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Dr. Sabine Vetter setzt sich für das Industriedenkmal Radom ein und will Besuchern mit einer Teststrecke die Funktion der Satellitenschüsseln erklären. 

Peißenberg

Engagiert für die große weiße Kugel

Dr. Sabine Vetter aus Peißenberg hat ein ganz spezielles Hobby: Sie engagiert sich für den Erhalt des  Radom in Raisting. 

Peißenberg – „Man sieht es zwar nicht vom Mond aus, aber immerhin vom Gipfel der Zugspitze.“ So beschreibt Dr. Sabine Vetter aus Peißenberg das Objekt, für dessen Erhalt sie sich engagiert. Es ist das Radom bei Raisting, das jeder, der in der Region unterwegs ist, kennt, weil es aufgrund seiner Größe und Form nicht übersehbar ist. Aber immer weniger Menschen wissen nach Einschätzung von Vetter um die Bedeutung der riesigen weißen Kugel, die eine Antenne verbirgt, die vor 50 Jahren Geschichte schrieb.

„Was mich gleich zu Beginn begeistert hat“, so Vetter, „ist, dass die Antenne 1 eine neue Epoche in der globalen Kommunikation begründet hat und so zu ihrem Symbol wurde.“ In Raisting habe das angefangen, was heute selbstverständlich ist: Live-Übertragungen in Rundfunk und Fernsehen, Telefonate in alle Welt. Es ist aber nicht nur die Technik, die Vetter fasziniert, mehr noch ist es die gesellschaftliche Wirkung. Die Direktübertragungen ließen keine Zeit für Zensur und Veränderungen. Nachrichten bekamen eine andere Qualität.

Das hat Vetter selbst erfahren, als sie 1972 während der Olympischen Spiele in Israel war. Die Nachrichten vom Attentat in München waren zeitgleich in Israel präsent – „dank der Raistinger Antenne 1“. Dass sie die gesellschaftlichen Wirkungen interessieren, sieht Vetter auch in ihrer Biografie begründet. 1950 in Wolfhagen bei Kassel geboren, erlebte sie die 1968er-Zeit als Jugendliche. Dank der neuen Kommunikation habe man auch in dieser Kleinstadt alles aktuell mitbekommen: „Notstandsgesetze, Rolle der Bundeswehr, Vietnamkrieg“. Und die Nachrichten aus den Metropolen der 68er-Bewegung, Berkeley und Paris, waren auch in Wolfhagen präsent. „Mit einigen Lehrern konnte sehr konstruktiv diskutiert werden“, erinnert sie sich. Andere seien noch Vertreter der alten Schule gewesen.

Nach dem Gymnasium – „meine Lieblingsfächer waren Deutsch, Französisch und Geschichte“ – studierte Vetter in Göttingen, Paris und München Kulturwissenschaften, Geschichte und Soziologie. Zur Promotion beschäftigte sie sich mit der Entwicklung des Rassismus. Nach dem Studium machte Vetter einen Abstecher zum Bio-Gemüseanbau an den Bodensee und zur Bewirtschaftung eines kleinen Bauernhofs in Hessen. Rückblickend erinnert sie sich: „Am Schreibtisch habe ich mich damals nach dem Acker gesehnt, auf dem Acker nach dem Schreibtisch.“ Gewonnen hat schließlich der Schreibtisch. Den Kontakt zum Radom und den Mitarbeitern der Erdfunkstelle bekam Vetter, als sie in die Weilheimer Region kam und bei der Telekom arbeitete. Damals war die Antenne 1 im Radom noch ein Attraktion. Nachdem schon der Abriss der nicht mehr benötigten Antenne im Raum stand, wurde sie schließlich zum Industriedenkmal von herausragender nationaler Bedeutung erklärt und so gerettet. „2004 war ich bei der Gründung des ,Fördervereins Industriedenkmal Radom Raisting’ dabei“, erinnert sich Vetter an den Beginn des Vereins, der sich zum Ziel gesetzt hatte, das Radom für Interessenten zu öffnen und ein Museum für Satellitenfunktechnik einzurichten.

Das Interesse war da: „Am ersten Tag, an dem das Radom geöffnet war, kamen 2000 Besucher“, erinnert sich Vetter. Als der Vorsitzende des Vereins sein Amt abgab, wurde sie in diese Position gewählt, die sie seither inne hat. Dass sie als Nicht-Technikerin die Aufgabe übernommen hat, liege auch daran, dass in der Doppelspitze ein weiteres Vorstandsmitglied für die technischen Fragen zuständig ist und dass es ein gutes Team von Experten und Zeitzeugen gibt, das sich die Arbeit teilt.

Nun wird nach weiteren Möglichkeiten gesucht, die Satellitenfunktechnik interessiertem Publikum zu vermitteln. „Ein Museum, in dem wir in wechselnden Ausstellungen die Geräte zeigen“, schwebt Vetter vor. Der Verein hat nämlich vieles von dem aufbewahrt, was vor einem halben Jahrhundert die Kommunikation revolutionierte. Ohne dem, was im Radom steht und in den Lagern schlummert, wäre die Geschichte anders verlaufen. Dies will die geschichtsinteressierte Peißenbergerin auch jungen Menschen vermitteln. An der Funkstelle hat der Verein dafür schon Info-Tafeln aufgestellt und ein Akustik-Modell aufgebaut, in dem die Besucher mit Schall ausprobieren können, wie die Schüsseln funktionieren. Außerdem gibt es im Sommerhalbjahr Führungen im Radom.

So sehr sich Vetter auch für das Radom engagiert, es ist für sie nicht alles. Die breite Geschichtsforschung ist ihr wichtig. Sie sichtet schriftliche Nachlässe und ordnet diese, wobei ihr die Kenntnis alter Schriften wie Sütterlin hilft. Außerdem schreibt sie Biografien, verfasst Texte für Websites und ist als freie Journalistin tätig.

Und dann es gibt noch ein Privatleben, das sie mit ihrem Mann, dem Mathematiker und Programmierer Dr. Ralph Berr, teilt. Vetter reist gerne, aber nicht, indem sie „irgendwohin fliegt“. Sie fährt lieber nach Frankreich, wo es ihr „Paris und der Süden“ besonders angetan haben. Es reicht ihr, in Paris, wo sie schon als Studentin war, an einem Tresen zu stehen – „es gibt sehr schöne Tresen in Paris“ – und einen „petit rouge“ (einen kleinen Roten) zu trinken und mit den Kellnern zu reden, oder in einen Straßencafé zu sitzen und zu schauen, „was die Leute ringsum machen“. Solche Milieustudien zieht Vetter den üblichen Touristenprogrammen vor.

Alfred Schubert

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