Christine Marksteiner mit der handschriftlichen Chronik von Fritz Beyerlein. Dessen einzig im Archiv verbliebenes Foto hängt an der Wand gleich neben dem Ortswappen.
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Christine Marksteiner mit der handschriftlichen Chronik von Fritz Beyerlein. Dessen einzig im Archiv verbliebenes Foto hängt an der Wand gleich neben dem Ortswappen.

Aufzeichnungen von Fritz Beyerlein

Peißenberg: Eine Chronik der besonderen Art

  • Bernhard Jepsen
    vonBernhard Jepsen
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Aufgabe von Archivarbeit ist es, historische Quellen für die Recherche nutzbar zu machen. Genau das hat Christine Marksteiner nun mit den in Sütterlinschrift verfassten Aufzeichnungen von Fritz Beyerlein getan. Dabei hat die Marktarchivarin viele Geschichten über das Leben in Peißenberg zwischen 1920 und 1953 ausgegraben.

Peißenberg – Wenn es um Peißenberger Ortsgeschichte geht, dann kommt man am Namen von Fritz Beyerlein (1894-1954) nicht vorbei. Der in Berlin geborene und in Ansbach aufgewachsene Verwaltungsamtmann war ein wichtiger Mitarbeiter im damals noch alten Rathaus vis-á-vis der St-Johann-Kirche. Beyerlein war Gemeindekämmerer, nach dem Zweiten Weltkrieg für ein Dreivierteljahr sogar kommissarischer Bürgermeister, Leiter der örtlichen Sparkasse und ganz nebenbei noch ein akribischer Ortschronist.

1920 begann Beyerlein mit seinen handschriftlichen Aufzeichnungen. Sie reichen bis ins Jahr 1953 und geben einen hochinteressanten Einblick in die Geschehnisse von damals. Das einzige Problem: Die über 350 Seiten sind zum großen Teil in altdeutscher Sütterlinschrift verfasst und damit vor allem für jüngere Generationen kaum oder gar nicht lesbar. „Man kann zu den Archivbesuchern nicht sagen, ‘Setzt euch hin und lest es schnell mal durch‘. Die Altschrift haben die meisten nicht mehr gelernt“, weiß Christine Marksteiner aus Erfahrung.

Die Marktarchivarin hat sich deshalb entschlossen, Beyerleins Chronikaufzeichnungen in die moderne Lesart zu übersetzen – Seite für Seite. Kein einfaches Unterfangen, nicht nur wegen des Umfangs. Marksteiner musste zunächst rechtliche Fragen abklären.

Beyerlein hatte sich und seinen Erben die Vervielfältigungsrechte an der Chronik einräumen lassen. Doch Nachkommen hat Beyerlein keine. Sein Sohn ist bei einem Verkehrsunfall gestorben. Noch zu Lebzeiten hatte der Verwaltungsamtmann und „Nebenbei-Archivar“ versucht, einen Verlag zu finden, der sein Werk druckt.

Doch der von ihm beschriebene „Traum“ erfüllte sich nicht. „Aber er hat dennoch damit gerechnet, dass es irgendwann gelesen wird“, erklärt Marksteiner. Immer wieder taucht in der Chronik die Standardformulierung „der spätere Leser“ auf.

Beyerlein war kein neutraler Ortschronist. Immer wieder brachte er seine persönlichen Sichtweisen ein. Gerade in Bezug auf dem von ihm beschriebenen kulturellen Desinteresse, ging er auf Distanz zu den Peißenbergern. Wenn anspruchsvollere Konzerte anstanden, dann berichtete er zum Beispiel von „nicht überragenden Besuchszahlen“. Sein Fazit: Die „hiesige Bevölkerung“ sei für wahre Kunst nicht zu begeistern.

Doch Beyerlein versöhnte sich mit der Peißenberger Seele. „Er stellt irgendwann fest, dass Peißenberg gar nicht so blöd und schlecht ist“, erklärt Marksteiner schmunzelnd. Der Pragmatismus in Inflationszeiten und der Umgang mit der mangelnden Lebensmittelversorgung nötigte ihm Respekt ab.

Speziell vor Kriegsbeginn 1939 wechselte er von der „hiesigen Bevölkerung“ in die „Wir“-Form. Den Zweiten Weltkrieg bezeichnete der Ortschronist als „Abwehrkampf“.

Ob er ein Anhänger des nationalsozialistischen Regimes war? „Eher nicht“, analysiert Marksteiner: „Im Laufe der Jahre ist er doch nicht so auf die Linie eingeschwenkt. Die Geschichtsschreibung verläuft in der Zeit relativ neutral. Ich glaube, dass er wahrscheinlich ein verträglicher Mensch war.“

Auch die kommissarische Einsetzung als Bürgermeister nach Kriegsende durch die Amerikaner führt Marksteiner als Indiz gegen politische Extrempositionen an: „Er war nach dem Krieg sehr weltoffen eingestellt.“ Das eine Jahr als Bürgermeister war für Beyerlein offenbar keine einfache Zeit: Mehrmals beklagte er sich in den Annalen, dass er vom US-Militär um fünf Uhr in der Früh herausgeklingelt wurde, um Quartiere für Soldaten oder Flüchtlinge zu besorgen.

Genau das sind Geschichten, die die Lektüre der Aufzeichnungen so spannend machen. Weltpolitische Ereignisse, eben wie der Zweite Weltkrieg, werden aus der Sicht des Mikrokosmos „Peißenberg“ erzählt. Das ist mitunter auch bedrückend: „Viele Geschichten steckt man nicht so einfach weg“, berichtet Marksteiner über ihre Übersetzungsarbeit.

Beyerlein berichtete über Fliegeralarme, Hungersnöte, die Zustände infolge der Mangelwirtschaft und Soldatenschicksale. „Er schreibt zum Beispiel über jemanden, der das eiserne Kreuz verliehen bekommen hat – und zwei Zeilen später, dass derjenige inzwischen gefallen sei“, erzählt Marksteiner.

Für die Archivarin bedeutete die Übersetzung der Aufzeichnungen zwar viel Arbeit, „aber ich habe es total interessant gefunden, weil alles so lange vor meiner Zeit stattgefunden hat.“ Und: „Beim Lesen denkt man sich oft, dass wir uns heute nicht beschweren brauchen. Früher war es normal, dass es nur wenig zum Essen gab.“

Die Aufzeichnungen Beyerleins, die 1953 mit der Eintragung über die Leonhardifahrt endeten, „fesselten“ Marksteiner: „Das ganze liest sich wie ein Buch.“

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