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Ist für viele eine wichtige Einrichtung: der „Gabentisch“ in Peißenberg. 

Peißenberg: „Ohne Gabentisch hätte ich nichts zu essen“

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Während sich die meisten in Vorbereitungen auf das Weihnachtsfest ergehen, Menüs planen und Geschenke kaufen, können sich andere nicht ihr tägliches Brot leisten. Ein Besuch beim „Gabentisch“ in Peißenberg zeigt: Die Armut wohnt mitten unter uns.

Es scheppert, als Adi Schaffer die große braune Plastikkiste auf den Boden stellt. Sie ist randvoll mit Broten und Brötchen, die sofort einen heimeligen Duft verströmen. Auf den Tischen türmen sich Orangen, Äpfel, Kartoffeln, Gurken und anderes Obst und Gemüse, Wurst- und Fleischwaren, Milch, Joghurt, Mehl, Zucker, Schokoriegel, süße Teilchen und weitere Lebensmittel. „Heute haben wir besonders viele Sachen“, sagt Margarethe Ladner. Sie ist die Gruppenleiterin des „Teams 1“, das diesen Mittwoch Dienst hat. Zwölf Helfer sind es heute: neun Frauen, die alles vorbereiten, aufbauen und die Lebensmittel an den Tischen ausgeben, zwei Fahrer, die die Waren in den Geschäften und Supermärkten einsammeln und ins Pfarrheim bringen sowie Rudolf Fischer, der zum Vorstand gehört und unter anderem die Nummern ausgibt. An die 70 Helfer arbeiten ehrenamtlich in drei Gruppen beim „Gabentisch“ mit.

Die Fahrer tragen noch mehr volle Körbe in den Pfarrsaal von St. Barbara, wo der gemeinsame „Gabentisch“ der katholischen Pfarreiengemeinschaft und der evangelische Friedenskirche Peißenberg jede Woche seine Tür öffnet, damit sich Bedürftige mit Lebensmitteln versorgen können. Die Frauen an den Tischen schauen sich die Waren genau an und verteilen sie dann auf die verschiedenen Bereiche.

Am Wursttisch steht Gertraud Eiglmaier. Sie hat viele Jahre als Fleischfachverkäuferin gearbeitet und kennt sich aus mit Metzgereiwaren. Sie zeigt auf Fleischwurst-Päckchen: „Die habe ich alle einzeln abgepackt, damit möglichst viele etwas davon bekommen“, sagt sie. Sie ist, wie viele hier, dabei, seit der „Gabentisch“ im Jahr 2006 zum ersten Mal angeboten wurde.

Andere Helferinnen haben nicht so feste Stammplätze, sie werden nach Bedarf eingeteilt. „Könntest Du bitte zum Gemüse gehen?“ fragt Margarethe Ladner. Brigitte Gretschmann, die erst seit ein paar Monaten im Team ist, stellt sich an den Gemüsetisch. Dann wird drinnen Kaffee ausgeschenkt. Es sei ein Ritual in ihrer Gruppe, noch ein Tässchen zusammen zu trinken, wenn alles aufgebaut ist und bevor die ersten Kunden kommen, erzählen die Frauen. Um 11.30 Uhr haben sie mit den Vorbereitungen angefangen, gegen 16 Uhr werden sie wieder abgebaut und den Saal sauber gemacht haben. „Wir sind eine gute Truppe“, sagt Gertraud Eiglmeier. „Mir macht die Arbeit hier Freude, weil sie so sinnvoll ist“, sagt Brigitte Gretschmann. Die ganzen Lebensmittel, die sonst weggeschmissen würden, kämen so zu Menschen, die diese dringen benötigten.

Es ist kurz vor 14 Uhr. Der Gang des Pfarrheims ist voller Menschen mit großen Taschen und Einkaufstrolleys. Gerade werden die Nummern ausgelost, die bestimmen, wer wann in den Pfarrsaal eingelassen wird. „Das ist am gerechtesten, dann ist jeder mal vorne“, sagt Margarethe Ladner, die die Wartenden der Reihe nach in eine Wollmütze greifen lässt. Rund 60 Hände ziehen heute eine Nummer

Eine Frau, die ihre weißen Haare zu einem Zopf gebunden hat, muss nicht mehr lange warten, sie hat die Nummer „3“ gezogen. Sie erzählt, dass sie Stammkundin beim „Gabentisch“ ist. „Ich habe vier Kinder groß gezogen und bin mit 55 Jahren arbeitslos geworden, ich habe nur wenig Rente“, sagt sie. „Für mich wäre es schwierig, wenn ich nicht hierherkommen könnte.“ Mittwochs ins Pfarrheim St. Barbara zu gehen, ist für sie zum festen Termin geworden. Sie decke sich mit Grundnahrungsmitteln, Obst und Gemüse ein. Und selbst, wenn sie erst als eine der Letzten dran sei: „Es gibt immer genug, ich kann nicht jammern“, sagt die Frau. Eine jüngere Frau ist erst das zweite Mal hier, wie sie erzählt: „Ohne ,Gabentisch’ hätte ich nichts zu essen. Für mich ist er lebensnotwendig“, sagt sie.

Es warten alte Männer hier und junge Mütter, Seniorinnen und Kinder, Frauen mit Kopftuch und Burschen mit Kappe. Alle, die hier sitzen und stehen, haben einen Berechtigungsausweis, der nur ausgestellt wird an die, die ihre Bedürftigkeit nachweisen konnten. Und jeder Kunde muss pro „Einkauf“, wie der Gabentischbesuch auch genannt wird, einen Euro Schutzgebühr bezahlen. Im vergangenen Jahr hat der „Gabentisch“ rund 260 Menschen unterstützt – 74 davon waren Kinder. Viele Stimmen füllen den Raum, das Quengeln eines Babys geht in Weinen über.

Dann ist es so weit: Die Tür zum Pfarrsaal öffnet sich. Die ersten Kunden beginnen ihre Runde. Dann geht die Tür wieder zu, sonst wird das Gedränge an den Tischen zu groß. Es herrscht eine konzentrierte Einkaufsatmosphäre, es wird wenig gesprochen. „Darf ich das noch nehmen?“, fragt eine Frau und deutet auf einen Becher Joghurt. Sie darf. Die Frau packt den Becher auf ihren schon fast vollen Trolley. „Dankeschön“, sagt sie im Hinausgehen. „Was kriegen Sie?“, fragt eine Helferin eine ältere Frau. „Eier hätte ich gerne noch, dann könnte ich Plätzchen backen.“

„Ich habe alles gekriegt, was ich brauche“, sagt eine ältere Frau, die ihren Einkauf bereits beendet hat. Mit vollen Taschen und zufrieden streben die Kunden Richtung Ausgang. Die Treppen hinunter in den kalten Dezembernachmittag. Die Rollen der Trolleys sind noch eine Weile zu hören, dann verschwimmt das Geräusch im normalen Peißenberger Alltagslärm.

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