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Die Natur im Blick: Wenn Georg Karl blühende Orchideen – wie hier das „Waldvögelein“ – entdeckt, fühlt er sich für den jahrelangen Einsatz entlohnt.
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Die Natur im Blick: Wenn Georg Karl blühende Orchideen – wie hier das „Waldvögelein“ – entdeckt, fühlt er sich für den jahrelangen Einsatz entlohnt.
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Im Rausch der Farben: Diese Wiese, die sich rund um Obstbäume auf der „Neuen Bergehalde“ erstreckt, wurde eingezäunt, so dass sich verschiedenste Blumen ungestört ausbreiten konnten.
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Ein Knabenkraut auf der Neuen Bergehalde – es steht unter Naturschutz.
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Einsteigen, Commander McLane: Auf der Bergehalde wurde für die TV-Serie „Raumpatrouille Orion“ gedreht. Im Foto ein Beiboot, eine Lancet.

Peissenberg

Die Neue Bergehalde: Von der Mondlandschaft zum Blumenmeer

  • Kathrin Hauser
    vonKathrin Hauser
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28 Jahre lang saß Georg Karl für die SPD im Peißenberger Gemeinderat, zwölf Jahre war er Referent für die Neue Bergehalde. Bei einem Spaziergang dort erzählt er, wie aus einer Abraumhalde des Bergwerks, die einer Mondlandschaft glich, ein blühendes Juwel wurde.

Peißenberg - „Da ist es!“ Georg Karl macht einen großen Schritt in die Wiese, wo über dem satten Grün ein kräftiges Violett leuchtet: „Orchis militaris, das Helm-Knabenkraut“, erklärt Karl und klingt ein wenig ehrfürchtig, als er von dieser Orchidee erzählt, die unter strengem Naturschutz steht und auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten geführt wird. 

Es ist ein klarer Morgen, einer dieser späten Frühlingsmorgen, die sich schon kräftig Richtung Sommer recken. Der Himmel über Peißenberg ist bis auf ein paar weiße Wölkchen strahlend blau. Die Wiesen der Neuen Bergehalde haben ihr schönstes Farbenkleid angelegt: Grüntöne in allen Schattierungen, kräftiges Gelb, Violett, Flieder, Weiß, und Blau. „Es freut mich alle Jahre wieder, wenn ich die Blumen sehe“, sagt Georg Karl, den sie in Peißenberg nur „Karl, Schorsch“ nennen. Wenn im Frühling die Bergehalde erblühe, dann wisse er, wieso er all die Mühen auf sich genommen und Widerstände überwunden habe: „Da geht einem das Herz auf.“

Neue Bergehalde: Georg Karl war dafür zwölf Jahre Referent

28 Jahre war Karl Mitglied des Marktgemeinderates, zwölf Jahre davon Referent für die Neue Bergehalde, an deren Fuß er lebt, 20 Jahre lang hatte er das Jagdrevier dort gepachtet. Diese Jagd hat er bereits vor zwei Jahren aufgegeben und nachdem er nun nicht mehr im Gemeinderat sitzt, ist auch seine Referenten-Zeit zu Ende. Wenn er von seiner Tätigkeit als Marktgemeinderat erzählt, ist er schnell bei dem Thema, das ihm in all den Jahren am meisten am Herzen lag: die Neue Bergehalde.

Zum Spaziergang an diesem Morgen hat Karl eine Mappe mitgebracht. Es ist der Anfang eines Projektes, dem er sich jetzt verstärkt widmen will: die Geschichte der Neuen Bergehalde aufzuschreiben und zu dokumentieren. „Das muss ich noch festhalten“, sagt er und zeigt Bilder aus seiner Mappe. Schwarz-Weiß-Fotografien, die von Peißenbergs Bergbau-Vergangenheit erzählen, die der Grund für die Existenz der beiden örtlichen Bergehalden ist. Dort wurden die 40 Millionen Tonnen Abraum aufgeschüttet, der aus dem Hohen Peißenberg herausgegraben wurden. Denn es war nicht alles Pechkohle, was im Bergbau anfiel.

