon immer wieder laut. Dann gibt es aber auch Phasen, in denen es leise zugeht und alle konzentriert spielen.

Was passiert, wenn das Spielzeug nach drei Monaten wieder da ist?

Das ist ganz interessant zu beobachten. Die Kinder merken hinterher immer, dass sie nicht so viel brauchen zum Spielen. Wenn das Projekt vorbei ist, überlegen wir gemeinsam, welche Spielsachen wir wieder in unsere Räume holen. Das ist dann meist viel weniger als vor dem Start des „Spielzeugfreien Kindergartens“. Die Kinder spielen anders nach diesen drei Monaten. Sie sind in größeren Gruppen unterwegs, viel in der Natur und draußen. Und sie trauen sich plötzlich mehr. Sie kennen ihre Bedürfnisse besser und können sie besser äußern.

Wie stehen die Eltern zu diesem Projekt?

Die Eltern werden umfassend informiert und begleiten diese Zeit auch. Es finden drei Elternabende zu diesem Thema statt und einer auch im Vorfeld, sodass kein Vater und keine Mutter überrumpelt wird. Manche Familien räumen in dieser Zeit auch zuhause das Spielzeug weg.

Wie lange gibt es den „Spielzeugfreien Kindergarten“ bei Ihnen?

Sicher 20 Jahre machen wir das schon. Das Projekt gehört mittlerweile zu unserer Kindertagesstätte „St. Johann“ dazu.

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