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Dauerbrenner: Chefarzt Dr. Christian Sänger ist seit 30 Jahren als Notarzt im Einsatz.

Wenn Schichten unbesetzt bleiben

Notärzte im Landkreis Weilheim-Schongau: „Ohne unsere Elefanten geht es nicht“

  • Christoph Peters
    vonChristoph Peters
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Wenn sie im Einsatz sind, geht es oft um Leben und Tod. Knapp 60 Mediziner im Landkreis arbeiten freiwillig nebenbei als Notarzt. Trotz des großen Engagements kommt es vor, dass Schichten unbesetzt bleiben. Noch ist das die Ausnahme, doch das Problem könnte sich in Zukunft verschärfen.

Landkreis – Christian Sänger ist ein alter Hase im Geschäft. Seit 30 Jahren arbeitet der Leiter der Geriatrischen Rehabilitation am Schongauer Krankenhaus als Notarzt. Gemeinsam mit Cornelius Pahl, niedergelassener Arzt in Birkland und Vorstand des Vereins Notärzte Schongau, kümmert sich Sänger für den Standort Schongau darum, dass jederzeit ein Notarzt zur Verfügung steht. Er plant die Tagschicht, die von 8 bis 16 Uhr geht und sich aus Ärzten des Krankenhauses rekrutiert. Pahl ist für die Schichten von 16 bis 8 Uhr und am Wochenende zuständig. Den Notfalldienst übernehmen in dieser Zeit vor allem niedergelassene Ärzte. „Aber die Grenze ist in beiden Bereichen fließend“, sagt Sänger. Insgesamt 21 Mediziner zählen zum Notarzt-Pool in Schongau. In Weilheim fahren 20 Ärzte regelmäßig Notarzt-Einsätze, in Penzberg, dem dritten Notarztstandort im Landkreis, sind es 15.

Die Einteilung ist aufwendig. Oft brüten Sänger und Pahl zu Monatsbeginn mehrere Stunden über den Dienstplänen, um alle Wünsche unter einen Hut zu bringen und vor allem alle Schichten zu besetzen. Nicht immer gelingt das, gerade an Feiertagen wie Weihnachten wird es schon mal eng. „Viele Kollegen haben Kinder, da ist man froh, wenn man an solchen Tagen keinen Dienst hat.“

Grund zur Panik bestehe aber nicht, beruhigt Sänger. Im gesamten Jahr 2019 seien gerade mal zwei Prozent der Schichten unbesetzt geblieben. Damit liege man unter dem bayernweiten Schnitt von drei Prozent, betont der Mediziner. Er widerspricht damit den kürzlich im Nachbarlandkreis Landsberg kolportierten Zahlen, wonach im Raum Schongau 15 Prozent der Notdienstzeiten unbesetzt blieben. „Woher diese Zahl kommt, ist mir ein Rätsel.“

Der schlechteste Monat sei mit fünf Prozent der Oktober gewesen. Im Dezember habe man mit 3,8 Prozent deutlich darunter gelegen, wenn auch über dem Schnitt. Viel hänge davon ab, ob Ärzte, die viele Notarztdienste leisten, ausfallen, etwa durch Urlaub. „Das reißt schnell mal ein Loch in die Planung“, sagt Sänger. Eine kritische Phase sei zudem zwischen 7 und 8 Uhr. „Niedergelassene Ärzte wollen oft verständlicherweise nur bis 7 Uhr fahren, damit sie rechtzeitig in der Praxis sind“, sagt der Chefarzt. Für Ärzte, die im Krankenhaus arbeiten, würde ein früheres Einspringen wiederum einen längeren Dienst bedeuten. „Da kommt es vor, dass es in dieser Stunde keinen Notarzt in Schongau gibt.“

Wenn es schnell gehen muss, kommt der Notarzt per Hubschrauber

Genau wie bei Schichten, die nicht besetzt sind, bedeutet das allerdings nicht, dass Patienten bei einem medizinischen Notfall nicht versorgt werden. In den Fällen schicke die Einsatzleitstelle den am nächsten verfügbaren Notarzt in der Region – wenn es schnell gehen muss, wird dieser auch mit dem Helikopter zum Einsatzort geflogen.

Auch wenn der Notarztdienst in Schongau derzeit noch gut läuft: In Zukunft könnte sich die Situation durchaus verschärfen. An der Bezahlung liegt das laut Sänger nicht, die sei ausreichend. Er verweist vielmehr auf den Ärztemangel und den anstehenden Generationswechsel. Viele junge Mediziner würden heutzutage mehr Wert auf eine ausgewogene „Work-Life-Balance“ legen. Die Doppelbelastung durch freiwillige Notarzt-Dienste passt da schlecht dazu. Man baue deshalb schon jetzt viele Brücken, damit der Notarztdienst attraktiv sei für die jungen Kollegen, so Sänger. Ruhige Nächte seien allerdings die Ausnahme. 2019 kamen allein die Schongauer Notärzte auf 1725 Einsätze, landkreisweit rückte der Rettungsdienst 4900 Mal aus.

In Weilheim kann Martin Goliasch die Beobachtungen seines Schongauer Kollegen bestätigen. „Ohne unsere Elefanten würde das System auch bei uns zusammenbrechen“, sagt der Vorsitzende des Vereins der Notärzte Weilheim. Die Bereitschaft, die Arbeit – in dem Fall den Notarztwagen – nach Dienstschluss mit nach Hause zu nehmen, sei bei jüngeren Kollegen nicht mehr ohne weiteres gegeben. Umso wichtiger sei es, rechtzeitig um den Nachwuchs zu werben. In Weilheim habe man das Glück, dass der Ärztliche Direktor am Krankenhaus, Andreas Knez, den Notarzt-Dienst fördere. Unbesetzte Schichten habe es dank der engagierten Kollegen 2019 nicht gegeben.

In Penzberg ist die Lage noch entspannt

Auch in Penzberg ist die Lage an der Notarzt-Front noch entspannt. Eine aktive Suche nach Notärzten sei bisher nicht erforderlich gewesen, weil die aktuelle Größe der Notarztdienstgruppe einen guten Kompromiss zwischen zu besetzenden Diensten, persönlichen Dienstwünschen und erforderlicher Routine darstelle und die Fluktuation innerhalb der Gruppe relativ gering sei, teilt Martin Umbach mit, der für die Einteilung der Wochenend-, Feiertags- und Nachtschichten zuständig ist. Es gebe sogar eine Warteliste. Nur selten, etwa einmal im Jahr, komme es vor, dass man bei der Besetzung auf auswärtige Hilfe zurückgreifen müsse.

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Grundstücke waren im vergangenen Jahr im Landkreis Weilheim-Schongau ein begehrtes Gut. Das treibt die Preise weiter in die Höhe. Über 520 Millionen Euro wurden laut Landratsamt umgesetzt – das ist ein Rekordwert.

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