Neue Bergehalde: Das Areal glich einer Mondlandschaft

Die Alte Bergehalde westlich der Schongauer Straße besteht aus dem tauben Gestein aus dem Tiefstollen, der Abraum aus dem Ziegelmeierschacht bildet die Neue Bergehalde. 75 Hektar groß sind die beiden Halden heute. 1971 wurde das Peißenberger Bergwerk geschlossen, was auch für Karl Konsequenzen hatte: Er hatte Schlosser im Bergwerk gelernt und war Mitglied der Knappenkapelle. Diese wurde komplett von „Agfa Gevaert“ übernommen. Die Neue Bergehalde glich einer Mondlandschaft – nicht umsonst waren dort sechs Jahre zuvor Folgen der Serie „Raumpatrouille Orion“ gedreht worden. Dass die ehemalige Abraumhalde nun im Frühling in den schönsten Farben erblüht und auch im Sommer, Herbst und Winter ein beliebtes Naherholungsziel für die Naturfreunde ist, das sei nicht von alleine so passiert, erzählt Karl: „Das ist nicht alles von selber so gekommen, das war ein harter Kampf.“

Neue Bergehalde: Kulisse für „Raumpatrouille Orion“

Nachdem die Neue Bergehalde nach dem Aus für den Bergbau in Peißenberg nicht weiter mit Abraum aufgefüllt worden war, begann sich die Natur das Gelände zurückzuerobern. Die Spuren, die der Bergbau hinterlassen hatte, verblassten allmählich, mit der Zeit sprossen immer mehr Büsche und Bäume. Rund 40 Jahre, nachdem die letzte Kohle aus dem Hohen Peißenberg gefördert worden war, drohte die Fläche, die die Verbindung zwischen dem Ortsteil „Wörth“ und dem „Dorf“ bildet, komplett zu verbuschen: „Hier war alles zugewachsen“, erzählt Karl und deutet auf den ersten linken Hügel nach der Schranke an der Robert-Koch- Straße. Vor rund zehn Jahren habe er begonnen, sich noch intensiver mit der Neuen Bergehalde zu beschäftigen. Es wurden Pläne für die Renaturierung der Fläche ausgearbeitet: „Ich bin vor etwa zehn Jahren mit großer Euphorie eingestiegen.“ 

Neue Bergehalde: Immer wieder wurden Neophyten entfernt

Dabei konnten Karl, der seit etwa 60 Jahren SPD-Mitglied ist, und seine Mitstreiter nicht aus dem Vollen schöpfen, dazu waren die Finanzen der Marktgemeinde zu klamm: „Unser Augenmerk lag immer darauf, dass wir billig bewirtschaften können“, erzählt er. Mit Hilfe von Unterstützern, der Gemeinde und zeitweise mit Häftlingen der JVA-Landsberg wurden unter anderem Flächen gerodet, immer wieder Neophyten entfernt, die ohne Bekämpfung die heimischen Pflanzen verdrängt hätten. Viel Überzeugungsarbeit habe es gebraucht, die Landwirte, die Flächen auf der Neuen Bergehalde bewirtschaften, davon zu überzeugen, dass über kurz oder lang dort nicht mehr gedüngt und nur zwei Mal gemäht werden kann, so Karl: „Manchmal war es ein Kampf gegen Windmühlen.“ Aber, auch, wenn er manches Mal klein bei geben musste – zum Beispiel als sich der Discgolf-Parcours auf der Neuen Bergehalde nicht verhindern ließ –, er habe nie resigniert. Und es habe sich gelohnt: „Wenn ich da runterschaue, das ist mein Lohn“, sagt Karl mit Blick auf eine Wiese, die bunt blüht.

Neue Bergehalde: Vier verschiedene Arten von Knabenkraut blühen

Wo bereits seit vielen Jahren aufs Düngen verzichtet wird, wiegen sich die verschiedensten Blumen in buntesten Farben im Frühlingswind, und zahlreiche Orchideen zeigen sich in ihrem schönsten Blütenkleid. „Es sind allein vier verschiedene Knabenkräuter“, schwärmt Karl: „Wo sieht man das schon?“, fragt er und deutet mit ausgestrecktem Arm auf die Wiese vor ihm. Beim Fußballplatz haben Karl und seine Mitstreiter mehrere Obstbäume gepflanzt und das Gelände eingezäunt. Dort ist es ein wahres Blumenmeer, das im Frühlingswind wogt: Margeriten, Hahnenfuß, Glockenblumen, Klappertopf und vieles mehr wachsen dort inzwischen. Jeder Jogger, jede Spaziergängerin grüßt den Mann mit dem weißen Bart, der viel Zeit hier oben verbracht hat und verbringt. Fällt Karl der Abschied aus dem Gemeinderat und von seinem Posten als Referent für die Neue Bergehalde schwer? Er schmunzelt und sagt: „Im Geiste bin ich immer hier heroben.

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