Erinnerung an russische Kriegsgefangene in Peißenberg

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Auch wenn im Rückblick manches verklärt wird: Peißenberg ist stolz auf seine Bergbaugeschichte. Doch der heimische Kohleabbau, der 1971 sein Ende fand, hatte auch Schattenseiten. In den beiden Weltkriegen arbeiteten unter anderem russische Kriegsgefangene in den Gruben. Auf dem Peißenberger Friedhof erinnert ein russisch-orthodoxer Grabstein an ihr Schicksal.

Peißenberg – „Am 22.11.1942 im Krankenhaus Peißenberg verstorben. Krankheitsbezeichnung: Verblutung nach Oberschenkelschuss.“ Es ist eine nüchterne Aktennotiz, die von der Verwaltung des Moosburger Kriegsgefangensammellagers „Stalag VII A“ in der „Personalkarte“ von Michail Karjukin vermerkt wurde. Der russische Feldwebel befand sich auf „Arbeitskommando-Einsatz 3178“ im Peißenberger Bergwerk – ebenso wie Prokofij Redtschik. Der im Dienstgrad eines Schützen geführte Landarbeiter wurde wie Karjukin erschossen – laut Aktennotiz am 16.6.1944 „wegen Arbeitsverweigerung“.

Es sind solche Schicksale, die Anton Gromov in diversen Archiven ausgegraben hat. Der 45-jährige gebürtige St. Petersburger lebt seit 20 Jahren in Deutschland und bezeichnet sich selbst als „adaptierter Bayer“. Er arbeitet als Altenpfleger im Seniorenheim St. Ulrich – und nebenbei betätigt er sich als Hobby-Historiker.

Bei einem Besuch im Peißenberger Bergbaumuseum hat die Forscher-Leidenschaft begonnen. Auf einer Gedenktafel für verunglückte Bergmänner las Gromov auch drei russische Namen. Er wurde neugierig und versuchte, die Biographien zu rekonstruieren. Er sprach mit ehemaligen Bergleuten und Zeitzeugen wie Heinrich Limmer und stöberte unter anderem bei Christine Marksteiner im Gemeindearchiv. Auch Alt-Bürgermeister Matthias Führler und Reiner Kühnel halfen bei der Recherche. Herausgekommen ist ein ziemlich genaues Bild über das Leben russischer Kriegsgefangener in Peißenberg – samt einer Liste der am Friedhof von St. Johann begrabenen russischen Soldaten in der Zeit ab 1942. Nur die genauen Bestattungsorte können heute nicht mehr verifiziert werden.

Ein Grabstein auf dem Peißenberger Friedhof erinnert an russische Kriegsgefangene. 

Im Zweiten Weltkrieg waren es etwa 200 russische Kriegsgefangene, die zum „Arbeitskommando“ ins Peißenberger Bergwerk abgestellt wurden. Sie wurden in einem Lager am heutigen Kaufland-Gelände untergebracht. Krankheits- und Unglücksfälle standen quasi auf der Tagesordnung. Nach Einschätzung Gromovs muss es zudem willkürliche „Abschreckungsmaßnahmen“ gegeben haben. Wegen Arbeitsverweigerung oder auf der Flucht erschossen? Vor allem letzteres hält Gromov für ziemlich unwahrscheinlich: „Wohin hätten die Gefangenen denn flüchten sollen? Hier ist etwas faul.“ Gromov vermutet, dass Exempel statuiert werden sollten, um die Gefangenen einzuschüchtern: „Das war wohl ein Trick der SS-Wachleute“, spekuliert Gromov.

Mit der Zivilbevölkerung und den deutschen Kollegen unter Tage gab es zumeist keine Probleme. „Viele wollten sogar nach dem Krieg hierbleiben“, erklärt Gromov. Die Gründe dafür sind wiederum traurig: Die stalinistische Herrschaft steckte die Rückkehrer erst einmal in sogenannte Filtrationslager. „Dort mussten sie erst einmal beweisen, dass sie keine Kollaborateure sind“, weiß Gromov: „Allein schon der Umstand, dass sie Kriegsgefangene waren, machte die Leute verdächtig.“

Gromov möchte mit seiner Recherche Fakten aufzeigen, aber keinesfalls mit dem erhobenen Zeigefinger belehren. Er möchte die Erinnerung an die russischen Kriegsgefangenen des Ersten und Zweiten Weltkrieges wach halten – und Brücken zwischen Deutschland und Russland bauen.

Als Zeichen der Völkerverständigung hat er Spenden für einen Gedenkstein am Peißenberger Friedhof gesammelt. „Zum Andenken an die russischen Kriegsgefangen, die auf diesem Friedhof bestattet sind“, ist auf dem von einem russisch-stämmigen Steinmetz aus Stuttgart angefertigten Grabstein eingraviert worden – neben einem kyrillischen Text. Die orthodoxe Einweihung fand im Frühjahr statt – unter anderem mit Bürgermeisterin Manuela Vanni und einem russischen Fernsehteam. Das Projekt hat in Gromovs Heimat Widerhall gefunden: Er sei von Landsleuten ungläubig gefragt worden, „ob die Deutschen es wirklich erlauben, dass auf einem deutschen Friedhof ein russisch-orthodoxer Grabstein aufgestellt wird“, erzählt Gromov.

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