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„Tatort des Verbrechens“ nennt Otto Josef Lentner sein Atelier im Dachgeschoss. 

Künstler im Porträt

Otto Josef Lentner: Ein Autodidakt mit exzellentem Ruf

In Peißenberg gibt es einige Künstler, vor allem Maler. Einer davon ist Otto Josef Lentner. Seine große Leidenschaft ist die Aquarellmalerei. Seine Werke erhalten großes Lob.

Peißenberg – Wenn man Otto Josef Lentners stilvoll gepflegtes Wohnhaus an der Hans-Glück-Straße betritt, dann stechen einem sofort die zahlreichen Bilder ins Auge, die an den Wänden hängen. Ob Porträts, Stillleben, Landschaftsbilder oder Kopien von berühmten Künstlern wie Peter Paul Rubens – die Auswahl ist schier unerschöpflich. Lentners große Leidenschaft ist die Aquarellmalerei. Zwei bis drei Stunden verbringt der 83-Jährige täglich in seinem Atelier im Dachgeschoss. Lentner spricht über die professionell ausgestatteten Räume schmunzelnd vom „Tatort des Verbrechens“. Das klingt arg nach Understatement, denn was der „Täter“ in seiner malerischen Laufbahn bereits alles produziert hat, kann sich wahrlich sehen lassen: Lentner hat sich einen exzellenten Ruf in der regionalen Kunstszene erarbeitet. Anlässlich einer Ausstellung im Weilheimer Krankenhaus im November 1999 schrieb die Heimatzeitung zum Beispiel in einer Kritik von „Werken, bei denen die fließend-weichen Konturen, die Mischung aus Farbübergängen und klar definierten Farbtönen zu eindrucksvollen Ergebnissen kommen“. 

Lentner hatte keine großen Lehrmeister, er ist Autodidakt. Die Malerei hat ihn schon in frühester Jugend fasziniert. „Als Kind war ich ein Träumer“, erzählt Lentner, „im Sommer hab’ ich mich oft in die Wiesen gelegt und dann lauter Farbbilder gesehen.“ Lentners Familie lebte in bescheidenen Verhältnissen in einem kleinen Häuschen an der Wörther Straße. Die ersten Zeichenversuche erfolgten im Kinderzimmer. Von dort gab es freien Blick auf die Bergkette mit Heimgarten, Herzogstand und Scharfreiter: „Selbst im Winter hab‘ ich mich mit meinem Zeichenblock ans Fensterbrett gesetzt und die Berge abgemalt. An den Fingern hab’ ich wahnsinnig gefroren, aber beim Zeichnen war die Kälte vergessen“, erinnert sich Lentner. Sein Talent fiel zwar in der Grundschule auf, doch der Berufswunsch „Kunstmaler“ passte nicht in die schwere Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg: „Wenn man die Kreativität von Kindern nicht fördert“, sagt Lentner, „dann geht sie verloren. Das war auch bei mir so.“ 

Arbeit im Bergwerk

Nun, ganz ist die Kreativität beim jungen Lentner nicht verloren gegangen. Nur die Prioritäten haben sich zunächst verschoben. Als der Vater schwer krank wurde, fing Lentner im Bergwerk an: „Dort wurden Leute gebraucht, und es wurde gut bezahlt.“ Lentner absolvierte die Hauerprüfung, doch die körperlichen Anstrengungen waren für ihn ein „Limit an Herausforderung“. 1959 sattelte er beruflich um. Die Eltern seiner Frau führten ein Lebensmittelgeschäft an der Hans-Glück-Straße. Lentner begann eine Lehre zum Handelskaufmann und funktionierte den Laden zum Großhandelsbetrieb für Süßwaren und Feinkost um. Noch heute erinnern die großen Garagentore im Erdgeschoss an die frühere Nutzung. Finanziell war der Großhandel ein einträgliches Geschäft, auch wenn es nicht unbedingt zu Lentners Naturell passte: „Ich bin generell zu gutmütig und alles andere als der harte Kaufman, obwohl ich es oft sein musste.“ 

Im Zuge des Süßwarenhandels ist Lentner viel im Oberland rumgekommen. Die Malerei hat er dabei nie aus den Augen verloren. Im Gegenteil: Die Eindrücke auf seinen Dienstfahrten durch das Voralpenland waren Inspiration für die künstlerische Verarbeitung. Die Darstellung von Landschaften in Aquarellen bezeichnet Lentner als „Königsdisziplin“. Was ihn an der Technik so fasziniert? „Die Spontanität und Unmittelbarkeit. Das Wasser erweckt die Farben zum Leben.“ Aquarellmalerei eröffnet dem Künstler durch die Eigendynamik des Mediums zufällige Gestaltungsmöglichkeiten, sie verzeiht aber keine Fehler. Was auf dem Papier schon mal dunkel ist, kann nachträglich nicht heller gemacht werden: „Ich habe schon sehr viel wegschmeißen müssen“, gibt Lentner zu. Für ihn ist auch die Motivauswahl ganz entscheidend. Das Objekt muss bei ihm Emotionen wecken, „ansonsten könnte ich es auch nur einfach fotografieren“. Lentner glaubt, dass Bilder die Psyche des Menschen beeinflussen und dessen Wohlbefinden fördern: „Die Farbe muss mit der Umgebung harmonieren. In der Musik werden Moll-Töne auch erst mit der Vermischung von Dur-Tönen interessanter.“

Er lebt zusammen mit rund 1000 Bildern

Wer Lentner am „Tatort des Verbrechens“ besuchen möchte, sollte viel Zeit mitbringen. Der zweifache Großvater, der sich guter Gesundheit erfreut, redet viel, aber keineswegs langweilig. Aus seinem Munde wirken sogar Erklärungen über die Eigenschaften von Silikatfarbe für den Laien interessant – und die Erzählungen über die Zeit als Hirtenjunge am Eberlhof oder über das Bergfest am Tiefstollen während der Nazizeit („die rote Farbe der Fahnen hat mich als Kind beeindruckt“) geben einen wunderbaren Einblick in die Ortsgeschichte. Lentner lebt seit dem Tod seiner Frau vor drei Jahren allein in dem großen Haus an der Hans-Glück-Straße – respektive zusammen mit rund 1000 Bildern. Die genaue Zahl weiß Lentner selbst nicht. Er trennt sich nur schwer von seinen Werken. Inzwischen versucht er sich auch in der abstrakten Malerei: „Da kann ich Fehler machen, ohne dass es jemand merkt“, scherzt Lentner. Gut möglich, dass der Aquarellmaler auch im abstrakten Stil zum „Serientäter“ wird.

Von Bernhard Jepsen

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