Anita Augspurg hat sich erfolgreich für das Frauenwahlrecht eingesetzt. Sie hat für ein paar Jahre in Peißenberg gewohnt.

Peißenberg

Vom Siglhof zur Suffragetten-Demo

  • Kathrin Hauser
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Was haben Peißenberg und das Frauenwahlrecht, das vor 100 Jahren gesetzlich verankert wurde, miteinander zu tun? Als Wegbereiterinnen für das Frauenwahlrecht gelten unter anderem AnitaAugspurg und Lida Gustava Heymann. Die Frauen haben sechs Jahre in der Marktgemeinde auf dem Siglhof gelebt. Sie hatten es nicht leicht in Peißenberg.

Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann galten in damaligen Zeiten schon in München, Berlin und Hamburg als Exotinnen. Als sie aber im Jahr 1908 mit Pferd und Hunden im heruntergekommenen Siglhof in der Marktgemeinde einzogen, muss das für die eingesessenen Peißenberger wie ein Besuch von einem anderen Stern gewesen sein.

Die beiden Frauen waren ein Liebespaar, Augspurg trug ihre Haare kurz und unternahm mit ihrem Pferd gern ausgedehnte, temperamentvolle Ausritte in der Umgebung. Bei all dem politischen Interesse, dem Engagement in der Frauenbewegung und dem Kampf für das Frauenwahlrecht – Augspurg liebte die Natur. Und so stürzte sie sich im Frühjahr 1908 voller Enthusiasmus in ihr Gutsherrinnen-Dasein.

Der Siglhof, der bis zum Jahr 1870 zur Gemeinde „Ammerhöfe“ gehörte, die dann Peißenberg zugeschlagen wurde, war eine Herausforderung für die beiden Frauen: Das Wohnhaus war vernachlässigt und die Stallungen und die Wirtschaftsgebäude heruntergekommen bis baufällig. Der Gemüsegarten bestand hauptsächlich aus Unkraut und hunderten Obstbäumen, auf dem nur Kleinobst für Saft wuchs, das größte Stück Land lag an einem Nordhang. Zudem gehörten zu dem Gut morastiges Weideland für die 43 Kühe und ein Moorgebiet.

Wie die Autorinnen Anna Dünnebier und Ursula Scheu in ihrem Buch „Die Rebellion ist eine Frau“ vermuten, haben sich die beiden Frauen, die noch nie eine Landwirtschaft betrieben haben, von der traumhaften Lage und dem herrlichen Blick über das Tal bis zu den Alpen verzaubern lassen, als sie den Hof kauften.

Trotz der Widrigkeiten ließen sich Augspurg und Heymann nicht entmutigen und gingen ihre neue Aufgabe voller Elan an: Sie begannen mit einer Gruppe von Angestellten, Saisonkräften und einem Verwalter damit, den Siglhof zu renovieren, Drainagen in die Wiesen zu legen, kahle Hänge aufzuforsten und edlere Obstsorten anzupflanzen. Ein Gärtner säte Blumen und Gemüse an. Weil sich in den Augen von Augspurg die Milchwirtschaft allein nicht lohnte, begann sie mit der Schweinezucht.

Das landwirtschaftliche Engagement der beiden Frauen wurde von den Nachbarn kritisch beäugt. Aber was noch mehr auf Skepsis stieß, war die öffentliche Bibliothek, die Heymann und Augspurg auf dem Siglhof einrichteten. Nachdem sich einige Peißenberger Bücher unter anderem von Heinrich Heine oder Henrik Ibsen ausgeliehen hatten, beendete der Pfarrer dieses verdächtige Treiben, indem er dringend davon abriet, Literatur dieser Schriftsteller zu lesen.

Auch wenn die beiden Gefährtinnen nun Gutsherrinnen waren, sie versauerten nicht in Peißenberg, sondern reisten nach wie vor zu Kongressen und hielten Vorträge. Zum Beispiel nahmen sie im Juni 1908 am Stimmrechtskongress in Amsterdam teil und fuhren von dort aus weiter nach London, wo eine große Demonstration von Suffragetten (Frauenrechtlerinnen) stattfand.

Auf dem Siglhof wurde der Verwalter mit Alkoholproblem durch eine Verwalterin ersetzt – eine Frau, die über Landwirtschaft Bescheid wusste und es verstand, die Mitarbeiter zu motivieren.

Langsam trug die Arbeit der Frauen Früchte: Augspurg konnte die staatliche Moorkulturlandschaft für Versuche auf ihrem Land gewinnen und es wurden Kartoffeln, Gemüse und Getreide angebaut. Auch wenn die beiden Frauen sich viel mit Geschlechtsgenossinnen umgaben, ein Mann spielte eine große Rolle im Leben der Feministinnen: der Dichter Johann Wolfgang von Goethe. Sie schufen ihm eine Gedenkstätte auf ihrem Gelände, einen Goethehain, wo sie viele Blumen pflanzten und eine Büste des Dichters aufstellten. Um diesen Hain pflanzten sie Bäume in einem Rondell. Dort trafen sie sich am 28. August, um mit Champagner auf Goethes Geburtstag, die Freiheit und die Freundschaft anzustoßen. Das wollten sie von nun an jedes Jahr machen, doch bald kündigte sich an, dass das Landleben in Peißenberg möglicherweise nicht ewig währen würde.

An einem Abend im Jahr 1911 saßen Augspurg und Heymann beim Essen, als eine Angestellte ins Zimmer stürzte und vermeldete, dass der Siglhof brennt. Alle halfen, die Tiere aus dem Stall zu holen und das Feuer zu löschen. Es gelang schließlich, dem Brand Herr zu werden, ohne dass ein Mensch oder ein Tier verletzt worden wäre. Aber der Schaden war groß: Die Ställe waren zum Teil ganz verbrannt, auch das Wohnhaus war in Mitleidenschaft gezogen.

Es war wohl Brandstiftung – wenngleich das auch nie bewiesen werden konnte. Das Gebäude war so gut versichert, dass es wieder aufgebaut werden konnte.

Wie im Buch von Dünnbier und Scheu beschrieben, entwickelte sich der Siglhof so gut, dass die Männer in der Nachbarschaft Interesse an den beiden Frauen zeigten – aber ohne Erfolg.

Dennoch neigten sich die Peißenberger Jahre im Winter 1913/1914 dem Ende zu: Augspurg erkrankte. Erst bekam sie eine schwere Lungenentzündung und zog sich anschließend eine eitrige Rippenfellentzündung zu, die sie fast nicht überlebt hätte. Die Ärzte hatten sie schon aufgegeben. Doch wider Erwarten erholte sich die Frauenrechtlerin von der Krankheit. Dann wurde 1913 der Siglhof ein zweites Mal angezündet – wieder wurden weder Menschen noch Tiere verletzt, aber Augspurg und Heymann entschlossen sich, Peißenberg den Rücken zu kehren. Es sprach zu viel dagegen zu bleiben. Sechs Jahre, nachdem die beiden Frauen auf den Siglhof gezogen waren, verkauften sie das Anwesen wieder. Sie zogen nach Irschenhausen, wo sie noch ein Haus hatten. Sie nahmen ihre Haushälterin, deren Freundin, zwei Esel, das Pferd und die Hunde mit.

Quelle:

„Die Rebellion ist eine Frau, Anita Augspurg und Lida G. Heymann“ von Anna Dünnbier und Ursula Scheu. Das Buch befindet sich im Bestand des Peißenberger Marktarchivs im „Max-Biller-Haus“.

Kathrin Hauser

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