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Kindertagesstätten: Eltern aus systemrelevanten Berufen können ihre Kinder in die Notbetreuung schicken.

Immer mehr Eltern nehmen Angebot in Anspruch

„Unheimlich“: Erzieherin schlägt wegen Kinder-Notbetreuung Alarm - „Gefahr“ für alle

  • Franziska Seliger
    vonFranziska Seliger
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Eine Erzieherin aus Penzberg kritisiert die derzeitigen Regelungen zur Notbetreuung in Kindergärten als gefährlich: für die Betreuer, die Kinder und die Allgemeinheit.

  • Kinder, deren Elternteil in einem systemrelevanten Beruf arbeitet, können während der Corona-Krise in die Kita-Notbetreuung gehen.
  • Durch eine Regel-Änderung werden es immer mehr Kinder, deren Eltern das Angebot annehmen.
  • Eine Erzieherin mahnt an: Die Regelung ist gefährlich - nicht nur für das Betreuungspersonal.

Penzberg – Angst. Dieses Gefühl begleite sie derzeit täglich bei ihrer Arbeit, sagt die Penzberger Erzieherin, die in einem Nachbarort arbeitet. Namentlich möchte sie nicht genannt werden. Dabei übe sie ihren Beruf eigentlich mit Leidenschaft aus, wie sie betont. Durch die aktuelle Corona-Krise sei sie in der Notbetreuung in einer Kindertageseinrichtung tätig. Zunächst habe das auch gut funktioniert. „Doch durch die Erweiterung der Kriterien, welche Kinder für die Notbetreuung in Frage kommen, werden es immer mehr Kinder, die diese in Anspruch nehmen“, sagt sie.

Notbetreuung von Kindern: Anrecht haben Eltern aus systemrelevanten Berufen

Die Notbetreuung nutzen durften Kinder zunächst nur dann, wenn beide Elternteile oder der alleinerziehende Elternteil in einem so genannten systemrelevanten Beruf arbeitet – also etwa als Altenpfleger oder Krankenschwester. Nach der Ausweitung vom 23. März dürfen Eltern ihr Kind jetzt auch dann in die Notbetreuung bringen, wenn nur ein Elternteil in einem solchen Bereich der so genannten kritischen Infrastruktur arbeitet, der andere aber zuhause im Homeoffice sitzt (alle Infos zur Corona-Krise in Bayern lesen Sie hier.). Als Folge dieser Ausweitung, sagt die Erzieherin, müssten sie und ihre Kolleginnen nun nicht mehr nur weniger als fünf Kinder betreuen, sondern bis zu 15. Damit steige für die Betreuer das Risiko für eine eigene Ansteckung. Denn gerade das Personal in Krankenhäusern oder Arztpraxen sei in ständiger Gefahr, mit dem Virus in Kontakt zu kommen – und damit auch deren Kinder, die das Virus dann in die Einrichtung tragen, wo es die Erzieherinnen wieder hinaus in ihre eigenen Familien verbreiteten – und zu ihren eigenen Kindern, die sie übrigens nicht in die Notbetreuung geben dürften, wie die Penzbergerin moniert. Sie selbst habe zwar weniger Angst um sich selbst. Dafür aber um ihre Oma, mit der sie zusammenlebe. Es gäbe durchaus Kolleginnen, die überlegten, sich krank schreiben zu lassen – aus Angst vor Ansteckung.

Notbetreuung: Erzieherin vermisst Schutzmaßnahmen

Am Eingang der Einrichtung den Gesundheitszustand der Kinder feststellen, etwa übers Fiebermessen, das sei nicht erlaubt. „Wir dürfen als Kindergarten gar nicht Fieber messen“, erklärt sie und betont: „Ich gehe mit einem unglaublich blöden Gefühl in die Notbetreuung.“

Und während nicht einmal der Postbote die Einrichtung betreten dürfe, brächten die Eltern ihre Kinder nach wie vor bis zu ihrem Gruppenraum – eine zusätzliche Chance für das Virus, sich zu verbreiten, befürchtet die Penzbergerin. „Das ist echt unheimlich“, findet sie. „Es ist ein ganz undurchdachtes Handeln, das da stattfindet.“

Notbetreuung in Corona-Krise: Kinder „sind verunsichert“

Sie und ihre Kollegen haben sich unter anderem beim Gesundheitsamt bereits darüber informiert, welche Schutzmaßnahmen es gäbe. Doch außer den Tipps, oft Hände zu waschen und Abstand zu halten, sei nichts gekommen. Sie fragt sich: „Wie soll ich zu einem eineinhalbjährigen Kind Abstand halten?“ Verschärfend komme hinzu, dass das Desinfektionsmittel zur Neige gehe. „Es ist auch für uns als Einrichtung nicht mehr beziehbar.“ Laut Gesundheitsamt kämen Kindergärten und Co. auf der Liste der Organisationen, die Anspruch auf Desinfektionsmittel haben, weit hinter Krankenhäusern oder Praxen. Um sich wenigstens ein bisschen geschützter zu fühlen, trügen viele Kolleginnen bereits einen selbst gebastelten Mundschutz sowie Einweghandschuhe. Aber auch bei letzteren gehe der Vorrat zur Neige.

Für die Kinder sei diese Situation nicht schön. „Sie sind verunsichert“, hat die Penzbergerin beobachtet. Viele wollten wissen, warum sie selbst keinen Mundschutz bekämen. „Den Kindern ist die Gefahr sehr wohl bewusst.“

Die Penzbergerin richtet nun einen eindringlichen Appell an all die Arbeitgeber außerhalb der systemrelevanten Berufe, deren Arbeitnehmer gerade im Homeoffice arbeiten: Sie sollen das Arbeitspensum ihrer Angestellten soweit reduzieren, dass sie nicht gezwungen sind, ihre Kinder in die Notbetreuung zu geben – zum Schutz aller.

Von Franziska Seliger

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