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Fahrrad-Kurs nur für Frauen

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Von: Kathrin Hauser

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Frauen sitzen auf Fahrrädern ohne Pedale
Manche Frauen saßen zum ersten Mal auf einem Fahrrad bei dem Kurs. © ralf ruder

Obwohl noch Sommerferien sind, herrschte kürzlich Betrieb auf den Straßen der Jugendverkehrsschule auf der Alten Bergehalde in Peißenberg. „Diakonie Herzogsägmühle“ und Verkehrswacht Weilheim haben einen Fahrrad-Kurs für Frauen angeboten – und das Interesse war groß.

Peißenberg – Sie hat die Hände fest am Lenker, sitzt aufrecht und schaut konzentriert nach vorne. Das Fahrrad rollt, die Füße beeilen sich, nachzukommen und sich dabei nicht allzu weit vom sicheren Boden zu entfernen. Noch braucht Aida diesen Halt, denn sie sitzt heute zum ersten Mal auf einem Fahrrad. „Ja, toll, super!“, ruft Georg Leutenstorfer. Er ist wie Guido Grosam und Georg Off bei der Verkehrswacht und hat sich wie diese bereit erklärt, den Fahrrad-Kurs für Frauen mit und ohne Migrationshintergrund zu betreuen, den die „Diakonie Herzogsägmühle“ mit Unterstützung der Verkehrswacht Weilheim und Landsberg im Rahmen des Projektes „NeNa LaWei“ anbietet.

Elf Frauen und Mädchen sind heute zum Fahrrad-Kurs auf die „Alte Bergehalde gekommen. Alle haben Migrationshintergrund. Die meisten von ihnen kommen aus Syrien und tragen Kopftuch. Sie haben als Mädchen oder Jugendliche das Fahrradfahren gar nicht oder nur ein wenig gelernt. „Es ist Wahnsinn, dass das Interesse so groß ist“, sagt Annette Kurth, die das Projekt „NeNa LaWei“ betreut, was „Neue Nachbarinnen Landsberg Weilheim“ bedeutet. Sie habe abgefragt, welche Wünsche Frauen mit Migrationshintergrund hätten und 98 Prozent der Frauen hätten sich gewünscht Fahrradfahren zu lernen. „Mit einem Fahrrad lässt sich die Mobilität erheblich erhöhen“, sagt Kurth.

Weil die Hälfte der Frauen und Mädchen bereits ein wenig Fahrrad fahren kann und die andere Hälfte noch nie oder sehr selten auf einem Fahrrad gesessen ist, sind die Teilnehmerinnen in eine Anfänger- und in eine Fortgeschrittenen-Gruppe eingeteilt. Für die Anfängerinnen haben die Männer von der Verkehrswacht die Pedale entfernt. „Die Frauen müssen ohne Pedale anfangen“, sagt Grosam. Sonst sei die Gefahr zu groß, mit den Füßen daran hängen zu bleiben. Die Fahrräder können nun als Laufräder genutzt werden.

Frauen sitzen auf Fahrrädern, ein Mann erklärt etwas.
Einige Frauen saßen schon sicher auf den Fahrrädern. © ralf ruder

Und das tun Frauen der Anfängergruppe eifrig: Sie rollen auf einer Querstraße in der Mitte unermüdlich hin und her und werden von Meter zu Meter sicherer – und schneller. „Super, mit Schwung geht es besser!“, ruft Leutenstorfer. Immer länger bleiben die Füße über dem Boden. Die Frauen wollen Radeln lernen – auch, wenn es anstrengend ist.

Samar fächelt sich mit der Hand Luft ins Gesicht. „Puh“, sagt sie. Jamana fasst sich mit einer Hand an den Rücken. „Wenn Sie mal eine Pause machen wollen, jederzeit“, sagt Leutenstorfer. „Ja, Pause“, sagt Samar. „Oh heiß“, meint Jamana. „Ich bin sehr zufrieden. Ich hoffe, ich lerne es.“ Die beiden Frauen stellen ihre Fahrräder ab und strecken sich. Die beiden anderen machen derweil weiter: „Ja, genau, der Oberkörper muss weiter nach vorne“, erklärt Grosam. Samar und Jamana zieht es wieder zurück aufs Fahrrad. Der Ehrgeiz, das Radln zu lernen und die Freude am Fahren sind ihnen anzusehen. Auch Aida gewinnt zusehends an Sicherheit. Sie spricht Russisch und wird von ihrer Nachbarin Ulla Schmalfeld begleitet, die die Sprache ebenfalls beherrscht und für sie dolmetschen kann.

Die Frauen und Mädchen aus der Fortgeschrittenen-Gruppe wissen bereits, wie Fahrradfahren geht, können auch schon das Gleichgewicht halten, aber es fehlt ihnen noch an Sicherheit. Georg Off von der Kreisverkehrswacht übt mit ihnen. Gerade geht es darum, einhändig fahren zu lernen. „Wenn wir uns im Straßenverkehr bewegen, müssen wir mit einer Hand fahren können“, sagt Off. Nur so wei es möglich, beim Abbiegen Handzeichen zu geben. Die Teilnehmerinnen bekommen die Anweisung, zunächst mit beiden Händen am Lenker loszufahren, dann eine Hand vom Lenker zu nehmen und einhändig weiter zu fahren. „Ich habe Angst“, sagt eine junge Frau. Zögerlich nimmt sie für einen Moment eine Hand vom Lenker und setzt sie sofort wieder auf. Dann fährt sie weiter auf ihrer Runde um den Übungsplatz.

Ob sie fürs Fahrradfahren einen Führerschein benötigen, will eine der Anfängerinnen von den Männern von der Verkehrswacht wissen. Diese klären auf: Nein, es brauche keinen Führerschein, es sei aber nötig, sich mit den Regeln und den Verkehrszeichen auszukennen – und sicher Radl fahren zu können. Mit zufriedener Miene wendet sich die Frau wieder ihren Übungen zu.

Vor dem Häuschen in der Nähe des Eingangs sitzen Lisa Hogger und Traudl Reichert vom „Unterstützerkreis Asyl“ Peißenberg. Sie haben dafür gesorgt, dass es unter den Frauen bekannt wird, dass der Fahrrad-Kurs angeboten wird. „Es ist uns ein großes Anliegen, dass die Frauen Fahrradfahren lernen“, sagt Reichert, die sich beim Unterstützerkreis in erster Linie um Familien kümmert. In vielen der Herkunftsländer sei es bis heute unüblich, dass Frauen Fahrrad fahren, erzählt Reichert.

Für manche sei es deswegen bestimmt nicht einfach gewesen, hierher zu kommen: „Sie müssen auch eine Hemmschwelle gegenüber ihrer Familie überwinden, wenn sie hier trainieren.“ Mit dem Kurs solle den Teilnehmerinnen die Möglichkeit gegeben werden, mobiler zu sein. Es gehe darum, dass die Frauen selbständiger würden, wenn sie mobiler seien. Reichert sagt: „Es geht es um viel mehr als nur ums Fahrradfahren.“

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