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Viele Babys: Penzberger Mütter brachten im vergangenen Jahr 151 Kinder in auswärtigen Kliniken zur Welt.

Bilanz nach sieben Jahren

Eine Stadt ohne Geburtshilfe

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In Penzberg schloss vor sieben Jahren die Geburtshilfe am Krankenhaus. Wie ist die Situation seither? Wir haben nachgefragt.

Penzberg – „Ohne Babys stirbt Penzberg!“ Mit diesem Ausruf protestierten die Hebammen des Penzberger Krankenhauses vor sieben Jahren gegen die Schließung der Geburtshilfe. Im Jahr zuvor – 2009 – waren im Penzberger Krankenhaus 133 Kinder geboren worden. Weitere 73 Mütter brachten ihre Babys in anderen Krankenhäusern zur Welt. Der „Krankenhaus GmbH“ des Landkreises Weilheim-Schongau, zu der das Haus damals gehörte, war das zu wenig. Sie argumentierte mit den Kosten für eine 24-stündige frauen- und kinderärztliche Versorgung und damit, dass bei dieser Geburtenzahl die Qualitätsanforderungen der Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe nicht erfüllt würden.

Am 30. September 2010 schloss die Geburtshilfe in Penzberg. Kein Einzelschicksal. In den vergangenen acht Jahren machten an über 35 Kliniken in Bayern die Kreißsäle dicht, zuletzt in Bad Tölz, Bad Aibling und Erding, bald auch in Gräfelfing. Zu den Begründungen gesellten sich die schlechten Rahmenbedingungen und ein daraus resultierender Hebammenmangel.

Penzberger Kinder werden heute woanders geboren. Im vergangenen Jahr gab es laut Standesamt vier Hausgeburten in Penzberg. Die restlichen 151 Buben und Mädchen kamen in auswärtigen Krankenhäusern zur Welt. 45 Mütter brachten ihre Kinder in Starnberg, 41 in Garmisch-Partenkirchen und eine geringe Zahl in Weilheim zur Welt. Das teilten die Krankenhäuser auf Anfrage mit. Die meisten Mütter dürften nach Bad Tölz gefahren sein, schätzt der Penzberger Frauenarzt Dr. Sebastian Zuber. Die dortige Geburtshilfe schloss jedoch heuer im März. Zuber glaubt, dass deshalb künftig mehr Frauen nach Wolfratshausen ausweichen, wo die Geburtshilfe gerettet wurde. In jedem Fall sind seit der Schließung der Geburtshilfestation am Penzberger Krankenhaus die Wege weiter geworden – und das erzeugt Ängste bei Schwangeren.

Frauenarzt Zuber kennt die Ängste, dass das Kind im Stau vor Eschenlohe zur Welt kommt. „Ich versuche, ihnen die Ängste zu nehmen“, sagt er. Er kenne keinen Fall, bei dem das passiert sei. „Normalerweise kündigen sich die Geburten durch die Wehen rechtzeitig an“, sagt Zuber. „Bei den allermeisten dauert es Stunden.“ Schwerer wiegt seiner Ansicht nach die hohe Qualität von Perinatalzentren wie in den Krankenhäusern Starnberg und Garmisch, die eine Hauptabteilung mit festen Ärzten und Hebammen rund um die Uhr haben.

„Die Ängste der Frauen sind begründet“, sagt dagegen Claudia Hindenberg, die bis 2010 Hebamme am Penzberger Krankenhaus war. Nachvollziehen kann sie die Befürchtung, dass es in großen Häusern mit 3000 Geburten im Jahr unpersönlicher zugeht, und auch die Angst vor weiten Wegen. „Garmisch scheuen viele Frauen wegen der Staus“, sagt sie. Hebamme Almut-Ulrike Lorenz erzählt, dass es „richtig Panik“ bei Schwangeren gebe, die sich ohnehin in einer hochemotionalen Situation befinden. „Schaffe ich es noch in die Klinik?“ Das sei bei der Geburtsvorbereitung ein großes Thema. Bei Erstgebärenden, erklärt Almut-Ulrike Lorenz, dauere es mit der Geburt länger, bei jedem weiteren Kind gehe es aber schneller. Die Hebamme weiß von Müttern, die ihr Kind im Auto auf dem Weg zum Krankenhaus geboren haben. Als es noch die Geburtshilfe in Penzberg gab, „wusste man, dass man in fünf Minuten da ist“, erzählt sie – eine „beruhigende Situation“.

Was raten die Hebammen den Schwangeren? Im Zweifelsfall in der Klinik nachschauen lassen, ob das Baby bald kommt, sagt Almut-Ulrike Lorenz. Und zur Beruhigung: „Die Wehen beginnen – wegen der Hormone – meist abends oder nachts. Und zu dieser Zeit sind die Straßen frei.“ Claudia Hindenberg empfiehlt, sich die Kreißsäle anzuschauen und „nach Bauchgefühl“ zu entscheiden, ob man in eine große Klinik wie Starnberg oder Garmisch oder in ein kleines Haus wie Wolfratshausen will.

Dass Geburtshilfen an kleinen Krankenhäusern schließen, halten beide Hebammen für ein Trauerspiel. Claudia Hindenberg hatte nach dem Aus in Penzberg ein Geburtshaus in Bad Tölz eröffnet. Vor zwei Jahren musste sie es schließen, weil sie keine außerklinisch tätigen Hebammen fand. Im Jahr 2009, erzählt sie, habe eine Hebamme noch 1700 Euro pro Jahr für die Haftpflicht gezahlt. Jetzt seien es 7500 Euro. Sie selbst arbeitet künftig am Wolfratshauser Krankenhaus.

„Es ist eine politische Entscheidung“, sagt Frauenarzt Zuber. Wären Geburtshilfen an kleineren Krankenhäusern gewünscht, würde die Versicherungsprämie subventioniert. Sie sei auch für Frauenärzte hoch, die sich für Geburtshilfe entscheiden: Bei einem Neuvertrag liege sie bei 50 000 Euro, sagt er. Mit einer Geburt verdiene ein Belegarzt jedoch nur 400 bis 500 Euro.

Die weiteren Wege haben übrigens keine Auswirkungen auf die Zahl der Hausgeburten. Frauenarzt Zuber geht davon aus, dass es eher weniger werden, weil im Falle eines Notfalls die Nähe zu einem Krankenhaus fehlt. Das bestätigt Hebamme Hindenberg: „Man nimmt den Müttern auch diese Möglichkeit.“

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