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Die Arzneimittel werden knapp: Apotheker Philipp Kircher vor einer fast leeren Medikamentenschublade. 

Engpässe bei den Arzneimitteln

Apotheker müssen improvisieren, Ärzte sind alarmiert

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Die Politik fordert, die Produktion wichtiger Medikamente zurück in die EU zu holen, Ärzte und Apotheker im Landkreis können das nur begrüßen. Der Unmut über die Engpässe bei der Arzneimittelversorgung wächst. Vor allem Psychopharmaka fehlen derzeit. Die Abhängigkeit von Asien ist enorm, die Corona-Epidemie in China verschärft die Situation.

Landkreis „Das Problem ist präsent wie eh und je“, sagt Philipp Kircher, Sprecher der Apotheker im Landkreis Weilheim-Schongau, mit Blick auf die Arzneimittelknappheit in der Region. Wie berichtet, hatte schon vor zwei Wochen der ärztliche Kreisverband Alarm geschlagen. Der Mangel an Medikamenten sei „inakzeptabel“, schimpfte der Vorsitzende Karl Breu.

Einen Vorstoß hat diesen Mittwoch die CSU im Bayerischen Landtag unternommen. Per Dringlichkeitsantrag wurde gefordert, die Produktion wichtiger Wirkstoffe für Medikamente, insbesondere für Antibiotika, Anästhetika und Schmerzmittel, zurück nach Deutschland oder in die EU zu verlagern. Der Bundestag hatte bereits vor einer guten Woche ein Maßnahmenpaket gegen die Lieferengpässe beschlossen. Außerdem sollen die Krankenkassen mögliche Mehrkosten tragen, die den Patienten durch Aufzahlungen entstehen.

„Wildes Herumgebastel“ in den Aptoheken

Im Landkreis Weilheim-Schongau waren es zuletzt vor allem blutdrucksenkende Medikamente, die zur Neige gingen. Derzeit sind es aber Psychopharmaka, die fehlen, erklärt Sprecher Kircher, der selbst in Peißenberg eine Apotheke betreibt. „Es ist ganz viel wildes Herumgebastel bei uns derzeit, wir müssen improvisieren“, sagt er. Unter anderem werden Tabletten gestückelt. Manchmal stellen die Apotheker aus den Pillen sogar eigene Säfte her, weil das Präparat für Patienten mit Schluckbeschwerden nicht lieferbar ist. Und immer wieder kommt es laut Kircher vor, dass Patienten tief in die Tasche greifen müssen, weil nur noch das Original-Medikament zu haben ist, das die Krankenkassen (noch) nicht bezahlen. Statt der fünf Euro Rezeptgebühr werden dann leicht mal 70 Euro fällig, die der Kunde allein tragen muss. Der Peißenberger Apotheker rät seinen Kunden daher dringend, nicht zu warten, bis der Medikamenten-Vorrat aufgebraucht ist, sondern „sich möglichst früh um ein neues Rezept zu kümmern“.

Auch die Ärzteschaft ist alarmiert

Die Ärzteschaft im Landkreis ist ebenfalls alarmiert: „Die Engpässe haben extrem zugenommen, es ist wirklich eine dramatische Situation“, klagt der Schongauer Allgemeinmediziner Martin Kayser. Es sei an der Tagesordnung, dass Patienten in die Praxis zurückkommen, weil das verschriebene Medikament in der Apotheke nicht verfügbar sei. „Seit dem vergangenen Jahr hat das extrem zugenommen“, berichtet der Schongauer Arzt, der bei einigen Blutdruckpatienten die Behandlung schon komplett umstellen musste. Kayser sieht jetzt vor allem den Gesetzgeber in Deutschland gefordert. Für alle Medikamente müssten verpflichtend Vorräte angelegt werden, meint er.

Allgemeinmediziner prangert „Gier der der Pharmakonzerne“ an

In Weilheim wächst der Unmut ebenfalls: „Man müsste die Gier der Pharma-Konzerne reduzieren, aber das dürfte schwierig werden“, klagt Dr. Michael Hartung über das in seinen Augen größte Problem: „Die Konzerne sind nur auf Gewinnoptimierung aus“ – deshalb komme es zu den Engpässen. Auch in seiner Praxis sind es vor allem die Blutdruckpatienten, die von der Apotheke zurück in die Praxis kommen, weil das verschriebene Medikament nicht zu haben ist. „Zwei bis dreimal pro Tag kommt das jetzt vor“, berichtet der Weilheimer Facharzt für Allgemeinmedizin. Zum Glück gebe es bei den Präparaten aber noch Alternativen, sagt er.

Dank Großapotheke: In den Krankenhäusern läuft noch alles reibungslos

In den Häusern der Krankenhaus GmbH in Weilheim und Schongau läuft die Arzneimittelversorgung noch reibungslos. Nach den Worten des Ärztlichen Direktors Dr. Michael Platz (Schongau) gebe es „genug Präparate, auf die man ausweichen kann“. Die beiden Kliniken werden laut Platz von einer Garmischer Großapotheke beliefert, die auch das dortige Krankenhaus versorgt. Die Apotheke sei darauf bedacht, schwach bestückte Arzneimittel zu bevorraten. Das Fazit des Mediziners: „Es gibt keine Bedrohung, aber man muss sehr wachsam sein.“

Corona-Krise könnte Situation noch verschärfen

Das sagt der Ärztliche Direktor in Schongau freilich auch mit Blick auf Asien. Etliche Medikamente werden im fernen Osten hergestellt. Sollte sich die Corona-Krise ausweiten, drohen möglicherweise noch größere Produktionsengpässe, befürchtet Apotheker-Sprecher Kircher, der den Ernst der Lage betont. Die Abhängigkeit von Indien und China sei enorm. Um einen Weltkrieg anzuzetteln, bräuchten die Chinesen keine Waffen, „sie müssten uns nur das Antibiotika abdrehen“.

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