Noch bis Jahresende wird Reingard Ketterer in ihrem Glas-, Porzellan und Haushaltswarenfacheschäft stehen – dann ist Schluss. Sie und ihr Mann wollen in Zukunft mehr zum Wandern gehen. Ihre einstigen Geschäftsräume werden sie vermieten. Foto: Seliger
+
Noch bis Jahresende wird Reingard Ketterer in ihrem Glas-, Porzellan und Haushaltswarenfacheschäft stehen – dann ist Schluss. Sie und ihr Mann wollen in Zukunft mehr zum Wandern gehen. Ihre einstigen Geschäftsräume werden sie vermieten.

Aus nach über 100 Jahren

Ende eines Penzberger Traditionsgeschäfts

  • Franziska Seliger
    vonFranziska Seliger
    schließen

Erst im vergangenen Jahr hat die Firma „Schlesinger“ in der Penzberger Bahnhofstraße ihr 100-jähriges Bestehen gefeiert. Zum Jahresende wird das traditionsreiche Glas-, Porzellan- und Haushaltswarenfachgeschäft nun jedoch schließen – ein recht spontaner Entschluss, wie Inhaberin Reingard Ketterer verrät.

Penzberg – Dass ihr die Schließung ihres Geschäfts nicht leicht fällt, sieht man in Reingard Ketterers Augen. Denn spricht man mit ihr über diese Entscheidung und über den Betrieb, den ihr Großvater Hans Schlesinger 1919 gründete und den sie als seine Enkelin 31 Jahre weiterführte, dann glänzen ihre Augen feucht. Doch auch wenn ihr und ihrem Mann Harald die Geschäftsaufgabe „nicht leicht gefallen ist“, wie sie einräumt, so sei sie von der Richtigkeit ihres Entschlusses überzeugt.

Im vergangenen Jahr, als der Betrieb sein 100-jähriges Jubiläum feierte, war von Aufhören noch keine Rede. „Relativ spontan“ hätten sie und ihr Mann sich dazu entschlossen, nachdem die Betreiber des Penzberger Spielwarengeschäfts „Purzmurzels Spielhaus“ vor einiger Zeit angefragt hatten, ob das Ehepaar Ketterer nicht Räume in ihrem Geschäftshaus an der Bahnhofstraße als neues Spielwaren-Domizil vermieten wolle. Diese gesuchten Räume werden nun ab März die einstigen Geschäftsräume von „Schlesinger“ sein. „Es hat sich so ergeben und es passt perfekt“, kommentiert Reingard Ketterer die Geschäftsaufgabe und versichert, die Schließung ihres Traditionsbetriebes habe weder etwas mit der Corona-Pandemie noch mit der Konkurrenz durch den Online-Handel zu tun. Ihr Geschäft sei gut gelaufen in all den Jahren – auch deshalb, weil „Schlesinger“ seit einigen Jahren einen eigenen Online-Shop unterhalten habe. „Wir haben uns wacker geschlagen“, bilanziert Ketterer. Aber nun sei sie 69 Jahre alt, ihr Mann 65 – da sei die Anfrage aus der Spielzeug-Branche nun eine gute Gelegenheit gewesen, um kürzer zu treten.

Über 30 Jahre führte das Ehepaar das Geschäft. Geboren in Penzberg, wuchs Reingard Ketterer in Frankfurt auf, lernte dann im Schwarzwald ihren Mann kennen und bekam zwei Kinder. Ihr Vater Helmut Schlesinger, der einstige Chef der Bundesbank, sei es gewesen, der damals bei seiner Tochter, eigentlich Pädagogin, anfragte, ob sie nicht mit ihrem Mann den großväterlichen Betrieb übernehmen wolle. Also seien sie mit den kleinen Kindern zurückgekommen. „Mein Mann musste sogar extra eine Glaser-Lehre machen. Aber er war ja jung“, erinnert sich Ketterer. Bereut habe sie diesen Entschluss nie.

Im Laufe der Jahre wurde ein Gebäudeteil dazu gekauft, der Kundenstamm wuchs. Viele seien Stammkunden geworden. Nachdem die Geschäftsaufgabe bekannt geworden sei, „sind viele gekommen, um noch einmal bei uns einzukaufen“. Viele Kunden seien traurig über die Schließung. „Es sind schon viele Tränen geflossen.“ Und ihre Mitarbeiter? Die älteren gingen selbst in den Ruhestand, die Jüngeren hätten alle eine neue Stelle gefunden, sagt Ketterer, der nicht nur der Abschied von ihrem Geschäft, sondern auch von ihren Angestellten schwer fällt, denn: „Wir waren ein tolles Team.“

Der Glasereibetrieb ihres Mannes werde übrigens weiter bestehen. Ihn werde künftig ein langjähriger Mitarbeiter führen. Auch die Bilderrahmenwerkstatt werde fortgeführt.

Reingard Ketterer möchte in Zukunft öfter mit ihrem Mann zum Wandern gehen und Reisen an die Nordsee unternehmen. Sobald es die Pandemie zulasse, will sie außerdem ihre Tochter besuchen, die in London lebt. Für all diese schönen Dinge war 31 Jahre viel zu wenig Zeit, denn: „Wir haben imme gearbeitet.“

Auch interessant

Kommentare