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Hat Freude an der Arbeit mit Tieren: Christiane Moll mit dem Wallach Derano. 

Tabaluga: Einblicke ins Leben in Windkreut

„Pferde sind vorurteilsfrei“

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Seit 17 Jahren arbeitet Christine Moll für die „Tabaluga-Kinderstiftung“. Die 37-Jährige ist eine von vier  Reittherapeutinnen.

Windkreut – Es ist traumhaft schön an diesem Morgen. Vom blauen Himmel fallen wärmende Sonnenstrahlen hinab auf Windkreut. Christiane Moll, 37, betritt gut gelaunt den Paddock. Rüscherl, eine fast 1,60 Meter große Stute, steht gleich neben dem Eingang, zupft genüsslich das Heu aus einem Netz. Die alte Dame Amira, ein 25 Jahre alter Schimmel, trottet gemütlich umher. Neugierig schauen die beiden Esel Frederick und Frieda um die Ecke. Und Wallach Derano genießt es derweil, von einem Mädchen gestriegelt zu werden. Mehrere Schülerinnen sind heute zu Besuch, dürfen die Pferde pflegen und führen. Sie lachen viel. Moll lächelt. Ja, der Paddock hat eine besondere Wirkung. Seit 17 Jahren schon arbeitet sie hier oben in Windkreut.

Als Praktikantin fing die Dießenerin hier an, studierte Sozialpädagogik und spezialisierte sich auf „Pferdegestützte Pädagogik und Therapie“. Nun ist sie eine von vier Reittherapeutinnen für Tabalugahof, Sternstundenhaus und „Orange House“. Mit sieben Pferden und zwei Eseln verschaffen sie den einen schöne Momente – und helfen anderen über schlimme Zeiten hinweg.

Das Spektrum der Arbeit ist breit. Da sind die Kinder, die zu Besuch ins „Orange House“ kommen – so wie die Klasse aus Peißenberg, der die Schülerinnen angehören. Sie verbringen hier einen Schultag pro Woche. „Es geht um Gruppendynamik“, sagt Moll. „Und darum, sich etwas zuzutrauen.“

Im Zentrum der Arbeit aber stehen die reittherapeutischen Angebote für die Heimkinder, die im Tabalugahof in Windkreut und im Tabalugahaus in Schongau leben. Sie haben in der Vergangenheit oft Schlimmes erlebt, das Vertrauen in Menschen verloren. Über den Kontakt zu Pferden sollen sie wieder lernen, Beziehungen aufzubauen. „Pferde sind vorurteilsfrei“, sagt Moll. Und ehrlich. Stimmt etwas nicht, spiegelt sich das unmittelbar im Verhalten der Tiere wider. „Das Kind erlebt sich nicht in einer Opferrolle, bekommt nicht das Gefühl, dass es therapiert wird.“ Und das Pferd lässt den Menschen eine besondere Nähe empfinden – beim Reiten ohne Sattel spüren die Kinder jede Bewegung. Und die Leichtigkeit des Getragen-Werdens. Auch beim Versorgen der Tiere – das zu jedem Besuch im Reitstall dazugehört – lernen die Kinder, sich selber wieder besser zu spüren. Dabei werden alle Sinne gleichermaßen angesprochen, alle Wahrnehmungsbereiche gefördert.

Um das besondere Gefühl im Umgang mit Pferden dreht es sich auch, wenn die Reittherapeutinnen Besucher des Sternstundenhauses – Familien mit schwerkranken Kindern – empfangen. Auch die betroffenen Buben und Mädchen so wie ihre Geschwister und Eltern kommen zum Reiten. „Wir ermöglichen das für alle“, sagt Moll. Selbst mit Sauerstoffgerät drehten Kinder hier schon ihre Runden – und vergaßen für einen Moment die Sorgen. „Sie kommen raus aus dem Ohnmachtsgefühl.“

Die 37-Jährige reitet, seit sie sechs Jahre alt ist. Direkt nach der Schule war ihr klar, dass sie Reittherapeutin werden wollte – ein damals erst aufkommendes Betätigungsfeld. Die „Tabaluga Kinderstiftung“ war einer der wenigen Arbeitgeber in der Umgebung, die dies anboten.

Mittlerweile leben sieben – extra ausgebildete – Pferde in Windkreut. „Wir haben ein breites Spektrum an Charakteren, Größen und Stärken.“ Eines haben sie alle gemeinsam: „Sie gehören zur Familie.“ Als Amira, die Älteste, in eine Klinik musste, malten ihr die Kinder Bilder. Und zur schnelleren Genesung bekam das Pferd von ihnen eine Sonderration Karotten geschenkt. Die Schimmel-Dame, das „Prinzessinnen-Pferd“, ist beliebt. Auch deshalb musste ein Stallanbau her. Denn sie – und bald auch andere – kommen langsam ins Rentenalter. Ihre Aufgabe übernehmen dann andere. Doch der Platz in Windkreut war begrenzt. Was tun? Die Senioren weggeben? Das wäre ein fatales Zeichen an die Kinder.

Und so wurde der Stall ausgebaut – der Anbau wird am morgigen Donnerstag mit geladenen Gästen eingeweiht. Ein Ehepaar hat den Bau finanziert. Es schenkte der „Tabaluga Kinderstiftung“ auch die Esel – Frederick und Frieda – die nun mit im Pferdestall leben. „Sie sind ein „Türöffner““, sagt Moll. Denn manches Kind ist anfangs ängstlich, da gestaltet sich ein erster Kontakt mit den kleineren Eseln einfacher. Hier oben in Windkreut wird eben jeder so genommen, wie er ist. Nicht selten machen die Pferde vor, wie’s geht.

Die Serie

In der Serie „Tabaluga: Einblicke ins Leben in Windkreut“ stellt die Heimatzeitung Gesichter vor, die das Leben im Tabalugahof, dem „Orange House“ und dem Sternstundenhaus prägen. In dem Peißenberger Weiler bekommen Kinder und Familien Hilfe. Mit der Serie, die in loser Reihenfolge und unregelmäßig erscheint, werden Blicke hinter die Kulissen gewährt.

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