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Seine Urkunde für 70 Jahre Mitgliedschaft bei der Gewerkschaft zeigt Valentin Röhrner.

Valentin Roehrner seit 70 Jahren Mitglied

Einmal Gewerkschaft, immer Gewerkschaft

Peißenberg - 70 Jahre ist Valentin Roehrner Mitglied in der Gewerkschaft. Dafür wurde der 85-jährige Peißenberger jetzt geehrt. 

 Nein, es hätte Valentin Röhrner vermutlich niemand verübelt, wenn er mit seinem Rentenbeginn 1990 aus der Gewerkschaft ausgetreten wäre. Warum noch Mitgliedsbeiträge zahlen, wenn doch das Berufsleben hinter einem liegt? Aber Röhrner blieb der damaligen „ÖTV“ treu: „Ich war überzeugter Gewerkschaftler, und ich bin es bis heute geblieben“, sagt der 85-Jährige. Vor Kurzem wurde Röhrner von der Nachfolgegewerkschaft Verdi mit Urkunde und Ehrennadel ausgezeichnet – für 70 Jahre Mitgliedschaft. Begonnen hatte alles kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Röhrners Vater wollte nach seiner Entlassung aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft im Peißenberger Bergwerk arbeiten. Zum Einstellungstermin ging der 14-jährige Sohnemann gleich mit. Schule, das war nicht die Sache von Röhrner, und in der Kohlesortierung wurden dringend Leute gesucht. „Hinzu kam, dass wir ,Bergbaubuam‘ dreimal so viel verdient haben wie Gleichaltrige in anderen Berufen“, erinnert sich Röhrner. An seinem ersten Arbeitstag ging es für ihn aber zunächst einmal nicht in die Kohlesortierung, sondern direkt ins Büro des Betriebsrats. Dort lag ein Mitgliedsantrag für die Gewerkschaft IG-Bergbau auf dem Schreibtisch. Bedenkzeit gab es keine: „Wenn ich da nicht unterschrieben hätte“, erzählt Röhrner, „dann hätte ich den Job nicht bekommen. Der Betriebsrat hatte damals eine richtige Macht.“ Röhrners Eintritt in die Gewerkschaft war also nicht ganz freiwillig, doch der junge Genosse hat sich mit der Institution schnell identifiziert.

Er bezeichnet sich im Rückblick als „Macher“. Zusammen mit seinem Kumpel, dem späteren Bürgermeister Matthias Führler, gründete er eine Gewerkschaftsjugendgruppe: „Wir beide haben das hochgebracht“, erzählt Röhrner, der im Bergwerk 23 Jahre unter Tage gearbeitet hat – „und zwar immer auf Kohle“, wie er es stolz formuliert. Als Jugendsprecher war er sogar einmal Mitglied im Betriebsrat. Inhaltlich ging es in der Gewerkschaftsarbeit damals richtig zur Sache. Man demonstrierte gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands, man stritt für mehr Urlaubstage und freie Samstage. Röhrner setzte sich zudem vehement gegen die Aufsplitterung der Gewerkschaft in einen christlichen Zweig ein: „Die Einheit zu erhalten, war wichtig.“ Auch gesellschaftlich gab es unter dem Dach der Gewerkschaft zahlreiche Aktivitäten. „Wir waren eine richtig nette Blasen.“ Die Peißenberger „IG-Bergbau“ hatte einen eigenen Chor: „Da haben wir einmal in der Dortmunder Westfalenhalle beim Gewerkschaftstag vor 5000 Leuten gesungen. Das war der Wahnsinn.“

1971 war dann mit dem Bergbau Schluss in Peißenberg. Röhrner wechselte nach einem kurzen Intermezzo bei einer Metallfachfirma zur Peißenberger Kraftwerksgesellschaft, wo er bis zur Rente blieb – natürlich immer in der Gewerkschaft organisiert: „Ohne Gewerkschaft kann ein Arbeiter nicht leben“, sagt Röhrner, der politisch neutral ist: „Mein Vater hat immer zu mir gesagt, ,geh’ bloß zu keiner Partei‘.“ Das hat der Junior beherzigt. Den Gewerkschaftsbeitrag zahlt er bis heute gern: „Mich interessiert einfach, was auf der Welt los ist, auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin, was in den Gewerkschaften so läuft.“ Damit meint er vor allem die Splittergewerkschaften.

Abschrecken kann ihn das nicht: „Mein 25-jähriges Mitgliedsjubiläum hab’ ich bei der IG-Bergbau gefeiert, mein 50. bei der ÖTV, mein 70. bei Verdi“, sagt er und scherzt: „Bei wem ich mein 100. feiere, weiß ich noch nicht.“

Bernhard Jepsen

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