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Franco Colle beim Zubereiten von Eis.

Franco Colle: "Peißenberg ist meine Heimat"

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Peißenberg - Er ist Italiener, wuchs in Bad Tölz auf - sein Herz aber gehört der Marktgemeinde. Franco Colle im Porträt.

Nein, Eiskonditor wollte er nicht werden. Da war sich der 18-jährige Franco Colle ganz sicher. Viel zu viel Arbeit, viel zu wenig Freizeit. Kam überhaupt nicht in Frage. Er wurde erst Eishockey-Profi, dann Musiker. Und schließlich 27. Und plötzlich sah die Welt ein wenig anders. Franco Colle übernahm eine Eisdiele.

Es war ein Sprung ins eiskalte Wasser, den er zwar oft überdacht, aber nie bereut hat. „Ich wusste, die ersten zehn Jahre sind kritisch, die muss man überstehen“, sagt Colle, mittlerweile 48, als er neben dem Tresen steht. Heuer erlebt er seine 22. Saison im „Eiscafe Venezia“ an der Schongauer Straße in Peißenberg, er ist Eiskonditor in vierter Generation.

Oft steht er auch selbst im Laden – so wie am Dienstagmorgen. Da kommt ein Gast rein, Colle begrüßt ihn mit Namen, dreht sich um und drückt einen Knopf an der Kaffeemaschine. „Kaffee?“, fragt er, obwohl er die Antwort längst weiß, das Getränk schon fließt. Der Mann nickt. „Ja, bitte.“ Colle bringt die Tasse zum Tisch. Wenige Minuten später serviert er einem anderen einen Latte Macchiato, dem nächsten einen Milchkaffee. Bei keinem der drei wartet er eine Bestellung ab. Er sieht sie hereinkommen, grüßt lächelnd, wirbelt herum und stellt die entsprechende Tasse in die Maschine. „Zwei Drittel sind Stammkunden“, sagt Colle. Man kennt sich. Der Italiener ist in Peißenberg längst zu Hause.

Profivertrag als Eishockeyspieler

Dabei hat er noch nicht einmal sein halbes Leben hier verbracht. Bis zur ersten Klasse wuchs Colle in der Nähe von Cortina in den Dolomiten (Italien) auf, dann zog er zu seinen Eltern nach Bad Tölz, die dort eine Eisdiele hatten. Schon mit 13 wusste Franco Colle, wie Eis zubereitet wird. „Das habe ich spielerisch gelernt, es war eine Ehre, wenn du zu Papa in die Eisküche durftest“, sagt er, und schmunzelt. Als Bub musste er aber auch feststellen: Selbstständig zu sein, bringt viele Entbehrungen mit sich – die Eltern hatten wenig Zeit, trennten sich später sogar. Das schreckte den Sohn ab, der lieber einen anderen Weg einschlug. Er machte eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker und Autolackierer, daneben spielte er Eishockey. Mit Einsatz und Ehrgeiz. Denn wenn Colle etwas macht, dann macht er es richtig. Und so durfte er mit 16 Jahren für drei Monate nach Kanada, um an einem Fördercamp teilzunehmen. Mit 18 Jahren hatte er einen Vertrag für die erste italienische Eishockey-Liga in der Tasche. Der Traum endete sechs Monate später jäh – mit einem Autounfall. Colle brach sich mehrere Knochen im Gesicht, ein halbes Jahr fiel er aus, die Karriere war dahin.

Als DJ in mehreren Ländern unterwegs

Und die nächste begann. Der damals 18-Jährige widmete sich der Musik: Er legte als DJ auf, machte eine Radiosendung und produzierte Musik. Drei Jahre lang verbrachte er den ganzen Mai auf Ibiza, reiste durch Deutschland, Österreich, Spanien und Italien. New Wave, Independent, Acid House, Elektro – Colle liebte die neuen Strömungen. Als DJ legte er im Tanzpalast „Luggi“ in Peißenberg auf – und traf Marion, die heute seine Frau ist. Kurze Zeit später zog er schon zu ihr nach Peißenberg. Diese Liebe stellte Colle, damals nach eigener Aussage kurz vor dem Sprung auf die internationale Musikebene, vor die Entscheidung: Wie geht’s weiter? Denn der nächste Schritt im Beruf wäre gewesen, wegzugehen. Raus aus Bayern, vielleicht auch raus aus Deutschland – und damit weg von seiner großen Liebe. Soweit kam es nicht – auch, weil der Vater anrief und seinem Sohn erzählte, dass in Peißenberg eine Eisdiele zum Verkauf steht. „Ich dachte: Vielleicht ist das der Wink, den ich brauche.“ Ganz Italiener, hörte er auf sein Herz, vier Tage später hatten er und seine Frau Marion das „Venezia“ an der Schongauer Straße gekauft. Vier Monate später eröffneten sie. Das war im März 1995.

„Ich habe oft angezweifelt, ob es der richtige Schritt war“, gibt der 48-Jährige zu. Dann schüttelt er den Kopf. Colle, sportliche Figur, nach hinten frisierte, dunkle Haare, eher Sechs- als Drei-Tage-Bart, bereut die Entscheidung nicht. Peißenberg „ist meine Heimat. Heimat ist dort, wo deine Freunde sind“.

Seine Leidenschaft: die "Gasoline Gang"

Mit einigen von denen hat er sich zur „Gasoline Gang“ zusammengetan. Die setzt sich öfter für soziale Zwecke ein, organisiert zudem einmal im Jahr ein riesiges Oldtimertreffen. Das neben der Arbeit zu schaffen, ist eine Herausforderung. „Es würde nicht gehen, wenn meine Frau mir nicht den Rücken freihalten würde“, sagt er. Außerdem muss er strukturiert arbeiten. Schon im Oktober begann Colle, Bands für die Veranstaltung im Juni zu organisieren. Er plant voraus, ist penibel – in dieser Hinsicht eher Deutscher als Italiener. Planlos etwas anzugehen, ist nicht sein Ding.

Und doch kann Colle durchaus abschalten – dann, wenn er an seinen Autos schraubt. Alles an seinen Oldtimern macht er selbst – er hat es als Bursche ja auch gelernt. Und schon damals hatte er ein Auge auf die historischen Gefährte geworfen. In Bad Tölz waren amerikanische Soldaten stationiert, die mit ihren Autos durch den Ort fuhren. „So richtige amerikanische Straßenkreuzer der 50er“ seien es gewesen, sagt Colle noch genauso begeistert, wie er es wohl auch damals gesagt hätte. „Ich wusste immer, dass ich so einen fahren will.“ Heute tut er das – und ist noch immer angetan. Manche Dinge ändern sich eben nicht. Andere schon. Sonst würde Franco Colle heute nicht mit einem Lächeln in Peißenberg Kaffee und Eis servieren.

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