1. Startseite
  2. Lokales
  3. Weilheim
  4. Penzberg

„Mit diesem Strick wurde mein Vater erhängt“: Museumsstück erzählt schreckliche Geschichte

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Wolfgang Schörner

Kommentare

null
Die kleine Schatulle birgt den Strick, an dem ein Mann in der Penzberger Mordnacht vom 28. April 1945 erhängt wurde. © Museum Penzberg

Es ist eine kleine Kiste aus Holz – und sie symbolisiert den Schrecken der Penzberger Mordnacht vom 28. April 1945. Dieses Ausstellungsstück ist nun im Rahmen des Wettbewerbs „100 Heimatschätze“ gewürdigt worden.

Penzberg – Die kleine Schatulle ist mit Blumen bemalt, vielleicht zwanzig auf zehn Zentimeter groß. Das Kästchen birgt das Unfassbare eines Mordes. Die Distanz von über 70 Jahren schwindet. In der Schatulle liegt ein Stück eines dicken Stricks, dazu ein kleines Kruzifix. An der Innenseite des Deckels ist ein Zettel angebracht: „Mit diesem Strick wurde mein Vater in der Nacht vom 28. auf 29. April 1945 vom Wehrwolf erhängt.“ Kein Hinweis darauf, wer das Opfer war. Das Kästchen hatte Gisela Geiger vor vielen Jahren von einer Frau erhalten, der Enkelin des Ermordeten. Sie bekam es für die große Stadtmuseum-Ausstellung im Jahr 2005 zum 60. Jahrestag der Penzberger Mordnacht. Die damalige Leiterin Geiger versprach, den Namen nicht zu nennen.

Der Sohn war dabei, als der Vater vom Baum genommen wurde

Der Strick war 1945 dem Sohn des Opfers „zum Andenken“ in die Hand gedrückt worden. Er war dabei, als sein toter Vater vom Baum genommen wurde. Der Sohn legte den Strick und ein Kruzifix in das Kästchen, schrieb die Zeilen, vermutlich selbst, auf einen Zettel und verschloss es. Er habe das Kästchen zwar später an seine Tochter zur Aufbewahrung übergeben, erzählt Gisela Geiger, dessen traumatisches Erlebnis sei ihr aber verschlossen geblieben. Sie überließ das schreckliche Erbstück später dem Penzberger Museum. Es steht dort nun geöffnet und für alle sichtbar in der Dauerausstellung zum 28. April 1945. „Damit ist zugleich die Aufarbeitung dieser dunkelsten Stunde der Penzberger Stadtgeschichte symbolisiert“, so Gisela Geiger.

Eine spezielle Wertschätzung hat das Ausstellungsstück am vergangenen Freitag durch das bayerische Heimatministerium und das Wissenschaftsministerium erhalten. Es wurde in München im Rahmen des Wettbewerbs „100 Heimatschätze“ ausgezeichnet. Bei dem Wettbewerb für nicht staatliche Museen geht es nicht um große Glanzstücke, so das Heimatministerium, sondern um Gegenstände, die Heimatgeschichte erzählen, ob ungewöhnlich, erstaunlich, lustig oder tragisch. Im Penzberger Fall ist es eine schreckliche Geschichte.

Kurz vor dem Kriegsende hatten mehrere Penzberger, darunter der frühere Bürgermeister Hans Rummer, versucht, eine unblutige Übergabe der Stadt an die amerikanischen Truppen zu organisieren und das Bergwerk vor einer Zerstörung durch die Nationalsozialisten („Nero-Befehl“) zu schützen. Doch der Aufstand schlug fehl. Wehrmachtssoldaten erschossen am 28. April 1945 sieben Männer: Hans Rummer, Ludwig März, Rupert Höck, Hans Dreher, Paul Badlehner, Michael Boos und Michael Schwertl – auch das graue Dreieckstuch, mit denen ihnen die Augen verbunden wurden, ist in der Dauerausstellung im Museum zu sehen, eingenäht in eine Fahne.

Die „Werwölfe“ erhängten die Männer und Frauen mitten in Penzberg

Damit war damals der Schrecken nicht vorbei. Nazi-Schergen, eine Horde von Werwolf-Männern, machte mit Hilfe einiger Einheimischer Jagd auf weitere Opfer. Josef Kastl wurde erschossen. Sechs weitere Männer und zwei Frauen hängten die Mörder mitten in der Stadt auf: Gottlieb Behlolawek, Johann und Therese Zenk, Franz Xaver und Agathe Fleissner, Franz Biersack, Johann Summerdinger und Albert Grauvogl. Am nächsten Morgen, einem Sonntag, sahen die Penzberger beim Kirchgang die Erhängten.

Die Dauerausstellung über die Penzberger Mordnacht war bereits im alten Stadtmuseum eingerichtet worden. Mit dem Umbau zum „Museum Penzberg – Sammlung Campendonk“ und dessen Neueröffnung im Sommer 2016 blieb der Gedenk- und Informationsraum in überarbeiteter Form bestehen.

Öffnungszeiten des Museums sind Dienstag bis Sonntag jeweils von 10 bis 17 Uhr. Kontakt: Telefon 08856/813-480 und E-Mail museum@penzberg.de.

Auch interessant

Kommentare