Frieda Mair reicht Shabir Ahmadi den Ausweis ihres Mannes Karl durch die Scheibe.
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1. Der Einlass: Frieda Mair reicht Shabir Ahmadi den Ausweis ihres Mannes Karl durch die Scheibe.

Zu Besuch im Impfzentrum Peißenberg

So läuft eine Corona-Impfung ab

  • Sebastian Tauchnitz
    vonSebastian Tauchnitz
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Endlich ist Impfstoff da. Zwar immer noch nicht genug, aber doch deutlich mehr als in den vergangenen Wochen. Deswegen herrscht mittlerweile auch reges Treiben im Impfzentrum des Landkreises Weilheim-Schongau im ehemaligen Peißenberger Krankenhaus. Wir begleiteten Karl Mair aus Bernbeuren an seinem großen Tag – dem der Erstimpfung.

Peißenberg – Ausgerechnet heute. Seit Wochen wartet Karl Mair auf diesen Tag. Den Tag, an dem er seine Corona-Erstimpfung im Impfzentrum in Peißenberg bekommen soll. Und dann schneit es die ganze Nacht durch. Der Weg von Bernbeuren nach Peißenberg ist weit, der Termin schon morgens um 10.15 Uhr. Doch Karl Mair ist schließlich nicht allein. Und seine Frau Frieda und Tochter Gertrud, die sind auf Zack.

Kurz vor neun steht Gertrud Kainsmeir vor der Tür, lädt die Eltern ein, und ab geht die Fahrt über verschneite Straßen nach Peißenberg – Ankunft pünktlich ein paar Minuten vor dem vereinbarten Termin. Sie hat auch dafür gesorgt, dass zumindest Karl Mair seinen Impftermin bekam. Nachdem sie an der Hotline nicht weiterkamen, warf die Tochter den Rechner an und registrierte ihre Eltern online.

Ein halbes Jahr fehlt: Ehefrau wird nicht mitgeimpft

Vergangenen Samstag kam endlich die Mail, dass Vater Karl einen Termin vereinbaren kann. „Ich bin schließlich 88einhalb Jahre alt“, sagt er und lacht. Auf das halbe Jahr legt er Wert. Und ein halbes Jahr kann auch einen entscheidenden Unterschied machen. Seine Frau Frieda ist 79einhalb Jahre alt. Ein halbes Jahr zu wenig, um zur Prioritätsgruppe eins zu gehören. Dennoch begleitet sie heute ihren Mann. Und einmal, gleich vorn am Eingang, da fragt sie ganz leise: Sie sei ja fast achtzig und schon einmal hier, ob sie nicht vielleicht auch gleich...?

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Shabir Ahmadi vom Sicherheitsdienst, der gemeinsam mit seinem Kollegen Mahmud Amas hinter der Glasscheibe sitzt, lächelt freundlich hinter der FFP2-Maske und sagt, was er in solchen Fällen immer sagen muss: Leider nicht, der Impfstoff ist knapp, sie wird benachrichtigt, sobald sie an der Reihe ist. Frieda Mair nimmt es tapfer und begleitet ihren Mann hinein. Tochter Gertrud muss – Eisschranktemperaturen hin oder her – draußen im Auto warten. Es ist nur eine Begleitperson erlaubt.

2. Das Fiebermessen: Wer erhöhte Temperatur hat, muss wieder nach Hause fahren – da ist Ahmadi streng. Beim Ehepaar Mair passt aber alles.

Direkt hinter der Eingangstür treffen die Mairs schon wieder auf Shabir Ahmadi. Mit einem Thermometer misst er die Körpertemperatur. Wen er nicht gemessen hat, der kommt nicht rein. Wer Fieber hat, auch nicht. Bei Karl Mair und seiner Frau ist aber alles in Ordnung. Ihm geht’s gut, er kann schon wieder witzeln. Ob wir ihn fotografieren und heute begleiten dürfen? „Klar, wir sind doch schöne Leute!“

3. Der erste Teil des Papierkriegs: Barbara Grüner kontrolliert den Anamnesebogen und die Einverständniserklärung.

Ahmadi bringt den ganzen Tross eine Treppe höher zu Barbara Grüner. Sie kontrolliert all die Papiere, die die Mairs ausgefüllt und mitgebracht haben. Den Anamnesebogen, die Einverständniserklärung – auch in Pandemiezeiten muss alles seinen geregelten Verwaltungsgang gehen. Ein paar Augenblicke später lotst sie die Mairs zu Miriam Reindl, die am Eingang des eigentlichen Impfbereichs steht und die „Besucher“, wie die Mairs hier genannt werden, in Empfang nimmt. Sie bringt sie in einen Wartebereich. Dort können die beiden kurz verschnaufen.

4. Das Vorgespräch: Dr. Günther Bauer will es ganz genau wissen und redet eingehend mit Karl Mair, bevor er geimpft wird.

Aber wirklich nur kurz, denn schon geht es weiter ins nächste Zimmer. Da wartet der freundliche Dr. Günther Bauer. Jetzt kommt das Aufklärungsgespräch, richtig? Richtig, sagt Dr. Bauer. „Und dann gibt es auch gleich die Spritze.“ Man merkt, dass er unter seiner Maske grinst.

