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Alte Glocke kehrt nach Polen zurück: Doch der Ersatz ist da - 160 Kilo Bronze für die „Völkerverständigung“

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Von: Wolfgang Schörner

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Die neue Bronze-Glocke für die Martin-Luther-Kirche wurde im Gemeindehaus präsentiert.
Die neue Bronze-Glocke für die Martin-Luther-Kirche wurde im Gemeindehaus präsentiert. © Wolfgang Schörner

Die neue Glocke für die evangelische Kirche in Penzberg ist da. Das 160 Kilogramm schwere Bronze-Exemplar soll eine über 450 Jahre alte Glocke ersetzen, die die Penzberger nach Polen zurückgeben müssen. Da passt es, dass nun auch die Sanierung der Kirche beginnen kann – vor allem wegen des langen Risses über der Apsis.

Penzberg – Drei Glocken hat die Martin-Luther-Kirche in Penzberg. Das kleinste Exemplar, die „Vaterunserglocke“, muss die Kirchengemeinde nun nach Polen zurückgeben, an den „rechtmäßigen Besitzer“, wie Pfarrer Julian Lademann erklärt. Geschehen wird dies voraussichtlich im kommenden Frühjahr oder Sommer.

Der Grund für die Rückgabe liegt Jahrzehnte zurück. Im Zweiten Weltkrieg mussten die Kirchen Glocken für die Rüstungsproduktion hergeben. Anfang der 1940er Jahre wurden zwei der drei Glocken der evangelischen Kirche in Penzberg konfisziert. Sie kamen damals laut Lademann auf einen „Glockenfriedhof“ in Hamburg. Der größte Teil wurde eingeschmolzen. Nach Kriegsende blieben aber rund 15 000 Glocken übrig. Die Penzberger Exemplare waren nicht darunter.

„Leihglocke“ wurde der evangelischen Gemeinde 1952 zugeteilt

1952 erhielt die evangelische Gemeinde Penzberg die Erlaubnis, sich auf dem „Glockenfriedhof“ eine „Leihglocke“ zu holen. Viel weiß man nicht über die damals zugeteilte Glocke. Sie sei aus einer damals nicht mehr vorhandenen Kirche in Pommern gewesen, so Lademann. Und sie soll aus dem Jahr 1563 stammen. In Penzberg läutete sie erstmals an Gründonnerstag 1952. Wenige Monate später kaufte die Gemeinde in Erding ein weiteres Exemplar. Das Glocken-Trio war damit wieder komplett.

Pfarrer aus Polen erhebt Anspruch auf alte Glocke

Dass die kleinste Glocke zurückgegeben werden muss, kam überraschend. Lademann erzählt, dass er ein Schreiben des Landeskirchenamts vorfand, als er vor vier Jahren Pfarrer in Penzberg wurde. Es habe sich ein Pfarrer aus Pommern im Norden Polens gemeldet, der Anspruch auf die Glocke erhebt, die im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten beschlagnahmt worden sei, lautete die Nachricht. Eine Prüfung ergab, dass der Anspruch berechtigt ist. Selbst hat Lademann keinen Kontakt nach Polen. Er vermutet, dass es eine katholische Gemeinde ist. Auch die Polen selbst wissen ihm zufolge nur, dass ihre Glocke irgendwo in Bayern hängt. Die ganze Angelegenheit liegt in den Händen des Außenministeriums und der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Neues Exemplar gegossen: „Ein wunderbares Erlebnis“

Für die Penzberger bedeutete das aber auch, dass sie eine neue Glocke brauchen. Diese wurde nun am Dienstagabend erstmals präsentiert. „Völkerverständigung“ soll sie heißen. Finanziert wurden die rund 5000 Euro über Spenden. Zwei Ehepaare sind als Großspender auf der Glocke verewigt: Werner und Sieglinde Steiger sowie Evi Haag und Jens Meier.

Gegossen wurde die Glocke in der Glockengießerei Rincker in Sinn bei Frankfurt. Es sei „ein wunderbares Erlebnis“ gewesen, erzählt Sieglinde Steiger, die mit dem Ehepaar Haag/Meier und Margot Süskind, Vertrauensfrau des Kirchenvorstands, beim Gießen dabei war. Es sei „mit viel Liebe“ geschehen, der Firmenchef habe dazu ein Segenswort gesprochen, berichtet Pfarrerin Sandra Gassert. Die Verzierungen sind das Ergebnis eines Kunstwettbewerbs: Sie zeigen Menschen, die sich aus allen Richtungen in der Mitte treffen (der Entwurf stammt von Susanne Hanus), und ein Kreuz (von Helmut Gröbel).

Im Frühjahr oder Sommer soll die Glocke – nach einem Festzug – im Kirchturm eingebaut werden. Dafür muss extra das Mauerwerk geöffnet werden. Außerdem brauchen alle Glocken eine neue Aufhängung. Ebenso wird die Läuteanlage auf elektrische Steuerung umgestellt.

Martin-Luther-Kirche steht größer Sanierung bevor - Riss quer über die Apsis

Da passt es, dass bei der denkmalgeschützten Kirche ohnehin eine große Sanierung ansteht. Eigentlich hätte sie, wie berichtet, im September beginnen sollen. Jetzt könnte es aber soweit sein. Die Denkmalbehörde habe ihre Erlaubnis losgeschickt, teilte Lademann am Mittwoch mit. „Wir sind startklar.“ Die Sanierungskosten werden auf rund 454.000 Euro geschätzt. Losgehen soll es im Herbst mit dem Innenraum, wo sich ein großer Riss quer über die Apsis zieht. Auch die gesamte Elektrik muss erneuert werden. In der Zeit wird die evangelische Gemeinde ihre Gottesdienste auf Gut Hub feiern. Ab Frühjahr 2022 soll es mit der Außensanierung weitergehen. Einen Großteil des Geldes hat die Gemeinde schon beisammen. Rund 80.000 Euro fehlen laut Lademann aber noch. Wie berichtet, muss demnächst auch die katholische Christkönigskirche in Penzberg saniert werden.

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