Museum Penzberg

Campendonk-Pioniere: Hinterglasbilder auf 240 Seiten

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Schon die aktuelle Ausstellung „Magische Transparenz“ in Penzberg ist eine Weltpremiere. Dem setzte das Penzberger Museum nun die Krönung auf: mit einer 240-seitigen Forschungsarbeit.

Noch nie waren so viel Hinterglasbilder von Heinrich Campendonk an einem Ort versammelt wie in der aktuellen Ausstellung „Magische Transparenz“ im Penzberger Museum. Dem setzte das Penzberger Museum nun die Krone auf: mit einem Werkverzeichnis, das die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Pionierarbeit zusammenträgt. Das Buch stellt auf über 240 Seiten 76 Hinterglasbilder von Heinrich Campendonk vor. Der Künstler schuf mehr solcher Bilder, doch viele sind verschollen oder zerstört. Das Werkverzeichnis erlaubt nun erstmals einen umfassenden Einblick in diese bisher unerforschte Arbeit Campendonks. Es beschreibt die Maltechnik, die kunstgeschichtliche Seite bis hin zur chemischen Zusammensetzung der Bindemittel. Das Wissen um die Chemie war Voraussetzung, um Bilder auch restaurieren zu können.

Am Donnerstag präsentierten Museumsleiterin Gisela Geiger und Restauratorin Simone Bretz das Buch. 30 der beschriebenen Bilder zeigt das Penzberger Museum derzeit im Original.

Zweieinhalb Jahre dauerten die Erforschung und Restaurierung der Hinterglasbilder. Dies mündete sowohl in die aktuelle Ausstellung „Magische Transparenz“ als auch in das Werkverzeichnis. „Es war ein umfangreiches Projekt für so ein kleines Haus“, sagt Museumsleiterin Geiger. Bei dem Forschungsprojekt, das die Ernst-von-Siemens-Stiftung mit 50 000 Euro unterstützte, arbeitete das Museum mit dem Doerner-Institut in München, der Bundesanstalt für Materialforschung in Berlin und der Restauratorin Simone Bretz zusammen.

38 der 76 Bilder habe sie selbst untersuchen dürfen, erzählt Bretz. Es sei verblüffend gewesen, was sie zu sehen bekam, wenn sie ein Hinterglasbild vorsichtig aus dem Rahmen löste und es von hinten ansah. Dieser Blickwinkel ist derzeit in der Ausstellung auf einem Monitor zu bewundern. Abgebildet ist er ebenso im Werkverzeichnis, genauso wie Durchlicht-Perspektiven, bei denen das Glas von hinten angestrahlt wird.

18 Bilder restaurierte Simone Bretz, weil Glas gebrochen war oder sich Malschichten lösten. Das Problem war das Bindemittel, das die Farbe am Glas haften lässt. Für die Restaurierung musste Bretz wissen, was Campendonk in den Jahren 1917 bis 1946 verwendet hatte. Diese Untersuchungen übernahmen das Doerner-Instituts in München und die Bundesanstalt für Materialforschung in Berlin. Mit Röntgenverfahren, Infrarot und spektralfotometrischen Messungen. Zudem gab es fünf stecknadelgroße Proben, erzählt Chemikerin Heike Stege vom Doerner-Institut. Am Ende identifizierten die Spezialisten, die auch die Farben analysierten, trocknende Öle und Gummi Arabicum als Bindemittel.

„Was siehst denn du?“ Das sei eine häufige Frage bei dem Forschungsprojekt gewesen, erzählt Gisela Geiger, zum Beispiel als Kunsthistoriker, Chemiker und Restauratorin über der Datierung eines Campendonk-Bildes brüteten. „Wir glauben, dass wir dem Verständnis seines Schaffens sehr viel näher gekommen sind“, sagt sie.

Dazu trug auch der Arzt Thomas Lensch, ein Kunsthistoriker, bei. Beim Quellenstudium entdeckte er Briefe, in denen Campendonk von zwei Bildern für ein Hotel in Duisburg erzählt, dem Duisburger Hof. Anfangs noch ratlos, half ihm „Kommissar Zufall“. In einer Zeitschrift von 1927 stieß Lensch auf ein Foto aus dem Hotel, auf dem die zwei Hinterglasbilder über einem Polstersofa hängen. Eines der Hinterglasbilder ist verschollen. Das andere heißt „Spielkarten und Asse“ und gehört einer Frau in Toronto. Das Original hängt derzeit im Penzberger Museum – neben dem großen Zeitschriften-Foto aus dem Duisburger Hotel.

Das Werkverzeichnis „Heinrich Campendonk – Die Hinterglasbilder“ ist im Wienand-Verlag für 44 Euro erschienen. An der Museumskasse in Penzberg ist es für 37 Euro erhältlich. Herausgeber sind Gisela Geiger und Simone Bretz für das Museum Penzberg, unterstützt von der Ernst-von-Siemens-Stiftung, der BSCW-Stiftung, der Volkswagen-Stiftung, dem Unternehmen Roche und dem Freundeskreis Campendonk. Die Ausstellung „Magische Transparenz“ läuft bis 7. Mai 2017.

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