Will vom heimischen Schreibtisch im Grünen in den Deutschen Bundestag: Werner Knigge tritt für die „Volt“-Partei bei der Bundestagswahl an.
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Will vom heimischen Schreibtisch im Grünen in den Deutschen Bundestag: Werner Knigge tritt für die „Volt“-Partei bei der Bundestagswahl an.

BUNDESTAGS-KANDIDATEN IM PORTRÄT: Werner Knigge (Volt)

Rockmusiker will Politiker werden

  • Franziska Seliger
    VonFranziska Seliger
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Zwölf Direktkandidaten treten am 26. September bei der Bundestagswahl im Wahlkreis Weilheim an, zu dem auch der Landkreis Garmisch-Partenkirchen gehört. Wir haben die Be-werber an ihrem Arbeits-platz porträtiert. Heute: Werner Knigge (Volt) aus Penzberg.

Penzberg – Diese Frage drängt sich unweigerlich auf, wenn man Wolfgang Knigge an seinem derzeitigen Arbeitsplatz besucht: Wie kann man so einen lauschigen Platz im Grünen gegen einen Stuhl im Deutschen Bundestag eintauschen? War der 61-Jährige vor der Pandemie als selbstständiger Unternehmenstrainer ständig auf Achse zu Seminaren und Vorträgen bei Firmen und Schulen im In- und Ausland, so hat sich Knigge seit eineinhalb Jahren die Terrasse seines Hauses in Penzberg zum Freiluft-Homeoffice umfunktioniert. Präsenzveranstaltungen gibt es nach wie vor nur wenige. 80 Prozent der Kurse liefen online, so der Wahl-Penzberger, der für die Volt-Partei als Direktkandidat in den Bundestag einziehen will.

Nur auf dem Bildschirm sieht er dezeit seine Seminarteilnehmer, zu denen neben Führungskräften deutscher Konzerne wie etwa BMW auch Vertriebsleiter der unterschiedlichsten mittelständischen Unternehmen oder Ärzte in der Schweiz, Österreich oder Italien gehören. Ihnen bringt er unter anderem mit Hilfe von Rollenspielen bei, wie man richtig mit Kunden und Mitarbeitern kommuniziert, wie man mit Patienten umgeht oder wie man seine Außenwirkung verbessert.

Knigge im Bundestag? „Da müsste schon ein Wunder passieren“

Auch an Schulen ist Knigge tätig. Hier will er vor allem älteren Schülern bei der beruflichen Orientierung helfen. „Ich versuche, bei jedem Schüler ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was ihn glücklich und zufrieden macht im Leben.“ Den Laptop für derartige Seminare und Einzel-Coachings hat der gebürtige Bamberger auf dem rustikalen Holztisch auf seiner Terrasse abgestellt. Daneben steht eine Schale Kirschen und liegen ein paar Unterlagen. Hinter der Terrasse wuchert der Wald voller Vogelgezwitscher und frischer Luft, während ein Sonnenschirm vor Hitze schützt. Ein Paradies. Und das will Knigge gegen einen Stuhl im Deutschen Bundestag eintauschen? Echt jetzt? Ja, sagt er, räumt aber offen ein, dass er sich nur wenig Chancen auf einen Wahlsieg ausrechnet. „Da müsste schon ein Wunder passieren.“

Das mache aber auch nichts. Denn der Bundestagswahlkampf diene vielmehr dazu, Volt als europäische Partei bekannter zu machen und Mitglieder zu werben, erklärt er. In größeren Städten wie München sitze Volt zwar bereits im Stadtrat. Auch im Europaparlament sei die Partei vertreten. Auf dem Land jedoch sei Volt noch kaum präsent. In den Landkreisen Weilheim-Schongau und Garmisch-Partenkirchen etwa habe Volt gerade einmal zehn Mitglieder. Unter diesen Voraussetzungen Ortsvereine zu gründen – etwa in Penzberg –, mache derzeit darum auch noch gar keinen Sinn.

Knigge: „Zuviel läuft falsch in Deutschland“

Vor etwa sechs Jahren, erzählt Knigge, habe er das Bedürfnis verspürt, sich politisch zu engagieren. Zu viel laufe gesellschaftlich falsch in Deutschland, findet er und nennt als Beispiel eine fehlende Chancengleichheit. Und: „Ich finde es eine Schande, dass bei uns alte Menschen im Müll wühlen.“

Seine anfängliche Idee, eine eigene politische Gruppierung zu gründen, habe er verworfen, als er vor rund einem Jahr auf die 2016 gegründete Partei Volt aufmerksam wurde. Zu 90 Prozent stimme deren Programm mit seinen eigenen Überzeugungen überein. Außerdem sei die Partei nicht im traditionellen „links-rechts-Schema“ verhaftet. „Dieses Schema ist überholt“, findet Knigge, Vater einer elfjährigen Tochter. Ihr zu Liebe würde er im Falle seines Wahlerfolgs auch nicht nach Berlin ziehen, sondern von Penzberg aus in die Hauptstadt pendeln. Seinen Job als Unternehmenstrainer jedoch würde er auf jeden Fall aufgeben. Bundestagsabgeordnete sollten sich zu hundert Prozent auf ihren Job als gewählte Volksvertreter konzentrieren und nicht noch anderen Beschäftigungen nachgehen, fordert er.

Mit Karrierewechseln kennt sich der Rocker aus

Sich beruflich neu zu orientieren – in dem Fall vom Seminarleiter zum Politiker –, dürfte Knigge nicht allzu schwer fallen. Mit der beruflichen Neuorientierung hat er Erfahrung. Denn nach seinem Abitur in Bamberg ging der sportbegeisterte Familienvater, der auch als Leadgitarrist in einer Rockband spielt, zunächst zur Polizei nach Niedersachsen. Nach seinem polizeiinternen Studium kehrte er irgendwann nach Bayern zurück, ließ sich zum Trainer fortbilden und schulte Kollegen fünf Jahre lang unter anderem in Stressbewältigung. Begeistert von dieser Arbeit schlug Knigge dann vor 25 Jahren seine Karriere als Hauptkommissar ebenso in den Wind wie seine Beamtenlaufbahn und machte sich als Unternehmenstrainer selbstständig.

Als solcher will er auch weiter arbeiten, sollte es mit dem Sitz im Bundestag nicht klappen. Wobei es ihm im derzeitigen Wahlkampf vor allem darum gehe, politische Erfahrungen zu sammeln: Denn 2023 stehen Landtagswahlen an, und dafür will er wieder für Volt kandidieren. Ambitionen für einen Einzug im Penzberger Stadtrat hat Knigge übrigens keine. Kommunalpolitik, so findet er, sei nicht so gut dazu geeignet „etwas gesellschaftlich zu bewegen“.

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