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Kerzen in den Fenstern - als Penzberg gegen die Mauer protestierte

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Von: Wolfgang Schörner

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Ein Stück lokaler Zeitgeschichte: Max Kapfer zeigt ein Plakat, mit ein Penzberger „Komitee 13. August“ dazu aufrief, Kerzen in die Fenster zu stellen.
Ein Stück lokaler Zeitgeschichte: Max Kapfer zeigt ein Plakat, mit ein Penzberger „Komitee 13. August“ dazu aufrief, Kerzen in die Fenster zu stellen. © Wolfgang Schörner

Vor 60 Jahren begannen Soldaten und Grenzpolizisten der DDR, in Berlin die Sektorengrenze zwischen Ost und West abzuriegeln. Der 13. August gilt seither als „Tag des Mauerbaus“. Wenig bekannt ist, dass es in Penzberg ein „Komitee 13. August“ gab – ein damals über die politischen Gräben vereinter Protest gegen den Mauerbau.

Penzberg – „Licht über die Mauer“ steht in roten Buchstaben auf dem großen Plakat. Abgebildet ist eine Steinmauer mit Stacheldraht, Wachturm und den Buchstaben „KZ“. Es zeigt, was viele Menschen damals empfanden. Es herrschte Kalter Krieg zwischen Ost und West. Die Angst vor einem heißen Krieg war groß. Ein Schock war, als die DDR in der Nacht auf 13. August 1961 begann, die Sektorengrenze in Berlin abzuriegeln. Drei Tage zuvor hatte DDR-Staatsratsvorsitzender Walter Ulbricht noch erklärt: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Es kam anders.

Penzberger „Komitee 13. August“: Licht über die Mauer

Das Plakat mit den Worten „Licht über die Mauer“ hat der Penzberger Max Kapfer zum 60. Jahrestag des Mauerbaus aus seinem Fundus hervorgeholt. Die Zeichnung, ein Linolschnitt, stammt von ihm. Das Plakat ist ein Stück lokaler Zeitgeschichte, die wenig bekannt ist und vor dem Hintergrund der großen Politik spielt. Sechs Jahre nach dem „Tag des Mauerbaus“ rief ein Penzberger „Komitee 13. August“ dazu auf, „gegen die Schandmauer in Berlin“ zu demonstrieren, „die nun schon 6 Jahre lang Ost- und Westteil unserer Hauptstadt trennt“. So steht es auf dem Plakat. Die Penzberger Bevölkerung wurde dazu aufgerufen, am 13. August 1967 um 20 Uhr eine Kerze in den Fenstern zu entzünden. „Die Resonanz war, so weit ich weiß, sehr gut“, erzählt Max Kapfer. Ein Jahr später, 1968, folgte der gleiche Aufruf. Auf Handzetteln, die es damals ebenfalls gab, ist die Rede von „ostzonalen Machthabern“, dem „Regime in Mitteldeutschland“ und „Menschen, die hinter Stacheldraht leben müssen“. Dort heißt, dass die Menschen während des feierlichen Glockengeläuts der Penzberger Christkönigskirche die Kerzen entzünden sollen, die das Komitee an circa 3500 Haushalte verteilt.

Solidaritätsaktion ging damals von einem „Jugendforum“ in Penzberg aus

Die Solidaritätsaktion ging damals von einem „Jugendforum“ aus. Der 2019 verstorbene Willi Heidrich war bis 1966 dessen Vorsitzender. Max Kapfer gehörte dem Vorstand ebenfalls an. Das Jugendforum sei eigentlich unpolitisch gewesen, erinnert er sich. Es vereinte rund 20 Jugendgruppen und organisierte 1961 in der Stadthalle zum Beispiel einen „Jugendschutztag“, bei dem sich die Jugendgruppen mit Musik, Theater und Sport vorstellten.

CSU und SPD vereint über tiefe Gräben

Die „Jugendforum“ war laut Kapfer damals allerdings auch die treibende Kraft für die Solidaritätsaktion. Alle ins Boot zu holen, war jedoch nicht einfach. Es waren andere Zeiten. „Damals waren die politischen Gräben viel tiefer“, erzählt der Penzberger, einst selbst SPD-Mitglied. Das betraf insbesondere das Verhältnis zwischen CSU und SPD. Politisch herrschte Misstrauen. „Es gab ein ziemliches Gerangel, bis das Komitee 13. August zusammenkam“, so Kapfer. Es gelang jedoch. Am Ende waren beide Parteien auf dem Plakat vereint. Für die SPD unterzeichnete Hans Schöttl, für die CSU Rupert Brettner. Dem Komitee schlossen sich fünf weitere örtliche Gruppen an, die es zum Teil heute nicht mehr gibt: eine Penzberger Wählergruppe, für die Herrmann Ugler unterzeichnete, der DGB (Hans Hibler), der Ortsverband des Deutschen Gewerbeverbands (Martin Zach), die Sudetendeutsche Landsmannschaft (Franz Gubernat) und der Schlesische Heimatverein. Dabei war auch die Stadt Penzberg, die Max Kapfer mit dem Linolschnitt beauftragt hatte. 1967, bei der ersten Aktion unterzeichnete Kurt Wessner, damals zweiter Bürgermeister, den Aufruf, ein Jahr später der amtierende Bürgermeister Anton Prandl.

Daran, wie er die Zeit des Mauerbaus vor 60 Jahren selbst erlebt hat, kann sich Max Kapfer nur noch wenig erinnern. Er war damals 19 Jahre alt. Der Schock sei tief gesessen, wie man an dem Penzberger Komitee sehe. „Für uns Westler waren die Leute drüben eingesperrt“, sagt er. Man habe Care-Pakete geschickt. Zu zwei Jahrestagen, 1967 und 1968, gab es damals das Komitee und dessen Solidaritätsaufruf. Dann schlief die Sache wieder ein.

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