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Kunsthistorikerin Diana Oesterle und Restauratorin Simone Bretz untersuchen in Nancy ein Hinterglasbild.

Forschungsprojekt: Hinterglasmalerei der klassischen Moderne

Auf den Spuren gläserner Schätze - wie das Museum Penzberg und seine Partner eine Lücke schließen

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Wer sich in der Kunstwelt mit der Hinterglasmalerei der klassischen Moderne beschäftigt, kommt an Penzberg nicht vorbei. Über eine halbe Million Euro hatte die Volkswagenstiftung in ein Forschungsprojekt des Museums gesteckt. Es ist nun nach fast vier Jahren beendet. Für Museumsleiterin Diana Oesterle war es auch eine Entdeckungsreise.

Penzberg – Die Hinterglasmalerei der klassischen Moderne von 1905 bis 1955 war bisher ein vernachlässigtes Forschungsgebiet. Sucht man Literatur darüber, finde man gerade mal ein paar Regalzentimeter, so Expertin Simone Bretz, die zum Forscherteam gehörte. Dabei hatten einst viele bekannte Maler diese fragile Technik ausprobiert und beherrscht, etwa Heinrich Campendonk, Wassily Kandinsky, Franz Marc und Gabriele Münter. Diese Vier sind aber nur ein kleiner Ausschnitt.

Als das Forscher-Team, darunter Kunsthistorikerin Diana Oesterle, Restauratorin Simone Bretz und Chemiker Simon Steger, vor vier Jahren mit der Recherche begann, wusste es von 36 Künstlern und 400 Hinterglasbildern. Am Ende des Forschungsprojekts, das das Team durch 30 Depots und Museen in Europa führte, sind es nun 130 Künstler und 1200 Werke. „Von denen wir aber nicht alle untersuchen konnten“, sagt Diana Oesterle.

Volkswagenstiftung finanziert Forschung mit über halben Millionen Euro

Wie kam es zu dem Forschungsprojekt über die „Hinterglasmalerei als Technik der klassischen Moderne von 1905 bis 1955“? Das Penzberger Museum hatte schon zuvor Erfahrung mit dieser Technik: Es erforschte mit Restauratorin Bretz die Hinterglasbilder Campendonks, von denen das Museum selbst über ein Dutzend in seinen Beständen hat. 2015 bewarb sich das „Museum Penzberg – Sammlung Campendonk“ bei der „Volkswagenstiftung“ in Hannover um die Finanzierung eines Forschungsprojekts, das weit über die gläsernen Schätze Campendonks hinausgehen sollte. Und die Penzberger erhielten eine Zusage: erst für 492 000 Euro und vergangenes Jahr zusätzlich für 60 000 Euro. Projektleiterin war anfangs die damalige Museumsleiterin Gisela Geiger. Die Partner waren hochkarätig: die Bundesanstalt für Materialforschung in Berlin, deren Chemiker Simon Steger Farben und Bindemittel analysierte und dazu eine Doktorarbeit schrieb, das Münchner Doerner-Institut der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und Restauratorin Bretz aus Garmisch-Partenkirchen, die die Maltechnik beleuchtete. Eine schwierige Technik: Denn die Künstler bemalten das Glas von hinten und mussten spiegelverkehrt denken.

Hinterglasmalerei der klassischen Moderne: Zwei Doktorarbeiten

Eine besondere Rolle fiel Diana Oesterle zu. Sie beerbte Gisela Geiger im Oktober 2018 als Projektleiterin. Die 40-Jährige befasste sich erstens mit der Kulturgeschichte des Glases im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Zweitens ging es ihr um die Bedeutung der Hinterglasbilder im Gesamtwerk der Künstler und wie diese sich in ihrer Technik unterschieden oder ähnelten. Das Ergebnis ist eine Doktorarbeit, deren Fertigstellung laut Oesterle in den letzten Zügen liegt.

In den vier Jahren ging es immer wieder auf Reisen, etwa ins französische Nancy, wo Étienne Cournault lebte. „Er hat irre Sachen gemacht, zum Beispiel witzige Collagen mit Filmnegativrollen, Glitter und Samt auf Glas“, erzählt Oesterle. Die Tänzerin Josephine Baker habe einst gläsernen Schmuck von ihm besessen.

Forschung zur Hinterglasmalerei: 30 Museen und Depots in Europa

Sehr angetan hätten es ihr auch die Künstlerinnen wie Lilly Hildebrandt und Nell Walden. Den Nachlass Nell Waldens studierten Oesterle und Bretz im schwedischen Landskrona. „Die waren ganz überrascht, dass wir zwei Tanten aus Süddeutschland anrückten“, sagt Oesterle schmunzelnd. Ihre Gastgeber seien aber auch begeistert gewesen, dass es so ein Forschungsprojekt gibt und sie ein Teil davon waren. Eine Erfahrung, die die Forscherinnen oft machten, selbst im „Centre Pompidou“ in Paris. „Wir waren erstaunt, wie offen und neugierig wir empfangen wurden.“ Sie besuchten 30 Museen und Depots in Belgien, Niederlande, Frankreich, Schweiz, Schweden und Deutschland.

Sie habe sich dabei auch als Botschafterin des Penzberger Museums gefühlt, sagt Oesterle. Die Begegnungen haben vielleicht auch Türen geöffnet, um in Zukunft Leihgaben zu erhalten. Sie sei dankbar, dass die „Volkswagenstiftung“ dies ermöglicht habe, deshalb spüre sie auch eine große Verantwortung, sagt die Museumsleiterin.

Forschung zur Hinterglasmalerei: Ausstellung 2020 im Museum Penzberg

Was sie bei ihrer Forschung Neues herausfand, verrät Diana Oesterle noch nicht. Das muss bis zur Veröffentlichung der Doktorarbeit warten. Was sie aber faszinierte, war die Kulturgeschichte des Glases in Architektur, Literatur, Film und Malerei. Glas sei Anfang des 20. Jahrhunderts ein „hypermoderner Werkstoff“ gewesen, der das Leben durchdrang und erstmals große Glasfronten ermöglichte. Ein Beispiel ist die „Bauhaus“-Architektur. Glas spiegelte einen gesellschaftlichen Wandel wider, im Faschismus herrschte dagegen Beton vor. Klar, dass auch Künstler mit Glas experimentierten, was Ende der 1930er Jahre aber wieder abebbte.

Die Abschlusspublikation des Projekts soll Ende 2020 erscheinen. Schon im Sommer 2020 wird es dazu aber eine Ausstellung in Penzberg geben, mit Hinterglasarbeiten aus den Jahren 1910 bis 1960, gefolgt von einem Hinterglas-Symposium in Berlin.

Weitere Informationen zu dem Forschungsprojekt unter „www.hinterglas-klassischemoderne.de“.

Auch interessant: Zur Erinnerung an die „Penzberger Mordnacht“: Ein Mohnblumen-Meer für Penzberg

Und: Museum Penzberg: Zweimal 1919 - Campendonk, die Revolution und eine Bergwerksstadt

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