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Es gibt immer etwas zu tun: v.l. Stephan Glück, Martin Gesche und Josef Zehentbauer verbringen viele Stunden im Peißenberger Bahnhof, um an der Anlage zu arbeiten.

Peißenberg

Mit dem Zug ins Jahr 1968

  • Kathrin Hauser
    VonKathrin Hauser
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„50 Jahre Vorbild“ feiern die Mitglieder des „Modellbahnclubs Pfaffenwinkel“ heuer. Anlässlich dieses Ereignisses laden sie für kommenden Samstag in den Peißenberger Bahnhof ein, wo sie die Bahnstrecke Weilheim-Peißenberg nachgebaut haben – so, wie sie 1968 ausgesehen hat.

Eines ist gleich klar: Hier sind überzeugte Modellbahner am Werk. Ein Tisch im Erdgeschoss des Peißenberger Bahnhofgebäudes dient Gerd Gramsall als Werkstatt. Vorsichtig hält er die Lok, die er gerade repariert hat, zwischen Daumen und Mittelfinger. „Die ist gerade fertig geworden“, sagt er. Jetzt kann sie nach oben gebracht werden, wo die Mitglieder des „Modellbahnclubs Pfaffenwinkel“ ihre rund 100 Quadratmeter große Anlage aufgebaut haben.

Der Weg vom Erdgeschoss in den ersten Stock ist gewissermaßen eine Zeitreise, denn die Mitglieder des Modellbahnclubs bauen auf ihrer Anlage nach, wie die Bahnstrecke Weilheim–Peißenberg vor exakt 50 Jahren ausgesehen hat – samt passender Züge, Gebäude und Autos. und lassen die passenden Züge dazu fahren. Es sind Wohnviertel, Auen und Brücken zu sehen, in einem Maßstab von 1:87.

„Das ist alles originalgetreu“, sagt Glück. Die Modellbahner legen viel Wert darauf, dass die Anlage möglichst genau das Leben neben und auf den Schienen abbildet, wie es 1968 war. Dabei gibt es viele nette Details zu entdecken: die beiden Fußballmannschaften, die sich auf dem Peißenberger Sportplatz ein Duell liefern zum Beispiel, die Frau im 60-Jahre-Bikini, die sich am Ufer der Ammer räkelt oder die Waldarbeiter, die in Peißenberg mit Baumfällarbeiten beschäftigt sind – inklusive einer Wegsperrung.

„Diese Zeit ist für uns so interessant, weil bis 1969 Dampfloks gefahren sind“, erklärt der zweite Vorsitzende des Vereins, Stephan Glück. So könnten die Anlage und der Betrieb darauf vielseitig gestaltet werden. Am Weilheimer Bahnhof stehen gerade ein Schienenbus und ein Personenzug, der von einer E-Lok gezogen wird, an anderer Stelle parkt eine Dampflok, ein Güterzug schiebt sich schwer beladen mit vielen VWs von Peißenberg Richtung Weilheim.

Martin Gesche, der Vorsitzende des Vereins, drückt auf einen Knopf und der Zug pfeift. Selbst die Drehscheibe, die es damals für die Linie Augsburg-Schongau gab, findet sich hier im Kleinformat. Auf den Aufbau der Bäume und andere filigrane Bastelarbeiten hat sich Josef Zehentbauer spezialisiert. Auch wenn die Modellbahner vielseitig begabt sind, die meisten haben ihre Spezialgebiete im Verein. Unter dem Tisch, auf dem die Anlage aufgebaut ist, liegt auf einem Flickenteppich Rudolf Wiester mit dem Lötkolben. „Ich komme aus der Elektronik und habe gelernt, über Kopf zu schweißen“, erzählt er. Diese Fähigkeit komme bei den Modellbahnern regelmäßig zum Einsatz.

Auch, wenn Weilheim und Peißenberg im Jahr 1968 gezeigt werden, technisch sind die Modellbahner hoch modern unterwegs: Die Anlage wurde in den vergangenen Jahren komplett digitalisiert. Auch das Stellwerk, in dem der diensthabende Fahrdienstleiter über der Miniaturlandschaft thront, hat nichts mit der Technik vor 50 Jahren zu tun. Hier stehen mehrere Bildschirme, auf denen die Streckenverläufe angezeigt sind. In Klein-Peißenberg und -Weilheim fahren nicht nur die Züge, die oben zu sehen sind, unter dem Tisch befindet sich eine zweite Ebene, auf der zum Beispiel der Garmisch-Partenkirchener Bahnhof als Schattenbahnhof steht. Damit die Züge nicht nur stupide uns willkürlich im Kreis fahren, sondern dem Original-Fahrplan folgen können.

Damit Peißenberg und Weilheim möglichst genau nachgebaut werden können, bedienen sich die Modellbahner alter Bilder und Pläne. Sie haben mehrere Ordner, mit Material in ihrem Stüberl stehen, wo sie sich regelmäßig zum Kaffeetrinken treffen.

Rund 30 Mitglieder hat der Verein, davon sind etwa zehn aktiv und kommen regelmäßig, wenn dienstags, donnerstags und samstags an der Anlage gebaut wird. Es ist ein aktiver Kern an Modellbahnern, dennoch würden sie sich über Zuwachs freuen – auch gerne über weiblichen. „Leider ist es eher typisches ein Männerhobby, was auch gerne mal belächelt wird“, sagt Glück. Das verstaubte Image ihres Hobbys verstehen die Modellbahner überhaupt nicht. Sie sind begeistert vom Modellbahnbau, weil er so vielseitig ist. „Es ist viel Recherchearbeit, wir werden mit der neuesten Technik konfrontiert und müssen handwerklich geschickt sein“, sagt Zehentbauer.

„Mich hat fasziniert, dass ein Vorbild nachgebaut wird“, sagt Gesche, der über einen „Tag der offenen Tür“ zu Verein kam, Feuer fing und inzwischen das Bahnfahren zu seinem Beruf gemacht hat: Er ist Lokführer und fährt ICEs. Er sei schon immer von der Bahn begeistert gewesen, erzählt er. Glück hat dafür eine einfache Erklärung: „Du wirst irgendwann von dem Virus befallen und der ist unheilbar.“

Kathrin Hauser

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