Probleme des Homeschoolings

„Mit Hassnachrichten gestalkt“ - Bayerische Lehrerin schildert harten Corona-Alltag

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Coronavirus in Bayern: Noch immer dürfen im Freistaat nicht alle Kinder in die Schule. Eine Lehrerin berichtet nun über ihren schweren Corona-Alltag.

Penzberg - Seit acht Wochen gilt nun das „Lernen zu Hause“ – bis auf einige Klassen dürfen die meisten Schüler immer noch nicht in die Schule gehen. Allerorts hört man seither viele Eltern über das Homeschooling stöhnen. Doch wie geht es den Lehrern dabei? In der tz packt nun eine Lehrerin aus Penzberg (Kreis Weilheim-Schongau) aus. Anne-Marie Feuchter: „Mich macht es wütend, der Fußabtreter überforderter Eltern zu sein.“ Nicht nur ihr gehe es so: „Ich habe Kolleginnen weinen sehen, gestandene Lehrer, die am Rande des Wahnsinns sind.“

Eigentlich sei sie „extrem gerne Lehrer“, betont die 33-Jährige. Und es gebe auch verständnisvolle Eltern. Was ihr aber seit der Corona-Krise* das Berufsleben schwer mache, sei die „ständige Korrespondenz mit den Eltern“. Sie spricht dabei von einer „lauten, unangenehmen, zeitfressenden und absolut unverschämten Minderheit der Eltern“, die getreu dem Motto handelten: „Wer am lautesten schimpft, kriegt am meisten Raum.“ Von diesen Eltern würden die Lehrer „beschimpft, gemaßregelt, (falsch) korrigiert, teilweise mit Hassnachrichten gestalkt“.

Corona in Bayern: „Fußabtreter überforderter Eltern“ - bayerische Lehrerin schildert Alltag

Anne-Marie Feuchter zitiert aus Eltern-Mails: „So wie Sie unterrichten online, können Sie sich auch auf eine Waldlichtung stellen und Ihnen hört keiner zu. Sie sind ein Witz in meinen Augen.“ Oder: „Warum lesen Sie denn jetzt eine Lektüre? Gibt es nichts Wichtigeres? Sie machen es sich ganz schön einfach.“ Ein weiteres Beispiel: „Luisa empfindet das Arbeitsblatt als viel zu schwer, sie wird es nicht erledigen, solange Sie nichts Neues hochladen.“ 

Viele Eltern beschweren sich zudem über die Formate des geschickten Arbeitsmaterials: „Ich empfinde es als unverschämt, dass Sie einen Adobe Reader voraussetzen“, oder „Wie soll ich Selena in der App anmelden, da braucht sie eine Kennung. Was erlauben Sie sich?“

Manche Eltern legten den Lehrern auch „konkrete Konzepte“ ans Herz: „Ein permanenter Onlineunterricht von 8 bis 14 Uhr wäre endlich mal angebracht, was machen Sie denn schon den ganzen Tag? Sind etwa schon Sommerferien?“

Dabei habe Anne-Marie Feuchter so viel zu tun wie noch nie in ihrem Lehrer-Leben: Sie müsse zum einen eine (seit den neuesten Bestimmungen zweigeteilte) Abschlussklasse in Englisch unterrichten – doppelt: zuerst die erste Gruppe, dann die zweite. Dazu kommen Online-Konferenzen sowie die Online-Beschulung für Ihre Schüler der unteren Klassen, die vorbereitet, umgesetzt und korrigiert werden müsse. Dies alles sei für die 33-Jährige, die auch noch zwei Kleinkinder zu Hause betreuen muss, eine „wahnsinnige Mehrbelastung“.

Corona in Bayern: Lehrerin wünscht sich mehr Verständnis der Eltern

Anne-Marie Feuchter ist Lehrerin in Penzberg.

Anne-Marie Feuchter betont, sie wisse, dass Lehrer in Zeiten von Kurzarbeit und Wirtschaftskrise mit ihren vollen Beamtenbezügen noch gut dastünden. Klar gebe es auch in ihrem Beruf schwarze Schafe, die sich nicht ausreichend engagierten. Sie habe auch volles Verständnis für vom Homeschooling gestresste Eltern. Aber: „Wir Lehrer wollen alle den Kindern helfen, sonst wären wir keine Pädagogen geworden. Wir wollen, dass kein Kind wegen Corona Bildungslücken hat.“

Leider fehlten den Kindern gerade die Umstände, die gutes Lernen normalerweise möglich machen: das Miteinander in der Klasse und die Moderation des Lehrers im Unterricht. „Dass die Lücken, die dadurch entstehen, von manchen Eltern aber auf eine mangelnde Qualität meines Onlineunterrichts zurückgeführt werden, ist nicht gerecht.“ 

Statt ihren emotionalen Ballast bei den Lehrern abzuladen, wünscht sich Feuchter mehr Unterstützung. „Nehmen Sie sich zwei Minuten Zeit und schreiben Sie dem Lehrer Ihres Sprösslings, dass Sie den Aufwand, den er in die Online-Beschulung investiert, zu schätzen wissen. Dann ist die nächste böse E-Mail für mich auch wieder besser zu ertragen.“ 

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Rubriklistenbild: © dpa / Karl-Josef Hildenbrand

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