Dann wird er aber ganz ernst, als er mit Karl Mair spricht. Bauer will es ganz genau wissen. Hatte Mair schon einmal Probleme bei Impfungen? Der berichtet, dass er einmal ein Medikament nicht vertragen hat. Da wird der Arzt hellhörig und bittet eine seiner Mitarbeiterinnen, sicherheitshalber den ärztlichen Leiter des Impfzentrums, Dr. Christoph Wittermann, zu rufen. Aber dann berichtet Frieda Mair, dass ihr Mann die Grippeschutzimpfungen bislang immer tiptop vertragen hat. Entwarnung, es kann weitergehen.

5. Die Impfung: Ein kurzer Stich und schon hat Dr. Günther Bauer Karl Mair das Biontech-Pfizer-Serum verabreicht.

Karl Mair kämpft mit all den Lagen seiner Kleidung. „Im Sommer geht‘s schneller“, scherzt er. Doch keiner drängelt ihn. Augenblicke später sitzt er im Unterhemd auf dem Stuhl. Dr. Bauer desinfiziert den linken Oberarm des „Besuchers“. Warum der linke? „Wir impfen bei Rechtshändern immer den linken Arm. Zwar hat der Impfstoff wirklich kaum Nebenwirkungen, aber wenn doch eine Schwellung und leichte Schmerzen auftreten sollten, kann der wichtigere rechte Arm weiter ganz normal benutzt werden“, erklärt der Arzt. Er greift zur Spritze. Was denn da drin sei, fragt Karl Mair noch schnell. „Biontech-Pfizer – deutsches Qualitätsprodukt“, antwortet Bauer. „Genehmigt“, sagt Mair, lacht, und zack, steckt die Nadel in seinem Arm. Eine Sekunde später ist alles vorbei. Da sind gerade einmal neun Minuten vergangen, seit die Mairs das Impfzentrum betreten haben. „Das ging ja flott und hat überhaupt nicht weh getan“, wundert sich Mair.

6. Papierkrieg (Teil 2): Mair unterschreibt bei Susanne Burmester und Angelina Stopper. 

Noch eine schnelle Unterschrift bei Sabine Burmester und Angelina Stopper, die für Dr. Bauer den Papierkrieg führen. Sie drücken Karl Mair fix die Unterlagen in die Hand, die er mitbringen muss, wenn er in drei Wochen seine Zweitimpfung erhält. Anschließend einmal über den Gang in den Beobachtungsraum, in dem Andreas Hörner von den Johannitern mit der Eieruhr wartet. Zehn Minuten müssen die Mairs sicherheitshalber warten, bevor sie gehen dürfen. Man merkt, wie die Anspannung von den beiden abfällt. „Ich bin erleichtert“, sagt Karl Mair. „Sehr zufrieden“, sei er, „die sind alle so nett und hilfsbereit hier.“

7. Der Mann mit der Eieruhr: Zehn Minuten lang überwacht Andreas Hörner von den Johannitern den frischgeimpften Karl Mair mit Argusaugen, bevor dieser gehen darf.

Das hören auch Christian Achmüller, der Verwaltungsleiter des Impfzentrums, und Dr. Christoph Wittermann, der ärztliche Leiter, gern. Sie sind im Auftrag des Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. Regionalverband Oberbayern in Peißenberg tätig und stolz auf ihre Mannschaft und darauf, dass mittlerweile alles läuft wie am Schnürchen. Rund 100 Impfungen finden pro Tag in Peißenberg statt, und die Mitarbeiter „machen das toll“, sagt Achmüller.

Selbst Piloten und Flugbegleiter helfen im Impfzentrum aus

Dabei seien hier neben medizinischem Fachpersonal und Ärzten auch Ehrenamtliche und Fachfremde im Einsatz. Leute, die eigentlich in Kurzarbeit sind, aber nicht mehr zu Hause rumsitzen wollen. Sogar ein Pilot und ein Flugbegleiter von der Lufthansa oder eine Frau, die normalerweise im Management des Fünf-Seen-Filmfestivals arbeitet, sagt Wittermann. Sie wurden alle gründlich geschult und sorgfältig ausgewählt. Auch die Ärzte. „Die meisten sind wie ich eigentlich im Ruhestand. Das hat den Vorteil, dass sie wirklich täglich von 8 bis 18 Uhr Zeit haben.“

Wiedersehen in drei Wochen

Die Stimmung im Team ist gut, aber konzentriert: „Wir legen alles daran, dass keine Dosis verschwendet wird“, sagt Wittermann. Dennoch werden aus einer Biontech-Flasche nur die zulässigen sechs Impfdosen entnommen. Noch mehr Versorgungssicherheit soll der 30 Tage haltbare „Moderna“-Impfstoff bringen – wenn er denn irgendwann wirklich einmal nach Peißenberg geliefert werden sollte.

Während Achmüller und Wittermann erzählen, hat längst die Eieruhr bei den Mairs geklingelt, sind sie über die Feuertreppe hinunter auf den Parkplatz zu ihrer Tochter Gertrud gelaufen und auf dem Heimweg nach Bernbeuren. Bis in drei Wochen, zur Zweitimpfung.

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