Im Schloss Bellevue: Bundespräsident Steinmeier, seine Ehefrau Elke Büdenbender (l.) und Schriftstellerin Kirsten Boie (r.).
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Im Schloss Bellevue: Bundespräsident Steinmeier, seine Ehefrau Elke Büdenbender (l.) und Schriftstellerin Kirsten Boie (r.).

Videokonferenz über „Dunkelnacht“-Buch von Kirsten Boie

Mordnacht vor 76 Jahren: Penzberger Schüler sprechen mit Bundespräsident Steinmeier

  • vonWolfgang Schörner
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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat mit Penzberger Gymnasiasten in einer Videokonferenz über die „Penzberger Mordnacht“ diskutiert. Hintergrund war der neue Jugendroman von Kirsten Boie, die den 28. April 1945 aus der Sicht von drei Jugendlichen beschreibt. Am Mittwoch jährt sich die „Mordnacht“ zum 76. Mal.

Penzberg – Vor 76 Jahren, kurz vor Kriegsende, ermordeten Wehrmachtssoldaten und eine fanatische NS-Gruppe („Werwolf“) in Penzberg 16 Männer und Frauen, darunter Hans Rummer und mehrere seiner Mitstreiter, die den NS-Bürgermeister abgesetzt hatten, um das Bergwerk vor der Zerstörung zu retten. Die Hamburger Schriftstellerin Kirsten Boie hatte dazu jüngst das Buch „Dunkelnacht“ veröffentlicht, in dem sie die Geschehnisse für junge Leser aufbereitete, anhand von drei fiktiven Jugendlichen, die Zeugen der Verbrechen wurden.

Bundespräsident: Gespräch mit Schülern über „Dunkelnacht“-Buch von Kirsten Boie

Dies nahmen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender nun zum Anlass, am Montagvormittag mit Penzberger Gymnasiasten in einer Videokonferenz über das Buch und die Ereignisse der „Penzberger Mordnacht“ zu sprechen. Die Stimmung in Deutschland sei damals davon geprägt gewesen, dass Krieg und Gewaltherrschaft bald enden würden, sagte Steinmeier. Es seien aber auch Tage gewesen, in denen der Fanatismus nicht zu Ende ging. Penzberg, so der Bundespräsidentin, stehe für zahlreiche andere Orte, in denen Verbrechen in den letzten Kriegstagen begangen wurden. Verbrechen, bei denen Nachbarn von Nachbarn verraten oder ermordet wurden und die vielen Deutschen nicht bekannt seien.

Er selbst habe viel über solche Verbrechen gelesen, erzählte der Bundespräsident. Von der „Penzberger Mordnacht“ habe er aber erst erfahren, als er im Dezember 2019 in Penzberg war (er besuchte damals die Moschee und das Rathaus). Nun sei er zudem auf das Buch von Kirsten Boie gestoßen.

Im Sitzungssaal des Penzberger Rathauses: Gymnasiasten und Bürgermeister Stefan Korpan.

Schriftstellerin Boie hatte im Nachwort ihres Buches davon gesprochen, dass die Erinnerungskultur in Penzberg „sehr zurückhaltend“ sei. Eine Behauptung, die Elke Büdenbender am Montag als Frage an die Jugendlichen formulierte. Diese erzählten, sie hätten von der „Mordnacht“ im Unterricht erfahren. Ein Mädchen sagte, sie wisse davon durch eine Familie, aus der ein Überlebender der Mordnacht stammt. Gut informiert waren jedenfalls alle neun Schüler. Die drei Zwölftklässler und sechs Zehntklässler hatten sich damit zuvor in verschiedenen Projekten mit ihrer Geschichtslehrerin Michaela Wagner beschäftigt. Das Buch, so einer der Schüler, habe die Ereignisse noch verständlicher gemacht. „Es hilft zu verstehen, wie die Menschen das geschehen lassen konnten.“ Seine Meinung sei, dass man „nicht genug daran erinnern kann“, weil es „ein Verbrechen unvorstellbaren Ausmaßes“ gewesen sei, „noch dazu begangen von durchschnittlichen normalen Leuten“.

Beim Lesen habe er gemerkt, sagte ein Jugendlicher, „wie glücklich man sein kann, in der heutigen Zeit leben zu dürfen“. Das Buch bezeichnete die Runde als „ewigen Zeitzeugen“. Wertvoll nannte Bürgermeister Stefan Korpan das Buch von Kirsten Boie, die am Montag einige Passagen daraus vorlas. Zur Erinnerungskultur in Penzberg sagte Korpan, dass es seit 1948 das Denkmal am Ort der Erschießungen gibt, viele Bücher geschrieben und die Ermordeten zu Ehrenbürgern ernannt wurden, jährlich eine Trauerfeier am Friedhof stattfindet und nun am Mittwoch eine Bronzeplatte am Stadtplatz enthüllt wird. Was ihn selbst am meisten berührt hat: ein Kästchen mit einem Strick, an dem ein Opfer erhängt wurde. Es ist im Museum ausgestellt.

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