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Nach der Flucht: Junge Ukrainerin träumt von einer Musikkarriere - und denkt jeden Tag an ihre Freunde

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Von: Wolfgang Schörner

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Träumt von einer Musikerkarriere: die 18-jährige Iryna Forostovets. Ihr Künstlername ist „Iruchenka“. Sie lebt jetzt mit ihrer Familie in Penzberg.
Träumt von einer Musikerkarriere: die 18-jährige Iryna Forostovets. Ihr Künstlername ist „Iruchenka“. Sie lebt jetzt mit ihrer Familie in Penzberg. © wos

In Penzberg leben derzeit rund 150 Menschen, die vor dem Krieg in der Ukraine geflüchtet sind. Eine davon ist Iryna Forostovets. Die 18-Jährige träumt von einer Karriere als Musikerin und Sängerin. Einen Tag, bevor die ersten Bomben fielen, stand sie in Kiew im Tonstudio, um ein Lied aufzunehmen – über böse Menschen.

Penzberg – Iryna hatte gerade geschlafen, als der russische Angriff auf die Ukraine begann. Es war der 24. Februar im Morgengrauen, als sie aufwachte. Sie habe eine Art lautes Pfeifen gehört, wohl eine Rakete, die über das Haus flog. „Es war gruselig, ich dachte erst, dass es ein Traum ist.“ Eine Woche zuvor hatte es in den Nachrichten immer wieder geheißen, dass es an diesem und jenem Tag Krieg gibt. Die Tage verstrichen, der russische Angriff kam nicht. Sie habe nicht mehr daran geglaubt. „Aber dann war ich schockiert.“ Als sie die ersten Bombeneinschläge hörte, wollte sie nur noch weg aus Kiew. Mit ihrer Mutter, ihrem Stiefvater und ihrem 16-jährigen Bruder fuhr sie zuerst nach Berdytschiw, knapp 200 Kilometer westlich von Kiew, zu ihrer Großmutter. Dort wollte die Familie bleiben.

„Ich war schockiert“ - Flucht über Warschau und Berlin

Iryna setzte sich jedoch in einen Bus und fuhr allein nach Warschau und von dort nach Berlin. Mittlerweile ist die Familie wieder vereint. „Ich habe ihnen gesagt, sie müssen kommen.“ Erst folgte die Mutter und ihr Bruder, dann der Stiefvater. Zu ihrem leiblichen Vater, der Soldat ist, hatte Iryna das letzte Mal Kontakt, als er ihr am Telefon zum 18. Geburtstag gratulierte. Da war sie schon in Deutschland. Seither hat sie nichts mehr von ihm gehört.

Als „Iruchenka“ schon Auftritte auf Bühnen und Lieder im Internet

Die Familie ist nun in Penzberg untergekommen. Als vor kurzem die „Koordinationsstelle Ukrainehilfe“ im Familienzentrum Arche Noah eröffnet wurde, war die Familie auch da. Iryna spielte einige Lieder, die sie selbst komponiert hat. Noch in der Ukraine, kurz vor dem russischen Angriff, hatte sie daran gearbeitet, einen Traum zu verwirklichen – eine Musikerkarriere. Unter dem Namen „Iruchenka“ hatte sie schon erste Auftritte. Die 18-Jährige meint es ernst mit dem Traum. „Ja, ich will bekannt werden“, sagt sie. „Ich fühle mich sehr wohl auf der Bühne, ich mag es, wenn mir die Leute zuhören.“

Lieder über Jungs - aber auch über „böse Menschen“

Vor sieben Jahren hatte sie erst Bandura gelernt, ein traditionelles ukrainisches Lauteninstrument, das sie in einer Musikschulgruppe spielte. Mit 15 schnappte sie sich dann die Gitarre ihres Bruders und brachte sich mit Youtube-Videos das Spielen bei. Nach drei Monaten komponierte sie ihr erstes Stück. Mehr als 60 Lieder dürften es mittlerweile sein, schätzt sie. Wenn alle schliefen, habe sie sich in die Küche gesetzt und geschrieben. Es seien aber nur ein oder zwei so gut, dass sie sie aufgenommen hat, fügt Iryna an.

Die meisten Lieder handeln von Jungs, sagt sie. Es gibt aber auch einige über das Leben in Russland und in der Ukraine, über gebrochene Menschen, über Armut und Arbeitslosigkeit. Am 1. März, noch in Berdytschiw, schrieb sie ein Lied über den Krieg und ihre Gefühle. Sie singt von einem „Karussell schrecklicher Gedanken“, von den Geräuschen der Granaten und von einem „alten Tyrann, krank und rücksichtslos“. Es sei für sie so einfacher, mit der Situation zurechtzukommen, sagt sie.

Am 19. Februar hatte „Iruchenka“ noch ein Konzert in Kiew gegeben

Geschrieben hat Iryna die meisten Lieder auf Russisch. Sie und ihre Familie sprechen Russisch. „Das ist nicht schön, es ist aber die Wahrheit“, sagt sie. In Kiew hatte Iryna mit zwei Freunden auch eine Pop-Band gegründet. Im vergangenen Sommer gaben sie ihr erstes Konzert. Sie hat noch ein Video davon auf ihrem Smartphone. Die Band sei aber auseinandergebrochen, weil sie auf die Universität für Kultur und Kunst ging und ihre Freunde mit dem Jurastudium begannen. Sie machte allein weiter. Als „Iruchenka“ hat sie mittlerweile einige Lieder im Internet veröffentlicht, sie sind auf Spotify, Amazon und Apple zu finden. „We stay together“ heißt – ins Englische übersetzt – der Song, der bisher am häufigsten gespielt wurde. Am 19. Februar hatte die junge Frau noch ein Konzert in Kiew gegeben. Am 23. Februar, dem Vortag des Krieges, ging sie ins Studio, um ein Lied aufzunehmen. Es handelt davon, dass es nachts auf den Straßen von Kiew gefährlich ist. Ein Lied über „böse Menschen“, sagt sie. „Und ein Tag später begann der Krieg.“

Heimweh? Sie denkt jeden Tag an ihre Freunde in der Ukraine

Sie habe jetzt damit angefangen, russische Lieder ins Ukrainische zu übersetzen. Sie möchte keine russische Musik mehr. Sie will auch versuchen, ihre Texte ins Englische zu übersetzen. Was sind ihre Pläne für die Zukunft? Als eine Möglichkeit nennt sie, erst gut Deutsch zu lernen, das deutsche Abitur zu machen und dann zur Universität zu gehen. „Ich will als Künstlerin arbeiten“, sagt sie. Erste Kontakte hat sie schon geknüpft. Hat sie Heimweh? „Ja“, antwortet Iryna. Sie denke jeden Tag an ihre Freunde in der Ukraine, an ihre alte Schule, an die Universität. Sie vermisse so viele einfache Sachen, sagt sie. Sie habe ihr Land nicht verlassen wollen, sie vermisse es, es sei jetzt aber nicht möglich zurückzukehren. „Ich will keine zerstörten Gebäude, keine Soldaten sehen, das wäre zu hart.“

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