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Programm mit Niveau: Claudia Wenzl im Kinosaal.

Claudia Wenzl im Porträt

Großes Kino, auch jenseits der Leinwand

Das Penzberger „KinoP“ ist ihr Ding: Doch Claudia Wenzl ist weitaus mehr aktiv.

PenzbergDas ganz große Kino: Das ist die Leidenschaft von Claudia Wenzl. Wer die 58-Jährige aber auf Ihre Rolle als Betreiberin des Penzberger „KinoP“ reduziert, unterschätzt sie. Wenzl war und ist auch Politikerin, Frauenrechtlerin und IT-Expertin. Derzeit ist sie als Umweltaktivistin aktiv.

Dass sie mal ein Kino betreiben würde, hätte Claudia Wenzl nicht gedacht. Fast scheint es, als wäre es eine andere Frau gewesen, die in den 1990er Jahren eine vielversprechende Karriere als IT-Expertin machte. Eine Frau, die täglich für ihren Zwölf-Stunden-Job von ihrem Wohnort Benediktbeuern nach München pendelte und deren Mann zuhause blieb bei den zwei noch kleinen Kindern, damit seine Frau arbeiten konnte. So, wie es das Paar dereinst vereinbart hatte: Erst macht er seine Ausbildung zu Ende und sie bleibt zuhause, dann wird getauscht. Ganz gleichberechtigt. „Denn wir haben eine Familie gegründet, ohne dass wir eine Ausbildung hatten“, sagt Claudia Wenzl.

Es war eine Entscheidung aus dem Bauch heraus und gegen die Vernunft, wie sie später noch andere treffen würde in ihrem Leben. Und damals sah die gebürtige Oberammergauerin die Entscheidung für Kinder, ohne eine Ausbildung zu haben, auch ganz locker. Heute, als Mutter einer erwachsenen Tochter, kann die Diplom-Volkswirtin darüber nur den Kopf schütteln. Aber es ist ja gut gegangen. Dass beide Elternteile arbeiten, sei in den 1980er Jahren auf dem Land noch nicht möglich gewesen. Es fehlte die Kinderbetreuung. Doch Ehemann Markus Wenzl hielt sich an die Vereinbarung und Claudia Wenzl wurde zur Familienernährerin. Die Sache mit dem Kino ist dann irgendwie so gekommen. Denn der Ehemann, dem es nach einigen Jahren zuhause etwas langweilig wurde, begann, sich intensiv im Kochler Kinoverein zu engagieren. Mit einer Leidenschaft, die ansteckend war. „Er hat mich da mitgerissen“, erinnert sich Claudia Wenzl.

Und zwar mit Haut und Haaren. Ohne eine Ausbildung in der Kino-Branche kündigte sie ihren gut bezahlten, sicheren Job – wieder so eine Entscheidung wider jede Vernunft. Das Paar machte sich auf die Suche nach einem eigenen Kino, das es schließlich im Jahr 2004 in Penzberg, einem Neubau an der Bichler Straße, eröffnete.

„Penzberg war damals ja ohne Kino“, erklärt Wenzl. Diese Marktlücke wusste das Paar zu nutzen. Nicht unbedingt immer die großen Hollywood-Streifen werden seitdem hier gezeigt, dafür anspruchsvolle Filme und Filme für Familien. Ein niveauvolles Mischprogramm für alle. Tabu sind für Wenzl Filme mit unsinniger Gewalt, dämlichen Schenkelklopfern oder Sexismus. Was sie am Kino liebt? „Dass man beim Filmeanschauen etwas erleben kann, ohne es selbst zu erleben.“ Leicht gewesen war das Leben als Kinobetreiberin dabei nicht immer. Mittlerweile kommen jedes Jahr rund 30 000 Besucher ins „KinoP“, aber es waren schon einmal weitaus weniger. „Die letzten Jahre standen wir oft kurz vor der Pleite.“

Bereut, ihren IT-Job aufgegeben zu haben, hat sie trotzdem noch nicht ein einziges Mal. Trotz einer mitunter 60-Stunden-Woche schaffte es die 58-Jährige sogar noch, sich in ihrem Heimatort als Gemeinderätin zu engagieren. Sieben Jahre saß sie als Parteifreie im Gremium. „Ich bin immer ein politischer Mensch gewesen.“ Das hat sie von ihrem Vater, der sich für die SPD politisch engagiert hatte. Als junge Frau war Claudia Wenzl bei den Jusos aktiv. „Aber wegen der Frauenfeindlichkeit, die da herrscht, bin ich rausgegangen.“ Denn von jeher ist Wenzl eine überzeugte Feministin, die als junge Frau auch schon mal gegen frauenverachtende Pornografie auf die Straße gegangen ist. Bis heute liest sie die Zeitschrift „Emma“ und hat das Modell „Gleichberechtigung“ in ihrer bisher 33-jährigen Ehe real gelebt – siehe die familiäre Aufgabenverteilung bei Kindern und Ausbildung. An Religion glaubt die 58-Jährige nicht. „Aber ich glaube an Demokratie. Auf dieser Basis können Menschen gut zusammenleben.“ Aber ohne politisches Engagement gehe eine Demokratie zugrunde, findet sie.

Also engagiert sich Claudia Wenzl bis heute. Derzeit als Mitinitiatorin einer Bürgerinitiative, die für den Erhalt des Lainbachwaldes kämpft. Auf diesem Areal möchte Benediktbeuern bekanntlich sein Gewerbegebiet erweitern. Eine Versiegelung von Flächen und eine Zerstörung von Lebensraum, die Wenzl wütend machen. „Es kommt doch noch jemand nach uns. Verdammt!“ Man könne doch nicht alles zubauen. „Wir zerstören doch unsere Lebensgrundlage und die der nachfolgenden Generationen“, sagt die 58-Jährige, die mittlerweile dreifache Oma ist.

An Ruhestand denkt Claudia Wenzl trotzdem nicht. „Kino werde ich lange noch machen“, ist sie sich sicher. Dazu macht es ihr noch viel zu viel Spaß. „Ich arbeite, solange es geht.“ Auf das Alter bereiten sie und ihr Mann sich dennoch vor. Und zwar ganz aktiv: Im Jahr 2020 werden die beiden aus dem alten Haus in Benediktbeurn in ein genossenschaftliches Wohnprojekt in Penzberg umziehen, denn: „Ich will mit Menschen zusammenwohnen und nicht mit meinem Mann alleine alt werden.“ Auch in Penzberg will sich Claudia Wenzl engagieren. Zwar nicht im Stadtrat, wie sie lachend verrät, „aber die außerparlamentarische Opposition bewegt oft eh mehr.“ Denn Ansatzpunkte gebe es genug.

Franziska Seliger

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