Glückssteine-Malen war bei der Klasse 8a angesagt. 

Peißenberg

Das Glück in die Schule holen – auch als Fach

Auf die Suche nach dem Glück begaben sich kürzlich die Peißenberger Mittelschüler im Rahmen ihres alljährlichen Aktionstages. Und damit das Glück Dauergast in der Josef-Zerhoch-Mittelschule wird, soll ab dem nächsten Schuljahr sogar ein entsprechendes Unterrichtsfach eingeführt werden.

Peißenberg – Gabi Zeitler ist wahrlich ein Multitalent: Zu Beginn des Mittelschultags in der Josef-Zerhoch-Schule schmetterte die Verbindungslehrerin, begleitet von der Schulband, schnell mal den Cat-Stevens-Klassiker „Morning has broken“ in die vollbesetzte Aula, um gleich danach von einem Klassenzimmer zum nächsten zu sausen. „Frau Zeitler, wo findet denn der Glückskuchenverkauf und das Dosenwerfen statt?“, „Frau Zeitler, welche Klasse macht das Glücksraddrehen?“ Die Schüler wussten genau, wen sie zu fragen hatten. „Zeitler ist nicht alles, aber ohne Zeitler ist alles nichts.“ Das zumindest stand auf einem Werk, das die „Glückssteinmanufaktur“ der 8a produzierte.

„Glück“, das war beim Aktionstag, der oberbayernweit an den Mittelschulen organisiert wurde, das zentrale Thema. Die Mittelschüler wollten gegen „Egomanen, Schwarzseher, Narzissten und Populisten positiv dagegenhalten“, wie es in der offiziellen Einladung hieß.

Die Suche nach dem Glück gestaltete jede Klasse individuell. Unter anderem organisierte die 6a unter dem Motto „Glücksbringer aus aller Welt“ eine informative Ausstellung, die 9Ma lud ins Glücksspielcasino ein, die 9Mb verkaufte leckere „Glückswaffeln mit Nutella“, und die 5g kümmerte sich um das Glück in Bezug auf das körperliche Wohlbefinden: Akustisch begleitet von fernöstlicher Musik, wurden Handmassagen angeboten.

Neben den einzelnen Klassenevents organisierten die Fachlehrer zudem verschiedene Workshops wie „Chillen mit Papier und Bleistift“, „Yoga für Sinne“ oder „Schokolade macht glücklich“. Ziel des Mittelschultages war es laut Zeitler, dass die Schüler „ein greifbares Ergebnis beziehungsweise eine Erinnerung an den Tag mit nach Hause nehmen – quasi ein ,Glück-to-go‘.“

Dass Schule mit Glück verbunden wird, ist in der Praxis eher die Ausnahme – und das ganz unabhängig von der Notensituation. „Es fehlt oft die Wertschätzung der Schüler. Das Glück ist aus der Schule verschwunden“, konstatiert Zeitler: „Es kommen schon viele mit der Grundstimmung in die Schule ,Mein Leben ist eh scheiße’.“ Glück werde zudem oft nur mit materiellen Dingen in Verbindung gebracht, nicht aber mit Gesundheit oder einem großen Freundes- und Bekanntenkreis: „Die Selbstverständlichkeiten merkt man erst, wenn man sie nicht hat“, erklärt Zeitler.

Die Verbindungslehrerin hatte deshalb die Idee, ein separates Unterrichtfach „Glück“ einzuführen – und die Schulleitung um Susanne Coldwell war davon sofort begeistert: „Das Fach ist dringend erforderlich“, sagt die Rektorin: „Es ist wichtig, den Schülern Wege zum Glück aufzuzeigen.“ Laut Zeitler geht es um Reflexion der eigenen Persönlichkeit, um Stärkung der Lebensfreude und die Erkenntnis, dass jeder der eigene Motor für sein Leben und sein persönliches Fortkommen ist. Über die sozialen Medien würden die Schüler oft nur anderen beim Leben zuschauen, anstatt Eigeninitiative zu entwickeln. „Es ist auch Aufgabe der Schule, glückliche Schüler zu entlassen“, erklärt Zeitler.

Bislang wird das Fach „Glück“ deutschlandweit an rund 100 Schulen angeboten, zumeist an Gymnasien. Zeitler ist dennoch optimistisch: „Wer sagt denn, dass das an Mittelschulen nicht auch funktionieren kann?“ Und die Zielgruppe sei durchaus aufgeschlossen: „Wenn die erste Kicherphase vorbei ist, können sich Schüler sehr wohl darauf einlassen.“ Ein Beleg dafür lieferte die Fototafel in der Schulaula, auf der einzelne Schüler verrieten, was für sie Glück bedeutet: „Mein Glück war, dass ich überlebt habe“ oder „Glück bedeutet, dass Menschen für einen da sind“ war auf den Bildern unter anderem zu lesen.

Auch Gabi Zeitler hat sich an der Bildertafel verewigt: „Glück bedeutet, seinen Beruf auch nach 35 Jahren noch gerne zu machen.“

Bernhard Jepsen

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