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Nach 30 Jahren in der Frühförderstelle wurde Barbara Schwarz (Mitte) verabschiedet.

Eine Frau mit Handicap, 30 Jahre, 600 Kinder - Barbara Schwarz und die Penzberger Frühförderstelle

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30 Jahre lang arbeitete Barbara Schwarz in der Penzberger Frühförderstelle, davon 25 Jahre als Leiterin. Die Diplom-Psychologin ist nun in den Ruhestand gegangen. Was sie an den Kindern immer faszinierend fand: Dass die Kleinen ganz offen mit ihrer Contergan-Schädigung umgingen und für sie die Behinderung keinerlei Rolle spielte.

Penzberg – Barbara Schwarz ist – fast – eine Frau der ersten Stunde. Die Frühförderstelle in Penzberg bestand gerade mal zwei, drei Jahre, da stieß Barbara Schwarz zu der Einrichtung, gleich von Anfang an als Leiterin. 1989 war das. Es sei für sie schon während des Psychologie-Studiums an der Ludwig-Maximilians-Universität in München klar gewesen, dass sie mit Kindern und Eltern arbeiten wolle. „Und es hat immer viel Spaß gemacht.“

In der Frühförderstelle werden Kinder vom Babyalter bis zur Einschulung therapeutisch gefördert. Es sind Kinder, deren Entwicklung sich verzögert hat, die zum Beispiel ihrem Alter entsprechend nicht malen, sprechen oder balancieren können, die sehr aggressiv sind oder sich nichts zutrauen. Heute kümmern sich zehn Mitarbeiterinnen um die Kleinen, darunter Logopädin, Ergotherapeutin, Physiotherapeutin, Sozialpädagogin und Psychologin. Als Barbara Schwarz in Penzberg anfing, waren es noch zwei, drei Mitarbeiterinnen. Derzeit werden in der Penzberger Frühförderstelle etwa 60 Kinder betreut. Um wie viele Buben und Mädchen sich Barbara Schwarz selbst in den 30 Jahren kümmerte, ist schwer zu schätzen. 500 bis 600 dürften es aber schon gewesen sein, sagt Hannah Kaiser, die heute die Frühförderstelle leitet.

Barbara Schwarz leitete die Penzberger Frühförderstelle 25 der 30 Jahre

Barbara Schwarz, die in Mühldorf am Inn geboren wurde und in München lebt, war von 1989 bis Januar 2014 Leiterin der Frühförderstelle, die vergangenen fünf Jahre dann Stellvertreterin ihrer Nachfolgerin Hannah Kaiser. Von den Kindern hat sie sich bereits in den Weihnachtsferien verabschiedet. Nun ging die Diplom-Psychologin mit Familientherapie-Ausbildung auch offiziell in den Ruhestand. Es sei „immer eine traumhafte Zusammenarbeit“ gewesen, sagte Sigrid Klasmann, Geschäftsführerin der „Kinderhilfe Oberland“, die Träger der Förderstelle ist. Hannah Kaiser lobte ihre Wertschätzung, ihr Wohlwollen und ihre Spielfreude mit den Kindern. „Ich habe viel von Dir gelernt, auch ein Stück Gelassenheit.“ Eine Nachfolge für die Stellvertreterposition gibt es momentan noch nicht. Als Psychologin folgte ihr Johanna Stölzle. die auch systemische Paar-, Einzel- und Familientherapeutin ist.

Barbara Schwarz: Ruhestand wegen Spätfolgen der Contergan-Schädigung

Dass Barbara Schwarz nun mit 58 Jahren in den Ruhestand gegangen ist, hat etwas mit den Spätfolgen ihrer Contergan-Schädigung zu tun. „Sie machen sich bemerkbar, ich komme an meine körperliche Leistungsgrenze.“ Darum müsse sie sich nun kümmern. Sie wolle ihre Zeit „noch ausnutzen mit einem guten Gefühl“. Barbara Schwarz fotografiert und reist sehr gern. Sie war schon in den USA, in Namibia und Südafrika. Heuer soll es erstmals nach Australien gehen. „Das sind Sachen, die ich jetzt machen muss, bevor es körperlich nicht mehr geht.“

Barbara Schwarz: Fasziniert von der Offenheit der Kinder

Während ihrer Arbeit spielte die Contergan-Schädigung keine große Rolle. Nach Penzberg fuhr sie trotz der fehlgebildeten Arme mit dem Auto, zum Spielen mit den Kindern nutzte sie die Füße. „Was mich immer fasziniert hat, war die Offenheit der Kinder“, erzählt sie. „Sie sind ganz unbefangen damit umgegangen und haben ganz offen Fragen gestellt: Wieso hast Du so kurze Arme?“ Die Unbefangenheit erlebte Barbara Schwarz auch bei ihrem Arbeitgeber und ihren Kolleginnen: „Es ist ja nicht selbstverständlich, jemand mit Handicap einzustellen“. Sie sei immer ganz normal behandelt worden.

Was Barbara Schwarz schön an ihrer Arbeit fand: zu sehen, wie sich die Kinder weiterentwickelten. In dem Alter, sagt sie, habe man gute Möglichkeiten, sie zu unterstützen. Gefallen hat ihr auch, dass „jeder Tag neu und spannend“ war. „Er war nie langweilig.“ Ganz einfach falle es ihr nicht, nun zu gehen. „Ich war immer gern hier.“

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